Die Augen von Eleonora Berisha leuchten, wenn sie von ihrem Einsatz im Kosovo spricht. Einmal liess sie sich mit einem Seil in einen Black-Hawk-Helikopter der US-Armee hochziehen, erzählt sie. Ihr heutiger Alltag sei etwas weniger spektakulär. Seit Kurzem ist die diplomierte Pflegefachfrau Stationsleiterin auf der Gefässchirurgie im Kantonsspital Baden. Im Alter von 23 Jahren hat sie eine Kaderstelle.

Als ihr Vater Fahredin Berisha im Jahr 1980 in die Schweiz kam, musste er unten anfangen. In einer Fabrik für Bauelemente goss er Beton. Ein Freund hatte ihm die Schweiz empfohlen. In seiner Heimat, der kosovarischen Stadt Mitrovica, fehlte es an Arbeit und Perspektiven. Es war eine Zeit, als Schweizer Firmen noch mehr als heute um ausländische Arbeitskräfte warben. Erst später wurde der «Jugo» und damit auch die Kosovoalbaner zum Feindbild.

«Sind Sie aus Graubünden?»

Davon hat Eleonora aber kaum etwas mitbekommen. An Diskussionen oder gar Diskriminierungen auf dem Schulhof erinnert sie sich nicht. Auf ihre Wurzeln im Kosovo sei sie nie angesprochen worden. «Heute fragen mich ältere Patienten manchmal, ob ich aus Graubünden komme», sagt sie und lacht. Sie ist in Windisch AG aufgewachsen und lebt heute in Baden. Albanische oder kosovarische Patientinnen freuten sich, wenn sie mit Berisha in ihrer Muttersprache sprechen können.

Schlägt ihr Herz nun mehr für den Kosovo oder mehr für die Schweiz? «Ich bin Schweizerin mit Wurzeln im Kosovo», sagt sie nicht ohne Stolz und fügt an: «Ich war schliesslich in der Schweizer Armee.» Dazu kam es, weil sie sich für einen Einsatz bei der Swisscoy anmeldete. Das ist der Verband der Schweizer Armee, welcher sich an der Nato-Mission im Kosovo beteiligt. Nach einer zweimonatigen Ausbildung in Stans NW leistete sie einen sechsmonatigen Einsatz vor Ort. Als Sanitäterin war sie in einem Lazarett stationiert. «Manchmal vermisse ich die Uniform, wenn ich am Sonntagabend die Rekruten am Bahnhof sehe», sagt Berisha.

Die Stationierung im Kosovo war für Berisha von Vorteil, weil sie die lokale Sprache spricht. Sie sagt aber, dass der Einsatzort für sie nicht entscheidend war. «Ich wäre auch nach Bosnien gegangen.» Als der Kosovo diesen Samstag vor 10 Jahren unabhängig wurde, war Berisha 13 Jahre alt. «Ich kann mich noch erinnern, dass ich etwas verunsichert war. Ich machte mir Sorgen, was nun passieren würde.» Ihr Vater Fahredin hat den Tag besser in Erinnerung. «Wir waren überglücklich. Man muss sich das vorstellen, wie wenn die Young Boys Schweizer Meister würden, nachdem sie all die Jahre davon geträumt haben.» Fahredin und Eleonora sind grosse Fans des FC Basel.

Die Unabhängigkeit des Kosovos spielt für Eleonora Berisha keine grosse Rolle in ihrem Leben. Dass kürzlich ein kosovarischer Politiker auf offener Strasse ermordet wurde, hat sie nicht einmal mitbekommen. Zu ihren Freunden zählen auch Serbinnen. Die Konflikte auf dem Balkan sind in Baden vor allem eines: weit weg.