Baden
Daniela Fleischmann leitete dreizehn Jahre lang das «Hope»: «Ich war nur ein Baustein Gottes»

Das Sozialwerk Hope in Baden hilft Menschen am Rande der Gesellschaft – stark geprägt hat es Daniela Fleischmann. Nun geht sie in Pension.

Claudia Laube
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Daniela Fleischmann hat das «Hope»-Schiff dreizehn Jahre lang gesteuert – und freut sich nun auf ihr Hausboot.
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Kurt Adler, Leiter Fachstelle Diakon römisch-katholische Landeskirche Aargau 2020 mit Daniela Fleischmann vor der Notschlafstelle.
So sieht die Notschlafstelle innen aus.
Daniela Fleischmann 2018 im Café.
Daniela Fleischmann 2015 mit Röbi Peter, Koch und Betreuer, vor dem "Hope",
Mitarbeiter vom Badener Werkhof montieren 2012 den neuen Container für Randständige auf dem Bahnhofplatz. Rechts: Daniela Fleischmann.

Daniela Fleischmann hat das «Hope»-Schiff dreizehn Jahre lang gesteuert – und freut sich nun auf ihr Hausboot.

Britta Gut

Drei Bilder hängen an den weissen Wänden im Büro von Daniela Fleischmann oberhalb des Cafés Hope in Baden. Sie haben für die Geschäftsleiterin des christlichen Sozialwerks eine besondere Bedeutung. Eines der Bilder, ein Schiff, hat ein ehemaliger Klient gemalt. «Er ist fast blind, was das Werk noch viel eindrucksvoller macht», sagt die Wettingerin.

Sie ist seit 15 Jahren Teil des Sozialwerks, einem Auffangnetz für Menschen am Rande der Gesellschaft. Fleischmann hat die Institution massgeblich mitgeprägt und im Rahmen ihrer Tätigkeit einige Preise eingeheimst. Den letztjährigen Frauenpreis des Aargauischen Katholischen Frauenbundes erhielt sie unter anderem auch für die Initiierung der ersten Notschlafstelle im Aargau.

Daniela Fleischmann in ihrem Büro.   

Daniela Fleischmann in ihrem Büro.   

Britta Gut

Nun geht die 63-Jährige in Pension: «Im Frühling hat mir Gott unmissverständlich klar gemacht, dass die Zeit gekommen ist, einer neuen Kraft das Steuer zu überlassen», sagt die gläubige Christin. Ihre Nachfolgerin, die 43-jährige Deborah Schenker, wird am 20. November ihre neue Arbeitsstelle antreten.

Fleischmann wird sie noch einige Wochen bei der Übergabe begleiten, kann sich aber schon bald ganz ihrer Familie widmen – vor allem ihren demnächst sieben Enkeln: «Meine Familie musste in den vergangenen Jahren stark auf mich verzichten», erzählt die Mutter von drei eigenen Kindern und einer Pflegetochter. Seit 2007 hat Fleischmann das Schiff namens «Hope» gesteuert.

Daniela Fleischmann war leidenschaftliche Hochsee-Seglerin

Eine Metapher, die ideal zu ihr passt und während des Gesprächs immer wieder aufploppt – wie auch das Thema Glauben, einem wichtigen Anker in ihrem Leben. Schiffe begleiteten Daniela Fleischmann von Kind an: Sie war leidenschaftliche Hochsee-Seglerin.

Dieses Hobby hat sie und ihren Vater schon früh zusammengeschweisst und dieses Hobby verbindet sie auch mit ihrem Mann. Das Paar hat sich dank der gemeinsamen Leidenschaft kennen gelernt: «Ich war mit 19 seine Segel-Lehrerin», sagt sie und lacht.

Seit 1983 an gleicher Adresse – inzwischen mit neuem Namen

1983 gründete der pensionierte BBC-Ingenieur Rudolf von Kelaita das «Jesus lebt Hilfswerk». 2004 entschied man sich für die Umbenennung in Christliches Sozialwerk Hope, weil der Jesus-Begriff im Namen zu viele Menschen von einem Besuch abhielt. Bereits 1983 wurde damals an der Stadtturmstrasse 16 in Baden das Café eingerichtet.

Die Sozialbetreuung wurde zuerst durch Freiwillige durchgeführt, 1991 wurden die ersten beiden Mitarbeiter eingestellt. Zu ihren Aufgaben gehörten Besuchsdienst, Gefängnis- und Gassenarbeit. 2010 wurde das Wohnzentrum für Obdachlose oberhalb des Cafés eingerichtet, das die Wiedereingliederung fördert.

