Aarau
Wie Hund Rosco den kleinen Christian durch den Alltag begleitet

Einer der ersten Autismusbegleithunde der Schweiz lebt bei Familie Boss in Aarau. Dort versteht er sich mit dem Autismus-betroffenen Christian bereits bestens. Der Hund macht den kleinen Christian mitteilungsbedürftiger und selbstsicherer.

Ursula Känel Kocher
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Michelle, die Mutter, führt Rosco an der Leine. Christian ist mit einem speziellen Bauchgürtel mit dem Hund verbunden und kann sich zusätzlich an einer Art Handbügel festhalten. Christian Boss

Michelle, die Mutter, führt Rosco an der Leine. Christian ist mit einem speziellen Bauchgürtel mit dem Hund verbunden und kann sich zusätzlich an einer Art Handbügel festhalten. Christian Boss

Ob Christian Freude habe am neuen, vierbeinigen Familienmitglied? «Autistische Kinder zeigen Freude oft nicht so deutlich und offen wie andere», erklärt Vater Christian Boss. Der Sohn suche aber des Öfteren die Nähe des Hundes, streichle dessen Fell. «Der Kindergärtnerin ist aufgefallen, dass Christian mitteilungsbedürftiger und selbstsicherer geworden sei, seit Rosco bei uns lebt.» Und während Christian früher praktisch jede Nacht sein Bett verliess und ins Schlafzimmer seiner Eltern hinüberwechselte, «kommt es heute doch ab und zu vor, dass er in seinem Bett bleibt – weil sich Roscos Schlafkörbchen ebenfalls im Kinderzimmer befindet».

Rosco habe bei ihrem Sohn ohne Zweifel bereits einiges bewirkt. Dessen sind sich Christian Boss und Ehefrau Michelle sicher. Und dies in relativ kurzer Zeit: Der 33 Kilogramm schwere, schwarze Labrador-Retriever-Rüde hat seine Ausbildung zum Autismusbegleithund im letzten Herbst abgeschlossen und lebt seit Mitte November in Aarau. Er ist einer der ersten Hilfshunde dieser Art, die von der Blindenführhundeschule in Allschwil ausgebildet werden.

Der Hund ist ein Motivator

Kein Wunder also, dass man den Autismusbegleithund in der Öffentlichkeit noch nicht kennt. «Die meisten Passanten glauben, dass meine Frau sehbehindert und Rosco ein Blindenführhund sei», sagt Christian Boss mit einem Schmunzeln.

Denn: Der Autismusbegleithund, der im Einsatz eine Schabracke trägt, wird von Michelle Boss an der Leine geführt, während Christian mit einem speziellen Bauchgurt mit dem Hund verbunden ist und sich zusätzlich an einer Art Handbügel festhalten kann. Die Idee dahinter: Der Autismusbegleithund motiviert – allein durch seine Anwesenheit – das Kind, in die von den Eltern gewünschte Richtung zu gehen, und bedeutet gleichzeitig Sicherheit.

«Autistische Kinder können beispielsweise die Gefahr im Strassenverkehr nicht einschätzen und rennen manchmal plötzlich auf die Strasse», erklärt Ausbildner Peter Kaufmann von der Blindenführhundeschule Allschwil.

Rosco hat gelernt, in dieser Situation zu blockieren – will heissen, er bleibt sofort stehen. Zudem weicht er Hindernissen und Abgründen aus und hält vor jeder Strassenüberquerung an. «Der Hund ersetzt quasi den Arm der Mutter, die den Sohn ständig an der Jacke festhalten muss, was meistens ein Stress für alle Beteiligten bedeutet.»

Rosco kann Brücken schlagen

Was Ausbildner Peter Kaufmann immer wieder beobachtet: «Familien mit einem autistischen Kind trauen sich häufig nicht mehr in die Öffentlichkeit, weil unerwünschtes Verhalten des Kindes von Passanten oft als mangelnde Erziehung interpretiert wird.» Dabei sei die tägliche Auseinandersetzung mit der Umwelt für die Entwicklung von Kindern mit Autismus entscheidend. Hier kann Rosco Brücken schlagen, da er aufgrund seiner Schabracke klar als Hilfshund erkannt wird. Und: Da er ein offizielles Hilfsmittel ist, darf er die Familie auch in Lebensmittelgeschäfte oder zum Arzt begleiten – wie auch in den Zoo. «Wir waren Ende Jahr mit der ganzen Familie im Zürcher Zoo. Ein ganz tolles Erlebnis», sagt Christian Boss.

Ein nächstes Ziel steht bereits fest: Während Christian heute für den Besuch des Kindergartens jeden Tag zu Hause abgeholt und wieder gebracht wird, möchte Michelle Boss ihren Sohn künftig einmal wöchentlich mit Rosco im Kindergarten abholen und von dort mit Zug und Bus nach Hause fahren und das letzte Stück zu Fuss gehen. Christian Boss: «Ich bin zuversichtlich, dass dies dank Rosco klappen wird.»

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