Baden
Nach Verkauf der Dorfbeiz: «Gäste, die Lokale wie die 'Täfern' lieben, sterben aus»

Das «Täfern»-Wirtepaar Friedli spricht über den schwierigen Entscheid, das Restaurant zu schliessen, weshalb die Tochter nicht weiter wirtet und wie die Stammgäste reagiert haben.

Martin Rupf
Merken
Drucken
Teilen
"Der Miststock passt nicht mehr hierher": Markus und Rosmarie Friedli in ihrer Wirtschaft.

"Der Miststock passt nicht mehr hierher": Markus und Rosmarie Friedli in ihrer Wirtschaft.

Alex Spichale

Knapp einen Monat ist es her, seit Rosmarie und Markus Friedli verkündet haben, die «Täfere» in Dättwil auf Ende 2017 zu schliessen. Seit 1880 wirten die Familien Keller und Friedli im Restaurant an der Mellingerstrasse, seit 34 Jahren prägen Rosmarie und Markus das Lokal.

Zum Interview empfangen sie in der «Täfern», die an diesem Tag geschlossen hat – Betriebsferien. Die Tische sind in dünne Plastikfolien gepackt; bald werden die Fensterrahmen gestrichen. Markus Friedli: «Unsere Gäste sollen sehen, dass wir uns bis zum letzten Tag Mühe geben.» Nicht dass es am Schluss noch heisst: «Schau, der Friedli lässt es verlumpen.»

Frau und Herr Friedli, vor drei Wochen gaben Sie bekannt, dass es die «Täfern» ab Dezember 2017 nicht mehr gibt. Für viele Stammgäste wohl ein Schock. Wie sind die Reaktionen ausgefallen?

Rosmarie : Natürlich waren einige erschrocken. Doch unter dem Strich sind die Reaktionen durchweg positiv und verständnisvoll ausgefallen. Viele haben es wohl noch gar nicht mitbekommen, da sie in den Ferien waren ...

Markus: ... wie wir selber auch zum Glück (lacht). So konnten wir auch etwas Abstand gewinnen.

Sie waren an der Pressekonferenz sichtlich aufgewühlt. Kein Wunder, blickt das Restaurant doch auf eine 136-jährige Geschichte zurück. Wann haben Sie den Entschluss gefasst, die «Täfern» zu verkaufen?

Markus : Vor ein paar Monaten sass ich hinter dem Haus auf der Mauer des Miststocks und sah zum Täfernhof 2 hinüber. Da wurde mir klar: Ein Täfernhof 3 wäre doch für dieses Quartier lässig und nicht zuletzt auch ein würdiges Andenken an das Restaurant.

Die "Wirtschaft Täfern" in Dättwil wird auf Ende 2017 verkauft.

Die "Wirtschaft Täfern" in Dättwil wird auf Ende 2017 verkauft.

Alex Spichale

Sie haben die Idee dann mit Ihrer Frau besprochen?

Nein, nicht sofort. In den folgenden Tagen bin ich viel auf dem Pferd geritten – vor allem im Chrüzliberg. Das waren sehr einsame Stunden, in denen viele Gedanken durch meinen Kopf gingen.

Sie haben drei Kinder, eine Tochter ist selbst Gastronomin. Sie haben für sich entschieden, die «Täfern» zu verkaufen, ohne Ihre Tochter vorher gefragt zu haben, ob sie das Lokal weiterführen wolle?

Markus : Natürlich nicht! Schon vor zwei Jahren – auf einer langen Reittour im Jura – haben wir die Sache besprochen. Für uns war immer klar, dass wir auf unsere Tochter keinen Druck ausüben. Wenn man wirtet, muss man das mit Herzblut tun, sonst geht es schief.

Mit anderen Worten: Ihre Tochter wollte die «Täfern» nicht übernehmen?

(Markus zeigt auf den Holzbalken über dem Stammtisch) Sehen Sie die fünf eingravierten Namen der «Täfern»-Wirte? Meine Tochter hat mir gesagt: «Wenn Dich jemand fragt, weshalb ich die ‹Täfern› nicht übernehmen will, dann sag einfach, weil es im Balken keinen Platz für einen weiteren Namen hat.»

Und der wahre Grund?

Rosmarie : Sie will eine Familie haben und es zieht sie in die Berge.

Ihre Tochter wollte also nicht. Eine externe Lösung, also ein Pächter kam für Sie nicht infrage?

