Ehrendingen

Hausarzt übergibt Lebenswerk «in beste Hände» – und warum er beim Spazieren auf die Gärten seiner Patienten schaut

Hanspeter Faes übergibt das Ärztezentrum Lägern an Julia Schneider.

Hanspeter Faes übergibt das Ärztezentrum Lägern an Julia Schneider.

38 Jahre lang war Hanspeter Faes in Ehrendingen tätig. Was er all seinen Patienten empfohlen hat, was belastend war, und wie es weitergeht.

Wer in und um Ehrendingen aufgewachsen ist, der kennt ihn. Entweder vom Hörensagen, oder weil man seine Arztpraxis früher oder später selbst einmal aufsuchen musste. 38 Jahre lang hat Hanspeter Faes im Dorf mit heute fast 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern als Hausarzt gewirkt – und dabei Hunderte von Patienten begleitet.

Nun geht der 73-Jährige in Pension. Mit gutem Gewissen: «Ich gebe mein Lebenswerk in beste Hände.» Ab Januar übernimmt Julia Schneider-Frost.

Junge Ärzte wollen keine Einzelpraxen mehr führen

Von 1982 bis 2014 führte Faes an der Dorfstrasse seine Einzelpraxis. Als er seine Arbeit aufnahm, zählte das Dorf rund 2000 Einwohner. Vor sechs Jahren zog er an die Wetentalstrasse, um dort die Infrastruktur für eine Gemeinschaftspraxis aufzubauen. In weiser Voraussicht. Faes sagt:

Das sei ein Grund, warum viele Hausärzte Schwierigkeiten hätten, Nachfolger zu finden. Diese würden inzwischen Gesundheitszentren bevorzugen. Mit seinem Gesundheitszentrum Lägern konnte er den gewachsenen Ansprüchen der nächsten Generation von Ärztinnen und Ärzten, aber auch denjenigen seiner Patientinnen und Patienten besser gerecht werden: «Auch für sie ist das ein grosser Vorteil. Abklärungen und weiterführende Behandlungen können zeitnah und ohne lange Wartezeiten durchgeführt werden.» Das hätten seine Patienten sehr geschätzt und habe sich gut bewährt.

Hanspeter Faes, Hobbygärtner – aber nicht nur das

Wie viele seiner Patientinnen und Patienten lebt Faes im gleichen Dorf. Die Erlebnisse, die er durch seine Arbeit mit den Menschen hatte, haben ihn geprägt. «Wenn ich durch Ehrendingen spaziere, dann habe ich ein besonderes Auge auf die Gärten», erzählt er. Nicht nur, weil er Hobbygärtner ist, sondern auch, weil er an den Gärten sehen könne, wie der Seelenzustand eines Menschen ist.

Nicht wenige der Menschen, deren Gärten er aufmerksam studierte, kamen zu ihm in die Praxis. Ihm war immer auch deren seelische Verfassung wichtig. Faes sagt deshalb.

Viele betreue man jahrzehntelang. Da ist es nötig, «mit Wohlwollen und Empathie» auf die Menschen einzugehen. Im Gegenzug die Dankbarkeit und das Wohlwollen der Patienten zu erleben, sei für ihn eine grosse Kraft im Alltag gewesen.

Rechtzeitige Vorbereitung auf den Tod als Ratschlag von Faes

Dabei hat er in den fast 40 Jahren seines Wirkens den Menschen immer auch nahe gelegt, eine Patientenverfügung und ein Testament zu verfassen, sich also rechtzeitig auf den Tod vorzubereiten. Vor allem auch, um die Angehörigen abzusichern: «Es ist so wichtig, alles zu regeln, bevor man nicht mehr handlungs- und urteilsfähig ist», bekräftigt er.

Hanspeter Faes in seiner Praxis, die er nun übergibt.

Hanspeter Faes in seiner Praxis, die er nun übergibt.

Er habe es oft erlebt, dass es nach dem Tod Streitereien, Hass und Groll in Familien gab. Das wäre nicht nötig gewesen, wäre es vorher geregelt worden. Ausserdem: «Menschen, die solche Schriftstücke hinterlegt haben, sind seelisch ruhiger.» Faes erinnert sich an einen Patienten, der nach seinem Hinweis alles niederschrieb, und ihm dies beim nächsten Arztbesuch erzählte: «Bis zur Musik, die an seiner Beerdigung laufen sollte, hatte er alles detailreich aufgeschrieben», erzählt Faes mit einem Schmunzeln. Danach sei es nicht lange gegangen und der Patient war verstorben: «Er konnte gut abschliessen und in Ruhe loslassen», sagt Faes. Wenn Menschen in Hass sterben mussten, sei das belastend gewesen: «Damit habe ich immer Mühe gehabt.»

«Dankbar, dass ich so lange weiterarbeiten konnte»

Früher musste er auch noch mehr auf Hausbesuche: «Weil die Menschen noch nicht so mobil wie heute waren.» Faes ist für das über die Jahre ausgebaute Angebot der Spitex sehr dankbar. «Dass die dortigen Mitarbeitenden zum Beispiel Verbände anlegen, hat mir sehr viel Arbeit abgenommen», sagt er. In den Jahren seiner Tätigkeit habe sich aber vor allem der medizinisch-technische Bereich, zum Beispiel die Untersuchungsmethoden, um 90 Prozent verändert.

Nach drei Jahren auf der Suche ist nun mit Allgemeinmedizinerin Andrea Perl, die im Januar 2021 ihre Arbeit aufnimmt, sein Team komplett. Für Faes ist deshalb der optimale Zeitpunkt gekommen, die Praxis zu übergeben:

Er gehe nicht erschöpft und resigniert weg, sondern sei sehr dankbar, dass ihm seine gute Gesundheit überhaupt ermöglicht habe, so lange noch weiterzuarbeiten.

Hanspeter Faes freut sich nun auf mehr Zeit für Bewegung und sportliche Aktivitäten und fürs vertiefte Studium von Themen, die ihn besonders interessieren. «Und dass ich nun meine beiden Enkel häufiger besuchen kann.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1