2019 kamen Notschlafstelle und Notpension in der Altstadt hinzu. Die Akzeptanz bei politischen und sozialen Gremien wuchs über die Jahre. Daniela Fleischmann freut sich über die «hervorragende» Zusammenarbeit mit den sozialen Diensten der Stadt und den diversen hiesigen Hilfswerken. (cla)

Die in Niederlenz aufgewachsene Fleischmann zog 1982 mit ihrem Mann nach Wettingen, wo er aufgewachsen ist und bis zu seiner Pension eine Zimmerei führte. Mit 42 Jahren änderte sich Daniela Fleischmanns Sicht aufs Leben: Sie lernte den Glauben kennen. Damals habe ihr bisheriges Konzept versagt: «Ein Familienmitglied hatte mit psychischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ich wollte helfen, musste mir aber eingestehen, dass meine Kräfte dafür nicht reichen», sagt sie.

Durch eine Bekannte sei ihr die Kraft Gottes bewusst geworden. Sie war damals mitten im Studium der sozialen Arbeit. Nachdem sie sich jahrelang um ihre Kinder gekümmert hatte, wollte sie sich beruflich neu orientieren. «Ich habe aber immer schon eine soziale Ader besessen», sagt die ausgebildete Lehrerin. So hatte sie schon lange Freiwilligenarbeit geleistet und sich in verschiedenen Kommissionen engagiert.

Zum «Hope» kam sie 2005 mit einem Traum. Sie wollte mit Menschen in Not Weihnachtskarten herstellen. Sie meldete sich beim christlichen Sozialwerk und begann mit einem Pensum von 10 Prozent. 2007 übernahm sie die Geschäftsleitung. Mit ihr am Ruder entwickelte sich die Organisation zu dem, was sie heute ist. Begonnen hat Fleischmann mit drei Angestellten und 20 Freiwilligen, heute sind es 20 Angestellte und 70 Freiwillige – auch weil im September 2019 die Notschlafstelle hinzugekommen ist.
Für Fleischmann ist aber klar: «Ich war nur ein Baustein. Es war Gottes Wille, dass sich das Hope so entfalten konnte.»

Der Glaube ist hier Grundvoraussetzung. «Hier arbeiten nur Menschen, die auf Gott vertrauen», sagt sie. Das beziehe sich aber nicht auf die Freiwilligen und auch nicht auf Klientinnen und Klienten. Der Glaube helfe bei der Zusammenarbeit mit Obdachlosen, die oft mit Suchtproblemen zu kämpfen haben. «Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle, und er gibt allen Menschen Würde. Entsprechend bleiben wir auch in den schwierigsten Fällen dran.»

Menschen, die Bitterkeit keine Chance geben, sind ihr Vorbilder

Sie habe beobachtet, dass Gläubige viel bewusster vergeben und gelassener mit nervenaufreibenden Situationen umgehen können. «Es hat sicher seinen Grund, warum christliche Institutionen oft auf der Gasse arbeiten.» Die Menschen, die man hier antreffe, könnten sehr verletzend sein, «auch weil sie selbst verletzt worden sind.» Viele Menschen, denen sie in ihrer Arbeit begegnete, seien gefangen in ihren Lügen und gäben allen anderen Schuld an ihrem Schicksal.

Doch sie sei auch vielen begegnet, die trotz grosser Lebensschicksale Leichtigkeit und Fröhlichkeit bewahren: «Menschen, die der Bitterkeit keine Chance geben, sind mir grosse Vorbilder», betont Fleischmann.

Ihr Vertrauen in Gott habe sich dank ihrer Aufgabe nur noch gestärkt. So hätten sich, kurz nach dem 2010 der Entscheid gefallen war, ein Wohnzentrum zu eröffnen, sehr schnell Türen geöffnet. Nur drei Tage später habe sie erfahren, dass die bisherigen Mieter der Wohnungen oberhalb des Cafés ausziehen. Und auch das Geld für den Umbau sei rasch zusammengekommen.

Daniela Fleischmann 2010 in einem der neuen Doppelzimmer der Obergeschosse.   

Daniela Fleischmann 2010 in einem der neuen Doppelzimmer der Obergeschosse.   

AZ-Archiv

«Gott macht die Türen dort auf, wo wir sie nicht auftun können». Das ist eine der Lebensmaximen von Fleischmann. Es gebe aber auch Momente, da mache er sie wieder zu. So konnte sie zum Beispiel die bereits fortgeschrittene Planung von dauerhaften Wohnplätzen für Schwerstsüchtige nicht realisieren.

Dann wäre da auch noch die Tür, die nun beim «Hope» für sie zugeht: «Gott liess mich wissen, jetzt ist gut, ich will, dass du weitergehst.» Fleischmann freut sich auf die neue Freizeit – und besonders auch auf das Steuern des Hausboots, das ihr und ihrem Mann gehört.