Bezirksgericht Baden
Frauen zur Prostitution in den Aargau vermittelt: Einblicke in die Praktiken eines Menschenhändlers

Er führte im Aargau zwischen 2006 und 2007 einen Saunaclub, vermittelte Rumäninnen als Prostituierte in die Schweiz und nahm ihnen Geld ab: Jetzt wurde ein heute 45-jähriger Rumäne vom Bezirksgericht Baden wegen Menschenhandels verurteilt. Die Anklageschrift gibt Einblick in die Praktiken einer Branche, die von der Ausbeutung armer junger Frauen aus Osteuropa profitiert.

Fabian Hägler
Merken
Drucken
Teilen
Ein heute 45-jähriger Rumäne vermittelte notleidende junge Frauen zur Prostitution in den Aargau.

Ein heute 45-jähriger Rumäne vermittelte notleidende junge Frauen zur Prostitution in den Aargau.

S. Basler

Adrian B. (Name geändert) kam im grauen Trainer, mit Fussfesseln und begleitet von zwei Kantonspolizisten zur Verhandlung. Der heute 45-jährige Rumäne stand wegen einer Straftat vor dem Bezirksgericht Baden, die im Aargau sehr selten zur Anklage kommt: Menschenhandel.

Der Mann, der heute in Rumänien einen Pferdehof führt und Landwirtschaft betreibt, hatte in den Jahren 2006 und 2007 mehrere Frauen aus Osteuropa als Prostituierte an Etablissements in der Schweiz vermittelt. In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft heisst es, die Sexclubs hätten Adrian B. eine tägliche Entschädigung für die Frauen bezahlt. Diese sei als «Mietgebühr» bzw. «Preis» für die Prostituierten anzusehen, die in diesem System als «Handelsware» bezeichnet werden könnten.

Menschenhändler kommt übermorgen schon frei

Adrian B. war deshalb seit 2008 international zur Verhaftung ausgeschrieben – verhaftet wurde er Ende Juli 2019 eher zufällig, als er nach Griechenland in die Ferien reiste. Danach sass er dort 13 Monate in Auslieferungshaft, wurde schliesslich Ende August dieses Jahres in die Schweiz überstellt, sass hier zwei Wochen in U-Haft und trat am 9. September den vorzeitigen Strafvollzug an.

Bei der Verhandlung unter Leitung von Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr kam das abgekürzte Verfahren zur Anwendung, die Befragung des Beschuldigten fiel entsprechend kurz aus. Adrian B. gab die Delikte zu, die ihm vorgeworfen werden und akzeptierte auch die Strafe: 32 Monate Gefängnis, davon 16 Monate unbedingt, dazu eine Busse von 3000 Franken und eine bedingte Geldstrafe von 3600 Franken.

Die lange Auslieferungshaft in Griechenland führt dazu, dass der Rumäne bereits übermorgen Donnerstag aus der Haft entlassen und danach sofort in sein Heimatland ausgeschafft wird. «Wir sprechen hier von einem schweren Verbrechen», machte die Gerichtspräsidentin am Ende der kurzen Verhandlung klar. Bei der Strafzumessung habe das Gericht aber berücksichtigt, dass Adrian B. ein vollumfängliches Geständnis abgelegt habe und seine Straftaten kurz vor der Verjährung stünden.

Gehilfinnen des Täters schon früher verurteilt

Aus der Anklageschrift, die nach dem verkürzten Gerichtsverfahren zum Urteil erhoben wurde, geht detailliert hervor, wie Adrian B. sein Geschäft betrieb. Schon im Jahr 2000 führte Adrian B. einen Club in Elche / Spanien, dort lernte er die Prostituierte Lana F. (Name geändert) kennen. Die beiden führten laut Anklageschrift eine Liebesbeziehung und Lana F. war später in der Schweiz als Gehilfin von Adrian B. tätig.