Markus : Einen solchen Betrieb zu verpachten, ist fast unmöglich. Zudem müsste man sehr viel Geld in die Beiz stecken, wollte man sie weiterführen.

Als Sie das Ende der «Täfern» verkündeten, sprachen Sie von einem Meilenstein. Ein traditionelles Restaurant verschwindet und wird einem Bürokomplex Platz machen. Das soll ein Meilenstein sein?

Rosmarie : Wenn man die nostalgischen Gefühle einmal ausklammert, muss man nüchtern festhalten: Stammgäste, welche Lokale wie die «Täfern» lieben, sterben nach und nach aus. Gutbürgerliche Küche ist einfach nicht mehr gefragt.

Markus: Sind wir doch mal ehrlich. Der Miststock hinter dem Haus passt doch einfach nicht mehr in dieses Industriequartier. Es hat deswegen sogar schon Beschwerden gegeben.

Wie haben Ihre Frau und Ihre drei Kinder Ihre Verkaufspläne aufgenommen?

Markus : Sehr gut. Das ist mir wichtig, Es ziehen alle mit und haben Verständnis.

Eine Aufnahme aus den 1950er-Jahren: Der Haupteingang der «Täfern» war damals noch zur Hauptstrasse hin ausgerichtet. 1959 erfolgte ein erster Umbau, 1983 wurde die Wirtschaft letztmals umgebaut.

Eine Aufnahme aus den 1950er-Jahren: Der Haupteingang der «Täfern» war damals noch zur Hauptstrasse hin ausgerichtet. 1959 erfolgte ein erster Umbau, 1983 wurde die Wirtschaft letztmals umgebaut.

Zur Verfügung gestellt

Was wahrscheinlich aufgrund eines guten Verkaufspreises wenig verwunderlich ist. Wie viel erhalten Sie für die «Täfern»?

Markus : Konkrete Zahlen nennen wir nicht, das ist mit dem Käufer so vereinbart. Aber ja: Es ist ein Preis, der für beide Parteien stimmt und der es uns auch ermöglicht, in eine finanziell sorgenfreie Zukunft zu blicken. Schämen müssen wir uns deswegen sicher nicht. Wir haben in den letzten 34 Jahren viel gearbeitet und auf einiges verzichtet.

Sie sind beide 60 Jahre alt, hätten also gut noch ein paar Jahre weiterwirten können. Weshalb verkaufen Sie jetzt?

Rosmarie : Das hätten wir, weil wir zum Glück beide noch gesund und fit sind. Doch mit der Firma Nairinella AG als Käuferin, welche schon den Täfernhof 1 und 2 besitzt, hat sich jetzt eine super Möglichkeit ergeben.

Markus: Wer weiss schon, was in fünf Jahren ist, ob dann jemand noch die «Täfern» will? Das Schlimmste wär für mich gewesen, wenn ich ein Schild hätte aufstellen müssen «Täfern zu verkaufen».

Wie haben Ihre rund zwölf Mitarbeiter die Nachricht aufgenommen?

Rosmarie : Gefasst und mit viel Verständnis. Wir werden uns für jeden einzelnen Mitarbeiter einsetzen, damit er eine gute neue Stelle findet. Wer bis zum Schluss bei uns bleibt, erhält zudem eine angemessene Prämie, denn wir wollen die Qualität der «Täfern» bis zum letzten Tag aufrechterhalten.

Markus und Rosmarie Friedli führen die Wirtschaft Täfern in Dättwil seit 34 Jahren. Ende 2017 ist Schluss damit. Ein Teil des Inventars – wie zum Beispiel der hier abgebildete Tisch – bleibt im Familienbesitz.

Markus und Rosmarie Friedli führen die Wirtschaft Täfern in Dättwil seit 34 Jahren. Ende 2017 ist Schluss damit. Ein Teil des Inventars – wie zum Beispiel der hier abgebildete Tisch – bleibt im Familienbesitz.

ALEX SPICHALE

Besitzer der Nairinella AG ist Multimilliardär Karl-Heinz Kipp. Kennen Sie ihn persönlich?

Markus : Ja, Karl-Heinz Kipp ist ein ganz feiner Mann. Er war schon ein paar Mal hier in der «Täfern». Beim ersten Mal hat er sich hier auf diese Bank gesetzt und einen einfachen Wurstsalat gegessen – das hat mir sehr imponiert. Das gibt uns letztlich auch ein gutes Gefühl, weil wir wissen, dass das Projekt bei ihm in guten Händen ist. Ich bin überzeugt: Der Täfernhof 3 wird sich gut in dieses Quartier einfügen.

