Baden
Der Diakon, der Karikaturen zeichnet: Er veröffentlicht seine Cartoons nun in einem Buch

«Gott hat Humor», ist der Badener Fred Grob sicher. Seine Erfahrungen als Gefängnisseelsorger flossen in seine Cartoons, die als Buch erscheinen.

David Rutschmann
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Grob mit dem Buch «Grobs Ein- und andere Fälle».

Grob mit dem Buch «Grobs Ein- und andere Fälle».

Alex Spichale

Der Gegenwartsbezug durfte nicht fehlen: Die erste Seite in Fred Grobs neuem Cartoon- Buch «Grobs Ein- und andere Fälle» zeigt eine Kollektion von Mund-Nase-Bedeckungen, die auf einzelne Berufsbilder ab gestimmt wurden. So muss sich der Bankräuber jetzt mit einer Knarre auf der Maske zu erkennen geben, der Priester mit einem Kreuz und die Prostituierte mit einem Kussmund.

Es ist die neuste von insgesamt 100 Zeichnungen, die in den vergangenen 15 Jahren entstanden sind und nun ihren Weg in das Cartoon-Buch fanden. Die inhaltlichen Charakterstudien und Alltagsbeobachtungen sind fraglos von Loriot inspiriert, an den auch die stets grossnasigen Figuren erinnern. Auch sonst ist Grobs Zeichenstil, passenderweise, grob: Die Figuren sind hastige Kritzeleien mit nur wenigen schwunghaften Strichen als Haaren, ungenau mit wässrigen Farben ausgemalt.

Die Karikaturen sind mal gesellschaftskritisch, zeigen soziale Ungleichheit, Egoismus und Vereinsamung auf. Besonders Bildschirme, seien es Fernseher, Computer oder Laptops, stehen sinnbildlich in einer Vielzahl von Cartoons für Vereinsamung und den Verlust der zwischenmenschlichen Kommunikation. Nicht selten lässt sich Grob auch zur Visualisierung von einfachen Wortwitzen hinreissen.

Von einem Thema zum nächsten

«Wenn sich mir ein Witz aufdrängt, muss ich ihn erzählen», sagt er. So geschieht es auch während unseres Gesprächs, bei dem er gerne von einem Thema zum nächsten springt − «Känguru-Prinzip» nennt er das. Angefangen mit Zeichnen habe er bereits im Primarschulalter, ein kreativer Mensch sei er schon immer gewesen. Heute ist Grob 72, pensionierter Diakon und Sozialarbeiter. Ein bewegtes Leben, das hinter ihm liegt und das sich in seinen Karikaturen widerspiegelt.

Geboren wurde Grob in Neuenburg, seine Muttersprache ist Französisch. «Mit elf kam ich in die Ostschweiz und hab dort diesen schönen Dialekt gelernt», sagt er. In seinem früheren Leben war er Werbefachmann, arbeitete in einem Unternehmen mit 4000 Mitarbeitenden und war mit einer Lehrerin verheiratet. Doch die Ehe ging in die Brüche und die Scheidung warf Fred Grob aus der Bahn.

Grob schaffte es, sein Leben umzukrempeln oder, wie er sagt, «in meinem Herzen aufzuräumen». Rudolf von Keleita, ein ehemaliger BBC-Ingenieur, hatte damals gerade das Café Hope an der Stadtturmstrasse in Baden gegründet, und den Mittdreissiger Grob hatte es nach Baden verschlagen. Von Keleita sinnierte in dem Café über Gott und seinen Glauben, was auch den bisherigen «Papierchristen» Grob nicht unberührt liess. «Ich fragte Gott, ob er mich liebt, und erhielt eine Antwort. Dann ist das Abenteuer los gegangen.» Er heiratete neu («Wieder eine Lehrerin, scheinbar brauche ich jemanden, der mir sagt, wo’s langgeht»), wurde Vater einer Tochter − und widmete sein Leben künftig Gott und denen, die sich so verloren fühlten wie er selbst einst.

Keine Schubladisierungen

Bis 2013 war Grob Diakon der reformierten Kirche in Baden. Aus dem Café Hope baute er ein Sozialwerk mit gleichem Namen mit auf. Und in den Gefängnissen in Baden und Lenzburg kennt man ihn als Seelsorger. «Das Beste, was man Gefangenen schenken kann, ist Zeit», sagt Grob. Und die nimmt er sich. In 40 Jahren als «Knastologe» führte er Hunderte Gespräche mit Kriminellen, Mördern, Dieben und kriegte tiefste Einblicke in Menschengeschichten − doch er verwehrt sich Schubladisierungen. «Es gibt genug Schicksale, in denen ich mich wiedererkenne und denke: Wäre es anders gelaufen, hätte mir das auch passieren können.» Über diese Eindrücke hat er das Buch «Liebe für Ungeliebte» geschrieben.

Mit dem «Prison Fellowship» will er sich darüber hinaus dafür einsetzen, dass Gefangene nach ihrer Entlassung resozialisiert werden können, eine Arbeitsstelle finden. Eine Zeichnung in Grobs neuem Cartoon- Buch bringt es auf den Punkt: Ein verunsichert dreinguckender Gefangener steigt die Gefängnistreppe herab und ist kurz davor, über eine absurd hohe Stufe zu stolpern. «Alles Gueti für d Zuekunft, Herr Müller», ruft man ihm aus dem Gefängnis hinterher. Karikaturen wie diese spiegeln überspitzt Erfahrungen aus Grobs eigenem Leben wider. Es finden sich unzählige Gefängnis-Dialoge, aber auch viele kirchliche Sujets. Manche Cartoons sind mit Bibelsprüchen überschrieben.

Humor lockert heftige Diskussionen

Das Verhältnis zwischen Religion und Humor ist ambivalent, für manche Gläubige liegt der Vorwurf der Blasphemie nahe. Doch Fred Grob ist überzeugt, dass auch Gott Humor hat. Spuren davon findet er überall: Die Existenz von absurd anmutenden Lebewesen wie dem Gürteltier oder der Giraffe beispielsweise − man merkt: Grob ist Kreationist. Mehr noch lockert Humor für ihn heftige Diskussionen auf, und «danach kann man besser weiterstreiten».

Wichtig ist ihm dennoch, dass seine Zeichnungen nicht fies werden. Neckisch sind sie, aber eben noch immer grobe Feinheiten. «Sie sollen Schwächen zeigen, die ich auch habe. Und wenn ich sehe, dass die Leute herzhaft lachen, weiss ich, dass sich auch andere darin wiedererkennen», sagt er und schmunzelt.