Sie war dafür zuständig, die jungen Frauen aus Osteuropa, die ihr Partner hierher vermittelte, in die Prostitution einzuführen, ihre Arbeit zu kontrollieren, von ihnen Geld einzuziehen und dieses an Adrian B. weiterzuleiten. Später übernahm eine andere Frau diese Aufgabe als «verlängerter Arm» von Adrian B, beide Frauen wurden 2009 rechtskräftig wegen Gehilfenschaft zum Menschenhandel verurteilt.

Opfer waren junge Rumäninnen in Not

Bei den Opfern des Menschenhändlers handelte es sich vor allem um junge Rumäninnen «aus äusserst schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen», die sich «in einer Notlage befanden», wie es in der Anklageschrift heisst. Adrian B. sagte bei der Befragung, die Betroffen hätten immer gewusst, dass sie in der Schweiz als Prostituierte arbeiten würden. Er habe in Rumänien damals Inserate geschaltet und offen mit den jungen Frauen geredet.

Das sieht die Staatsanwaltschaft anders, in der Anklageschrift heisst es, die Betroffenen hätten sich nicht vorstellen können, was sie in der Schweiz erwarte. Adrian B. sagte bei der Befragung, er habe nicht gezielt arme Frauen ausgesucht – er räumte aber ein, dass eine Frau in guten finanziellen Verhältnissen «diese Tätigkeit nicht ausüben würde».

Frauen mussten Grossteil ihres Lohns abgeben

In der Anklageschrift finden sich drei konkrete Beispiele von betroffenen Frauen – eine verdiente in Rumänien mit Feldarbeit rund 6 Franken am Tag und ging in der Schweiz der Prostitution nach, um Geld für ihren dreijährigen Sohn und ihre Familie zu verdienen. Nach der Ankunft in der Schweiz musste sie Adrian B. die Auslagen für ihren Reisepass und das Flugticket zurückzahlen.

Je nach Etablissement, in dem die Frauen arbeiteten, gab es unterschiedliche Systeme, wie viel Geld ihnen abgenommen wurde. Im eigenen Saunaclub von Adrian B. im Aargau bezahlten Kunden an der Kasse einen Eintritt von 140 Franken, darin inbegriffen war laut Anklageschrift ein sogenanntes Ticket. Wenn der Frau mit dem Mann für Liebesdienste auf das Zimmer ging, gab er das Ticket dort ab – die Prostituierte erhielt 40 Franken davon, Adrian B. kassierte 100 Franken ein.

In einem Club im Kanton Zürich war das System anders: Der Besitzer zahlte keine «Miete» für die Prostituierten an Adrian B., sondern die Frauen zahlten dem Clubinhaber pro Abend eine Gebühr von 200 Franken. Davon gingen 100 Franken an den rumänischen Vermittler, zudem mussten die Frauen bei einem Tagesverdienst über 500 Franken zusätzliche 100 Franken an Adrian B. abgeben.

Vermittler nutzte Notlage der Opfer aus

Die Frauen durften die Clubs, in denen sie arbeiteten, nicht ohne Begleitung von Adrian B. oder seiner Handlangerin verlassen. Diese sagte den Prostituierten, sie dürften nicht länger als 15 Minuten mit einem Mann im Zimmer verbringen, sonst würden sie bestraft oder es gebe Abzüge beim Lohn. Vom ausbezahlten Geld wurde zudem noch ein Betrag für Kost und Logis abgezogen. Laut der Anklageschrift drohte Adrian B. den Frauen, die nicht kooperativ waren, mit Gewalt – dies bestritt er allerdings bei der Befragung.

Freiwillig war die Tätigkeit der jungen rumänischen Frauen als Prostituierte in der Schweiz gemäss der Staatsanwaltschaft nicht. So musste eine Betroffene «jeden Kunden bedienen, ob sie wollte oder nicht». Adrian B. und seine Handlangerinnen hätten «wissentlich von der offensichtlichen Bedürftigkeit» der Opfer profitiert. Die Zustimmung der Frauen zu ihrem Job als Prostituierte in der Schweiz könne «nicht als tatsächlich erfolgt betrachtet werden», weil die Rumäninnen sich in einer finanziellen Notlage befunden hätten.