Sie selber wohnen ja auch in diesem Haus. Werden Sie sich eine neue Wohnung im Täfernhof 3 sichern?

Nein, im Täfernhof 3 wird es keine Wohnungen geben. Wir werden uns vielmehr eine Wohnung suchen, wo wir das Fenster in der Nacht endlich offenlassen können. Das war hier an der Mellingerstrasse nicht möglich. Aber wir bleiben sicher in der Region.

Der Täfernhof 2 konnte vor drei Jahren erst erstellt werden, nachdem sichergestellt war, dass ein Grüngürtel für Ihren Esel «Negi» erhalten bleibt. Sie besitzen auch noch Geissen und ein Pferd. Was passiert mit ihnen?

Rosmarie : «Negi» ist leider vor zwei Jahren im hohen Alter von 35 Jahren gestorben. Immerhin erinnert das Logo des Täfernhof 2 noch an ihn.

Markus: Geissen haben wir keine mehr, die leben bereits bei meinem Bruder in Wohlenschwil im Exil. Dort werden auch das Pferd und die beiden Esel, die wir uns nach «Negis» Tod zugetan haben, leben.

Die «Täfern» ist auch eng mit dem «Badener Tagblatt» verbunden. So war der damalige Verleger Otto Wanner mit seinen Jagdkollegen nach der Jagd immer hier anzutreffen.

Markus : Ja, unser Restaurant und insbesondere mein Werdegang sind eng mit dem «Badener Tagblatt» verknüpft. Ich würde sogar sagen, Otto Wanner war mein grösster Lehrmeister.

Erzählen Sie.

Als wir hier im Alter von 27 Jahren begannen, waren wir nicht nur sehr jung, sondern auch Anfänger. Es kam ein paar Mal vor, dass mich Otto Wanner nach hinten in den Saal zitierte und mir eine Standpauke gehalten hat, was ihm an der «Täfern» nicht passe. Beim 5. oder 6. Mal sagte er mir, ich solle mich setzen. Er lobte mich und sagte mir, wie wohl er sich in diesem Restaurant fühle, um gleich anzufügen: «Wenn Du nachlässt Markus, dann werde ich Dir das rasch sagen.»

Aus den regelmässigen Besuchen Otto Wanners entstand Anfang der 1960er-Jahre der BT-Chlaus, zu dem der Verleger Grössen aus Politik und Wirtschaft einlud. Der heutige Verleger Peter Wanner hat die Tradition weitergeführt. Traditionsgemäss klang der Chlaus in der «Täfern» aus. Hat er sich bereits bei Ihnen gemeldet?

Markus (lacht): Nein, noch nicht. Aber wer weiss, vielleicht kann der BT-Chlaus ja auch in Zukunft hier enden.

Wie bitte?

Es ist denkbar, dass im Täfernhof 3 ein Restaurant entsteht. Wieso nicht ganz oben auf dem Dach, mit herrlichem Blick in die Alpen.

Die "Wirtschaft Täfern" von vorne. Eröffnet wurde sie im Jahr 1880.

Die "Wirtschaft Täfern" von vorne. Eröffnet wurde sie im Jahr 1880.

Alex Spichale

Die «Täfern» hat noch bis Ende 2017 offen. Wirten Sie jetzt einfach ganz normal zu Ende?

Markus : Wir werden uns sicher das eine oder andere einfallen lassen. Vor allem aber wollen wir unseren Gästen etwas von dem zurückgeben, was wir in all den Jahren von ihnen an Treue und Wertschätzung erhalten haben.

Rosmarie: Natürlich war es der schwierigste Moment, das Ende der «Täfern» zu verkünden. Und es wird in den kommenden Monaten bestimmt noch einige emotionale Tiefs geben.

Auch wenn noch etwas früh: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die «Täfern» dann wirklich Geschichte ist?

Markus : Reisen und Freundschaften pflegen. Durch unseren Beruf und aufgrund der Tatsache, dass wir schon früh sehr viel Verantwortung trugen, mussten wir auf einiges verzichten.

Rosmarie: Ich freue mich jetzt schon auf die eine oder andere Kreuzfahrt. Ganz sicher werden wir nicht hier sein, wenn die ersten Bagger ihre Schaufeln in das Haus rammen (sie bekommt feuchte Augen).