Aarau
Wenn die Pferde rannten, musste sie Erdbeeren rüsten

5 Jahre nach der Schliessung kehrt die Tochter ins neue «Waldmeier» zurück – Erinnerungen an ramponierte Vermicelles, tote Ratten und Grossmutters Wollsocken werden wieder zum Leben erweckt.

Katja Schlegel
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Regula Waldmeier erzählt den «Waldmeier»-Geschäftsführern Martina Ganz, Martin (mit Bart) und Thomas Garcia Anekdoten aus dem «Café Waldmeier».

Regula Waldmeier erzählt den «Waldmeier»-Geschäftsführern Martina Ganz, Martin (mit Bart) und Thomas Garcia Anekdoten aus dem «Café Waldmeier».

Mario Heller

Eine Kugel Vanille für die Dame, einmal Schokolade für den Herrn, das macht achtzig Rappen, bitte schön. Stundenlang, tagelang stand Regula Waldmeier nach der Schule auf dem Trottoir vor der Konditorei, beugte sich tief über den Glacewagen, schürfte die Masse aus den Kübeln.

Vanille oder Schokolade, ins Cornet oder aufs Biskuit. «Entweder war die Glace steinhart oder schon gut angetaut, aber sicher nie richtig», sagt Waldmeier und lacht. Aber die Aarauer liebten die Waldmeier-Glace, schleckten sie nach dem Spaziergang auf der Gasse oder löffelten sie im Tea Room, bei gutem Wetter auf dem Balkon mit bester Aussicht über den Graben.

Heute ist Regula Waldmeier 68 Jahre alt. Und wieder sitzt sie im «Waldmeier», trinkt Kaffee und kramt in ihren Erinnerungen – knapp 35 Jahre, nachdem ihre Eltern das Café aufgaben. Mit am Tisch sitzen Martina Ganz und die Brüder Thomas und Martin Garcia.

Die «Tuchlaube»-Geschäftsführer haben das «Waldmeier» nach Jahrzehnten voller Pächterwechseln 2015 wieder aufleben lassen und rücken jetzt mit neuen Öffnungszeiten noch näher an die alten Zeiten heran: Das «Waldmeier» ist nicht mehr nur das abends geöffnete Restaurant mit Cocktailbar; neu ist es auch tagsüber offen, mit Kaffee und Kuchen im Angebot. Fast wie damals.

Das Dia der alten Kino-Werbung, wie sie im Kino Ideal gezeigt wurde. zvg

Das Dia der alten Kino-Werbung, wie sie im Kino Ideal gezeigt wurde. zvg

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Das Aufleben alter Traditionen ist denn auch der Grund, weshalb sich Regula Waldmeier von Flüelen im Kanton Uri auf den Weg nach Aarau gemacht hat. Jahrzehntelang habe sie das Haus nicht mehr betreten können und wollen. «Doch jetzt, so wie es heute ist, fühle ich mich sehr wohl», sagt sie und rutscht noch etwas tiefer ins Sofa. Die Erinnerungen an früher, an die Ära des Cafés, das weit über die Region hinaus bekannt war, die sind noch da. Und wie.

Schlafen zwischen Pralinés
Das Haus am Graben war 36 Jahre lang alles für die Familie Waldmeier: im Keller die Backstube, im Erdgeschoss die Konditorei, im ersten Stock der Tea Room, in den Etagen darüber die Büroräume, die Küche, in der auch die Angestellten assen, und die Stube der Familie. Im August 1945 hatten Albert und Lisbeth Waldmeier das ehemalige Café Merz übernommen, 1946 und 1947 kamen die beiden Töchter zur Welt.

Im elterlichen Betrieb mithelfen mussten die Mädchen, seit sie denken können. Jeden Tag, sieben Tage die Woche. Servietten falten. Das Silberbesteck in der Lauge kochen und polieren. Das Trottoir wischen, Geschirr abtrocknen, Wähen belegen. Dazwischen ein Mittagsschläfchen auf dem Klappbett im Praliné-Lager. Dann Erdbeeren rüsten für die Erdbeertörtchen, dem Teufel ein Ohr ab. Vor allem an den Tagen mit Pferderennen im Schachen, «dann kamen sie in Scharen und wollten alle Erdbeertörtchen essen». Und natürlich mussten die Mädchen bestellte Ware ausliefern.

«An die Goldküste ennet der Aare.» Waldmeier lacht wieder, so lustig habe die Blechkiste geschlenkert beim Laufen, dass die Vermicelles jeweils etwas ramponiert bei den feinen Herrschaften ankamen.

