Baden
Zum Abschied von Piero Hummel (1922-2021): Dampfturbinen-Legende und Spitzen-Manager

Am 17. März 2021 ging Leben und Wirken einer grossen Persönlichkeit zu Ende. Wie Piero Hummel den BBC-Konzern über Jahrzehnte geprägt hat.

Helmut Mühlhäuser
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Piero Hummel.

Piero Hummel.

Bild: zvg

Piero Hummel wurde am 2. Dezember 1922 in Winterthur geboren, wo er auch seine Jugend verbrachte. Er studierte Maschinenbau bei Professor Quiby an der ETH in Zürich. Nach dem Erwerb des Diploms betätigte er sich noch zwei Jahre als Assistent am gleichen Lehrstuhl. Doch statt seinem Potenzial entsprechend noch einen weiteren akademischen Grad zu erwerben, zog es ihn hinaus in die Industrie, wo er meinte, mehr bewirken zu können als im Lehramt. Da auf seiner Wunschliste Dampfturbinen stand, war die Firma Brown Boveri (BBC) die richtige Adresse für den Anfänger. Wunschgemäss landete er (26) 1949 in der Dampfturbinen-Abteilung in Baden.

Eine Weltfirma: Das BBC-Areal in Baden auf einer Luftaufnahme von 1951.

Eine Weltfirma: Das BBC-Areal in Baden auf einer Luftaufnahme von 1951.

Historisches Archiv ABB/ Aargauer Zeitung

Wie in einer Weltfirma üblich (damals war es noch eine), musste er am Reissbrett beginnen. Erst unlängst schwärmte er dem Schreibenden dieser Zeilen vor, dass es eine «wundervolle Zeit» für ihn war, da er sich so richtig kreativ als Ingenieur betätigen konnte. Gerade einmal sechs Jahre brauchte es, bis er (32) Vorstand von dieser Abteilung (Abt. D), mit einer Hundertschaft von Mitarbeitern wurde.

Es gelang ihm in kurzer Zeit, aus dem Haufen routinierter Einzelgänger ein schlagfertiges Team zu formen. Dies ergänzte er dann mit Spezialisten aus der Theorie und mit einigen Leuten vom Versuchslokal, die praktische Erfahrung in Dampfkraftwerken mitbrachten. So entstand in den 50er-Jahren eine neue Generation von Dampfturbinen auf dem Zeichenbrett, die eine grössere Leistung, aber auch höhere Zuverlässigkeit ausweisen konnten.

Ein vorbildlicher Chef, in jeder Beziehung

So hatte Hummel schon bald aus seiner Abteilung eine Vorzeigemannschaft geformt, die ein Produkt mit technischen Besonderheiten anbot, das die Konkurrenz in den Schatten zu stellen vermochte. Hummel war ein vorbildlicher Chef, in jeder Beziehung. Er verlangte Leistung und erwartete, dass man seine Aufgaben erfüllte. Er war streng, aber korrekt. Er konnte zuhören und war offen für neue Ideen und überzeugbar mit Argumenten. Manchmal wirkte er autoritär und lehrerhaft, aber auch zum Vorteil des Mitarbeiters. Als der Autor seine erste Turbinen-Präsentation vor einem wichtigen Kunden zu halten hatte – Hummel war auch zugegen – gab dieser danach Tipps für künftige Vorträge:

1. Klarheit vor Präzision

2. Auch wenn er der Kaiser von China wäre, den Vortrag müsse man dem Kunden halten und nicht ihm.

Also ein guter «Schulmeister».

Hummel sorgte auch für einen festen Zusammenhalt in der Abteilung untereinander, indem er für seine grosse Crew gelegentlich Apéros, lustige Abende, Ausflüge und Kraftwerksbesuche organisierte, oft noch mit den Ehepartnern, also sogar über 100 Teilnehmer.

Blick auf das BBC-Areal in Baden im Jahr 1952.

Blick auf das BBC-Areal in Baden im Jahr 1952.

Archiv Abb / Aargauer Zeitung

Als einmal ein Ingenieur aus seiner Mannschaft auf einer Abendveranstaltung den «indischen Krawattentrick» vorführte und dabei seinem Chef Hummel die Krawatte abschnitt, da zeigte sich Hummels Format. Er gab sich äusserlich unbeeindruckt und liess es den «Übeltäter» auch nicht bei der nächsten Salärerhöhung spüren!

