Bezirksgericht Baden
Häusliche Gewalt: Mann fälschte Brief seiner Ex an ihre Anwältin, damit Strafverfahren eingestellt wird

Ein Kosovare aus der Region Baden schlug seine Freundin und trat ihre Tochter. Nun erhält er die Quittung.

Louis Probst
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(Symbolbild)

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CH Media-Archiv

«Kein Kommentar», entgegnete die Privatklägerin auf die Frage von Gerichtspräsident Patrick Jegge, wie sie denn ihre Beziehung zum Beschuldigten bezeichnen würde. Aus der Befragung der Frau und ihrer Tochter als Mitklägerin entstand aber das Bild einer geradezu klassischen Auf-und-ab-Beziehung.

Das Paar – beide kosovarische Staatsangehörige, er Unternehmer, sie eine geschiedene Frau mit einer Tochter aus erster Ehe und einem Kind mit dem Beschuldigten – hatte sich kennen gelernt, war zusammengezogen, hatte sich getrennt, war wieder zusammengezogen, hatte sich wieder getrennt und doch zusammen Ferien verbracht.

Die Beziehung war von Auseinandersetzungen geprägt. Frau und Tochter aus erster Ehe schilderten, wie sie vom Beschuldigten immer wieder geschlagen worden seien. Die Privatklägerin erklärte:

«Ich habe ihn beleidigt, und er hat mich geschlagen – immer wieder.»

Sie begann zu weinen und fügte an: «Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte.»

Die Anklage listete zwei Vorfälle auf, bei denen der Beschuldigte die Frau mit Schlägen und Tritten traktiert hatte. Auch die Tochter hatte Schläge abbekommen und war an den Haaren gezogen worden.

Vorgeworfen wurde ihm zudem, dass er die Frau genötigt hätte, eine Vereinbarung über den Unterhalt des gemeinsamen Kindes zu unterschreiben, und dass er unter Drohung versucht hatte, ihren Aufenthalt zu erfahren.

Gefälschter Brief mit falscher Unterschrift

Und ihm wurde vorgehalten, mit einem Brief mit der digitalisierten Unterschrift der Privatklägerin deren damalige Rechtsvertreterin veranlasst zu haben, bei der Anklagebehörde mittels einer Desinteresse-Erklärung eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt zurückzuziehen. In der Folge war dieses Verfahren eingestellt worden.

Auf eine erneute Anzeige hatte die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Sie forderte eine Verurteilung wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung, eventuell wegen teilweise wiederholter Tätlichkeiten, mehrfacher, teilweise versuchter Nötigung sowie wegen Urkundenfälschung und beantragte eine unbedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 110 Franken.

«Da ist gar nichts passiert», erklärte der Beschuldigte. «Ich weiss nicht, was sie erzählt.» An einige Vorfälle konnte er sich nicht erinnern, räumte aber ein:

«Ich kann nicht alles bestreiten.»

So habe er der Tochter der Klägerin Ohrfeigen verpasst, weil sie ihn als «Missgeburt» und «Hurensohn» bezeichnet habe. Im Übrigen habe die Klägerin selber ihre Tochter geschlagen. Er sei bloss dazwischengegangen.

Zu Bildern, auf denen die blauen Flecken der Klägerin zu sehen sind, sagte er:

«Diese Bilder stammen von früher. Sie hat sich selber verletzt, um Bilder zu machen.»

Die Unterhaltsvereinbarung habe sie selbst erstellt. «Sie wollte 35'000 Franken von mir. Es stimmt nicht, dass ich sie unter Druck gesetzt habe.» Auch die Rückzugserklärung der Strafanzeige habe die Privatklägerin selber geschrieben. «Ich verwende auch nie digitalisierte Unterschriften.» Zu seiner Beziehung zu ihr meinte er: «Sie kommt immer wieder wegen unseres gemeinsamen Kindes.»

Dieser Fall sei besonders gelagert, stellte die Vertreterin der Privatklägerin fest. «Als junge Frau mit zwei kleinen Kindern war meine Mandantin allein gelassen. Der Beschuldigte war ihre einzige Unterstützung. Meine Mandantin ist immer wieder auf seine Versprechen hereingefallen.»

Sie forderte eine Verurteilung im Sinne der Anklage und machte eine Schadenersatzforderung für Arztkosten sowie Genugtuungssummen von 7000 Franken (Mutter) und von 2500 Franken (Tochter) geltend.

Verteidiger fordert Freispruch

Der Verteidiger beantragte vollumfänglichen Freispruch und Abweisung der Genugtuungsforderung. Die Schadenersatzforderung sei auf den ­Zivilweg zu verweisen, die Kosten der Staatskasse aufzuerlegen und seinem Mandanten eine Prozessentschädigung von 8800 Franken auszurichten.

«Die Privatklägerin äussert offenkundig unwahre Behauptungen», so der Verteidiger. «Erhebliche Zweifel an ihren Darstellungen sowie ihre fragwürdige Glaubwürdigkeit stehen einem Schuldspruch entgegen.» Und bei den Ohrfeigen für die Tochter handle es sich um «erzieherische Zurechtweisungen».

Das Gericht verurteilte den Beschuldigten wegen Tätlichkeit, versuchter Nötigung und Urkundenfälschung zu einer Geldstrafe von 65 Tagessätzen zu je 90 Franken sowie einer Busse von 500 Franken. Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen verwies es auf den Zivilweg.

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