Ratten in der Backstube
«Wir hatten kaum ein Privatleben, wir haben immer gearbeitet», sagt Waldmeier. Aber ein grosses Miteinander sei es gewesen, die Familie Waldmeier und die rund 20 Angestellten aus halb Europa. Um vier Uhr startete der Betrieb in der Backstube, am Freitag und Samstag schon um 2 Uhr, wegen der Freitagswähen und Sonntagszöpfe.

Dann lief der Betrieb, in der Konditorei im Erdgeschoss und im Tea Room im ersten Stock, dort bis 24 Uhr. Mutter Lisbeth verrichtete die Büroarbeit, stand am Verkaufstresen oder half im Café, Vater Albert stand in der Backstube und gesellte sich zu den Stammgästen, in seiner stets frisch gestärkten Konditorjacke.

«Das ist der Geruch meiner Kindheit», sagt Waldmeier. Nicht Vanillepulver, nicht Mehlstaub, nicht der abgestandene Rauch im Café, nein. Der Geruch von Vaters Konditorjacke. Und welches Bild ist ihr geblieben? «Das toter Ratten im Metallkübel», sagt Waldmeier und schüttelt sich. Überall in der Stadt seien die Ratten herumgeschlichen, wegen des offenen Stadtbachs. Die Viecher purzelten durch die in der Backstube geöffneten Fensterchen in den Keller und haben da die Säcke mit dem Mehl und den Mandeln angenagt – «bis der Rattenfänger vorbei kam und kurzen Prozess mit den vollgefressenen Biestern machte.»

Als die Eltern das Café im Dezember 1981 aus Altersgründen schlossen, ging eine Ära zu Ende. «Dadurch werden wir um ein Kleinod ärmer», schrieb ein Redaktor des «Aargauer Tagblatts». «Es war ein Haus, in dem man sich wohlfühlte, wo fast jeder den andern kannte, wo zum Besitzer, aber auch zum Personal eine freundliche, geradezu kameradschaftliche Beziehung bestand», so der Redaktor weiter.

Waldmeier nickt. «Das war die Philosophie meiner Eltern: Es musste allen wohl sein, der Kundschaft, den Angestellten und uns als Familie.» Im «Café Waldmeier» seien alle ein- und ausgegangen. Auch Bettler und Landstreicher. «Sie bekamen einen Teller heisse Suppe und ein Paar von meiner Grossmutter gestrickte Socken, durften sich hinsetzen und erzählen. Das hat ihnen gutgetan», sagt Waldmeier. Gestört habe das keinen. «Die Toleranz war damals gross. Man hat einander leben lassen.»

Die Glace kommt wieder
Die Geschichten rund ums «Café Waldmeier» sind Geschichten, die nicht vergessen gehen sollen. Dieser Überzeugung sind auch die aktuellen Pächter. «Es ist schön, einen Traditionsbetrieb zu übernehmen und wieder aufleben zu lassen, mitsamt seinen Geschichten und seiner Vergangenheit», sagt Martina Ganz. Und zu diesen Traditionen gehöre eben auch der Kaffeebetrieb.

«Uns war schon bei der Eröffnung vor einem Jahr klar, dass das ‹Waldmeier› auch tagsüber wieder geöffnet sein muss», sagt Thomas Garcia, «das sind wir den Aarauern irgendwie schuldig.» Denn selbst Jahrzehnte nach der Schliessung stehen tagsüber – kaum ist die Haustür kurz offen – Leute im Lokal. «Die Leute sind sich gewohnt, dass tagsüber offen ist.» Erst habe man aber abwarten wollen, wie sich der Betrieb entwickelt. Es laufe gut, sagen die Geschäftsführer jetzt. So gut, dass es zuweilen ziemlich eng wird. «Zum Glück haben wir noch den Saal im zweiten Stock, in dem wir nun auch Essen servieren», sagt Thomas Garcia.

Mit dem Angebot einer Konditorei hält die heutige Karte nicht mit. «In erster Linie bleibt das ‹Waldmeier› eine Bar», sagt Martin Garcia. Serviert werden aber Wähen, Cheesecake und Gugelhupf, dazu über Mittag verschiedene Menüs. Die berühmten Waldmeier-Coupes, die könnte es demnächst auch wieder geben. «Die Leute fragen oft danach», sagt Martina Ganz und verspricht: «Etwas mit Glace gibt es bestimmt.»

Neu ist das «Waldmeier» am Graben von Dienstag bis Samstag ab 9 Uhr geöffnet.