«Die Kür meines Lebens»

Im Juli 1959 flog Hummel zusammen mit Professor Eugen Wiedemann, seinem Kollegen aus der Generator-Abteilung, zu seiner ersten Geschäftsreise nach USA, um eingereichte Angebote von Turbogruppen zu präsentieren. Erstaunlicherweise geschah das ohne Begleitung durch den Verkaufschef, denn dieser hatte eine Teilnahme abgelehnt, weil er derzeit keine Chance für eine Bestellung in den USA sah. Die beiden Techniker besuchten also alleine die Stadtwerke in Los Angeles und konnten dort so überzeugend auftreten, dass ein Verkauf zustande kam. Übrigens zweier Turbogruppen von je 230 MW, einer Leistungsgrösse, die damals als «Grenzleistung» der Einwellen-Maschine bezeichnet wurde. Anschliessend besuchten sie auch noch die grösste amerikanische Kraftwerks­gesellschaft TVA in Knoxville, um ebenfalls zwei offerierte Turbogruppen von je 550 MW zu besprechen. Dabei handelte es sich um zwei Zweiwellen-Maschinen (Cross Compound), etwas total Neuartiges überhaupt, nämlich zwei fast gleich lange Wellenstränge mit gleicher Drehzahl und identischen Generatoren. Sensationell für USA und ebenfalls weltweit. Auch da hatten die beiden BBCler vollen Verkaufserfolg. Sie gewannen die Kunden nicht mit grossen Krediten und niedrigen Preisen, sondern überzeugten mit technischen Neuheiten, die einige der bekannten Nachteile amerikanischer Konkurrenz-Turbinen vermeiden konnten.

Die solide und zuverlässige Technik sprach sich in den USA schnell herum und schon bald waren Turbogruppen vom gleichen Konzept, aber mit sagenhaften 1300 MW als Klemmenleistung im Gespräch und wurden auch verkauft. Acht Exemplare davon sind noch heute, seit 30 bis 48 Jahren in Betrieb. Immer noch gehören sie zu den grössten der Welt. Es war für Hummel eine «wundervolle, schöpferische Zeit», vor kurzem nannte er sie «die Kür meines Lebens».

Inzwischen, 1965, nach neun Jahren an der Spitze der Abteilung D, wurde Hummel Leiter der thermischen Direktion. Jetzt war er für den gesamten thermischen Bereich zuständig, da war er mehr Manager als Ingenieur. Bald wurde er Leiter der ganzen Energieerzeugung und war so verantwortlich für alle Kraftwerksabteilungen, auch die elektrischen.

Da die Dampfturbinen-Abteilung mehr Gewinn als der grosse Rest der Firma erwirtschaftete und auch auswies, wurde seine Art der Kostenrechnung in der ganzen Firma eingeführt. Die zugehörige neue Abteilung deckte schonungslos auf, wo Gewinne und wo Verluste auftraten. So wurde endlich Transparenz geschaffen und gleichzeitig Bürokratisierung durch die Kostenrechnung verhindert.

1970 begann der Höhenflug, das heisst Hummels Aufstieg in die Geschäftsleitung. Zunächst wurde er Direktionspräsident der Konzerngruppe Schweiz, dann folgte 1972 die Beförderung zum Delegierten des Verwaltungsrates (VR) und schliesslich 1978 zum Vorsitzenden der Konzernleitung (CEO).

Das waren 16 Jahre anspruchsvoller Tätigkeit, zumal er gleichzeitig an einem Restrukturierungsplan für den Konzern arbeitete und auch schon weitgehend eingeführt hatte. Er fasste erst kürzlich zusammen:

«Nach der Kür war das die Pflicht».

Als 1985 Fritz Leutwiler (62), der pensionierte Präsident der Schweizer Nationalbank (SNB), jetzt Präsident des Verwaltungsrates bei BBC wurde, fand die grundlegende Umorganisation, gewissermassen Hummels Lebenswerk, ein jähes Ende. Statt das Erreichte zu prüfen und allenfalls zu verbessern und vollenden, hat Leutwiler alles verworfen. Ein schwerer Schlag für Hummel.

Die Unverträglichkeit zweier verschiedener Charaktere

Mit der Hartnäckigkeit, wohl auch Sturheit, mit der Leutwiler die Unabhängigkeit der SNB erfolgreich bewahrt hatte, begann er sein Wirken an der neuen Stelle. Aber die Grossindustrie tickt anders als eine Nationalbank. Da Diplomatie und Team­fähigkeit offensichtlich nicht zu seinem Repertoire gehörten, erschien sein Auftreten vielen Mitarbeitern von BBC wie das eines Elefanten im Porzellanladen.

