Baden
Volksblatt-Redaktoren: «Wir haben oft für Unruhe gesorgt»

Vor 25 Jahren erschien die letzte Ausgabe des Aargauer Volksblatts. Zwei einstige Redaktoren erinnern sich

Roman Huber
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Ruedi Baumann (links) und Jürgen Sahli vor ihrem ehemaligen Arbeitsort an der Rütistrasse in Baden, dem einstigen «AV»-Gebäude.

Ruedi Baumann (links) und Jürgen Sahli vor ihrem ehemaligen Arbeitsort an der Rütistrasse in Baden, dem einstigen «AV»-Gebäude.

Roman Huber

Ein Medienbeben fand damals in der aargauischen Zeitungslandschaft statt, als im Herbst 1992 das Ende des «Aargauer Volksblatts» und dessen Übernahme durch das Badener Tagblatt angekündigt wurde. Am 31. Oktober verabschiedete sich das «AV» mit einer 48 Seiten starken Schlussnummer. Zuvor hatte das «Vaterland», das journalistische Paradepferd der CVP, von dem das «AV» lange Zeit den Inland- und den Auslandteil bezog, schon das Zeitliche gesegnet.

Zwei «AVler», der Badener Ruedi Baumann, lange Jahre Ressortleiter «Zürich», heute noch im Pensionsalter reduziert tätig beim «Tages-Anzeiger», und Jürgen Sahli, in Wettingen aufgewachsen und bis diesen Sommer Chefredaktor bei Radio Argovia, erinnern sich. Damals herrschte auch ein Konkurrenzkampf zwischen dem Aargauer Volksblatt und dem Badener Tagblatt.

Zusammenhalt im «AV»-Team

«Wir hatten eine sehr intensive Zeit», erzählen die beiden. «Wir waren ein junges Team, das zu kleinem Lohn arbeitete und gegen grosse Namen wie Mathias Saxer und Erich Radecke beim BT anzutreten hatte», schildert Ruedi Baumann. «Doch gerade die unterschiedlichen Mittel, der frühe Redaktionsabschluss, den wir hatten, weil das AV vor dem BT gedruckt werden musste, der Druck zudem von oben und von aussen, all das trug zum Zusammenhalt bei.» Die «AV»-Crew sei stolz gewesen, wenn sie einmal schneller als die grosse Konkurrenz gewesen sei, sagt Baumann, und schmunzelt, als wäre es gestern gewesen. «Wir waren ehrgeizig, und etwas frecher, und aufgrund unserer Zusammensetzung wohl eher links», weiss er noch gut.

«Wir haben darum auch öfters für Unruhe gesorgt, nicht zuletzt bei der CVP-Leserschaft», erinnern sich beide noch gut. Nur wenige in der Redaktion seien der CVP wirklich nahegestanden, und «trotzdem hat die Partei gemeint, wir seien ihre Zeitung», weiss Sahli genau. So habe die CVP Wettingen einmal als Reaktion auf die Berichterstattung eine Zeitungs-Abstellungsaktion durchgeführt.

Einst Parteiorgan der Katholisch-Konservativen: Aargauer Volksblatt (1911 bis 1992)

Von 1911 bis zum 31. Oktober 1992 erschien das Aargauer Volksblatt als Tageszeitung in der Region Baden und in den katholischen Gegenden des Aargaus. Es ging aus dem Bezirksparteiblatt «Badener Volksblatt» hervor und war zu früheren Zeiten das Organ der Katholisch-konservativen Partei des Kantons Aargau.
Herausgeber war einst der Katholische Presseverein Baden. Gedruckt wurde es bis 1930 in der Druckerei Heller. 1976 gingen die Verlagsrechte vom Presseverein an die Buchdruckerei AG über. Das Blatt unterlag seit den 1960er-Jahren einem steten Abonnentenschwund. Aus diesem Grund setzte die Buchdruckerei AG insbesondere auf die Akzidenzdruckerei

Ab den 1970er-Jahren kooperierte die Buchdruckerei AG mit dem Badener Tagblatt. Erst wurde der Sportteil von dort bezogen, dann wurde das Blatt auch im Tagblatthaus gedruckt. Die Verlagsrechte des Aargauer Volksblatts, das zuletzt noch eine Auflage von 6000 Exemplaren hatte, gingen per 1. November 1992 an das Badener Tagblatt über. (-rr-)

Dass letztlich die grossen Namen in der Aargauer CVP die Totengräber des «AV» gewesen seien, wie Jürgen Sahli anführt, bezweifelt Ruedi «muso» Baumann eher. «Die Zeit des AV war einfach abgelaufen, die Zeit der Zeitungskonzentration, wie sie auch heute zu spüren ist, hat im Aargau eben vor über 25 Jahren schon begonnen.» Überlebt habe das «AV» bereits zu jener Zeit dank der Kooperation mit dem «Badener Tagblatt». Zuerst bezog das «AV», das beim «BT» bereits gedruckt wurde, den Sportteil vom «BT». Das sei schon einschneidend gewesen, hatte doch der Sportteil des «AV» mit den Redaktoren Rico Molo und Matthias Erne einen sehr guten Ruf.

Sahli meint: «Otto Wanner hatte sich als damaliger BT-Verleger die Konkurrenz am Leben erhalten, um die eigene Redaktion anzutreiben.» So blieb das «AV» noch einige Zeit erhalten. Chefredaktor Baumann wurde dann an einem Sommertag im Jahr 1992 von Pius Achermann, Chef der Buchdruckerei AG, ins Restaurant Hertenstein geladen. Es sei bitter gewesen, als ihm das Ende des «AV» eröffnet worden sei. Baumann musste erst das Stillschweige-Abkommen unterschreiben. Danach fasste er die Aufgabe, seinen Teammitgliedern die Kündigung zu überbringen. «Einige von ihnen habe ich an ihrem Ferienort während der Sommerferien aufgesucht», erzählt er. «Wir waren alle jung, und darum brach für uns keine Welt zusammen.» Und das Ende habe sich abgezeichnet: «Die Katholische Kirche steckte dem ‹AV› angeblich viel Geld zu, um die Auflage nach oben zu frisieren», sagt Baumann rückblickend.

Bekannte Namen

«Ich war damals bereits ein Jahr bei Radio Argovia, dennoch hat mich die Nachricht traurig gemacht», erinnert sich Sahli. «In der Presseschau fehlte plötzlich das AV.» Man habe aber schon zu seiner AV-Zeit gewusst, dass es dem Blatt nicht gut ging, und Ideen gesucht, fährt Sahli fort: «Wir diskutierten über ein Gratis-Zeitungs-Projekt nach.» Wie erfolgreich es gewesen wäre, habe später «20 Minuten» vorgemacht, so Sahli.

Trotz der niederschlagenden Nachricht habe das «AV» in den letzten drei Monaten wohl die besten Ausgaben gemacht, sagt Baumann im Rückblick. Heute ist das «AV» Geschichte. Neben Baumann und Sahli sind noch viele «AVler» in der Medienszene geblieben. Heute kennt man noch Thomas Übelmann beim Schweizer Fernsehen, Peter Blunschi bei Watson, Michael Bolliger bei SRF, Thomas Wehrli bei der AZ, Martin Vetterli beim «Beobachter» oder Andreas Capaul, der langjährige Leiter des Regionaljournals. Und dann der damalige Praktikant Markus Somm, der heute Chefredaktor und Verleger der Basler Zeitung ist.