Sofort bei Stellenantritt redete Leutwiler in seinem ersten Interview Klartext. Er sprach von 10% zu wenig Umsatz oder 10% zu viel Personal und nannte Gewinnmargen wie im Bankensektor üblich.

Inzwischen zeigten sich immer mehr Unterschiede in der Beurteilung der Situation und der erforderlichen Massnahmen zwischen dem neuen VR-Präsidenten Leutwiler und dem seitherigen Konzernchef und VR-Delegierten Hummel. Unter anderem war die Auszahlung von Dividende, 10 Prozent wie seither oder keine, ein Streitpunkt. Wegen diesem, zusammen mit der Unverträglichkeit zweier verschiedener Charaktere, kam es zum Bruch, sodass Hummel (64) am 14. Februar 1986 den Bettel hinwarf und ging. Sogar die Abgangsentschädigung verweigerte er!

Eine unverständliche Dummheit von Leutwiler, einen solchen Hochkaräter in Sachen Technik und Management mit 37 Jahren Erfahrung so zu vergraulen. Das Gleiche gilt auch für den damaligen VR-Präsidenten Franz Luterbacher, der gerne noch weiter der Firma gedient hätte.

Hummel und Leutwiler hatten immerhin noch abgemacht, über ihren Streit Stillschweigen zu bewahren, um dem Ruf der Firma nicht zu schaden. Hummel versicherte unlängst, dass er sich zeitlebens daran gehalten hat.

Er verliess die Firma 1986, verbittert und gekränkt

Als Leutwiler sah, was er angerichtet hatte, rühmte er Hummel mehrfach gegenüber der Öffentlichkeit (Hauszeitung, Interview u.a.) und bedauerte dessen Ausscheiden. Aber das Porzellan war nachhaltig zerbrochen.

Hummel verliess 1986 die Firma, verbittert und gekränkt. Er hatte sich seinen Abschied anders vorgestellt. Danach lebte er 26 Jahre lang zurückgezogen im Tessin und dann in Rütihof und betrat nicht mehr das Firmenareal. So geschehen bis zum 19. September 2012, als in Birr «100 Jahre eigene BBC-Dampfturbinen-Technik» gefeiert wurde, eingeladen von den BBC-Pensionären, gesponsert von Alstom Schweiz. Dort war er anwesend und von da an war Kontakt mit ihm möglich. Als der Autor ihm als erstem sein Buch «Aus der Pionierzeit der Dampfturbine» überreichte, worin er als Dampfturbinen-Legende bezeichnet wurde, schrieb er zurück:

«Ob ich Ihr Lob verdient habe, sei dahingestellt, aber gefreut hat es mich allemal».

Im zweiten Buch des Autors: «Aus der Blütezeit der Dampfturbine», zurzeit noch in Arbeit, hat Hummel beratend mitgewirkt. So konnte man von ihm, einem herausragenden Zeitzeugen, vieles über das Geschehen bei BBC erfahren und auch über seine Fassungslosigkeit darüber, wie seine Nachfolger die Firma herunterwirtschaften konnten.

Hummel hat durch seine starke Persönlichkeit, seinen mitreissenden Arbeitsstil und seine Schaffenskraft aus einer wenig strukturierten Organisation eine schlagkräftige und hochmotivierte Dampfturbinenabteilung geschaffen. Er hat neue Wege eingeschlagen, neue Märkte erobert und technologische Innovationen auf Weltklasse-Niveau getrimmt. Dazu hat er einen selbstbewussten und kompetenten Mitarbeiterstamm in den Bereichen Entwicklung, Fertigung, Montage und Inbetriebnahme aufgebaut, was weltweit höchste Anerkennung gefunden hat. Diese Firmenkultur, die von Hummel, besonders in seiner Zeit als Konzernchef und VR-Mitglied, vorgelebt und weitergegeben wurde, hat den BBC- Konzern über Jahrzehnte geprägt und die Position der BBC-Dampfturbinen als die weltbesten gesichert. Dafür gebührt ihm grosser Dank und hohe Anerkennung: Piero Hummel hat sich um BBC und die Dampfturbinen verdient gemacht!

Der Verstorbene, der nie das Rampenlicht suchte, wird auf seinen Wunsch hin ohne Trauerfeier im Familiengrab in Lugano beigesetzt.