Landwirtschaftszentrum Liebegg
Was essen die angehenden Landwirte so? Thomas Rey, abgehender Küchenchef der Liebegg, lüftet das Geheimnis.

Seit 37 Jahren bekocht Thomas Rey den Bauernnachwuchs in Gränichen. Nach einem Herzinfarkt tritt der regelmässige Velofahrer ab August nun etwas kürzer.

Daniel Vizentini
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Thomas Rey (63), der langjährige Koch im Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg, geht im August in Rente.

Thomas Rey (63), der langjährige Koch im Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg, geht im August in Rente.

Britta Gut

Dass er so lange da bleiben würde, hatte er nie gedacht. Seit 1984 arbeitet Thomas Rey in der Küche des Landwirtschaftlichen Zentrums Liebegg in Gränichen. Damals noch als Internat geführt, erlebte er in der Zeit den Wandel der damaligen Winterschule, in der die Landwirte von Oktober bis März unterrichtet wurden, zur heutigen ganzjährigen Ausbildungsstätte.

Für den 63-Jährigen neigt sich das Kapitel Liebegg aber bald dem Ende zu: Im August geht er in Rente, ein Jahr früher als nötig. Ein Herzinfarkt vor eineinhalb Jahren, eine Woche vor dem Eidgenössischen Turnfest in Aarau, erinnerte ihn daran, dass das Arbeitsleben nicht alles ist und er noch andere Dinge erleben will.

«Ich bin damals aus allen Wolken gefallen», sagt Rey. Ausgerechnet er, der sich gesund ernährt und topfit ist, immer wieder mit dem Fahrrad von seinem Wohnort Möriken nach Gränichen fährt. Selbst den Herzinfarkt erlebte er auf dem Velo, am Klingnauer Stausee.

Ich bemerkte den drückenden Schmerz in der Brust, fuhr aber noch mit dem Velo nach Hause.

Dass er einen Herzinfarkt erlitten habe, soll die potenziellen Nachfolger für seine Arbeitsstelle als Küchenchef aber nicht abschrecken. Wer sich für die Stelle melde – sie ist derzeit ausgeschrieben –, dürfe sich freuen auf ein hervorragendes Team, das sehr gut harmoniert.

«Wir sprechen oft vom ‹Liebeggergeist›», sagt Thomas Rey. Dazu schätzt er das selbstständige Arbeiten und die Freiheit in der Gestaltung der Menus. Das grösste Privileg dürften aber die guten Arbeitszeiten sein: Dass man am Morgen beginnt und am frühen Nachmittag fertig ist, nur selten Abendanlässe hat, ist eine Seltenheit in der Gastronomie.

Sie kochen bis zu 140 grosse Mahlzeiten am Tag

Toll an der Liebegg sei auch die Möglichkeit, auf den grossen Gewürz- und Gemüsegarten zählen zu können. «Früher waren wir praktisch eine Selbstversorgerschule», sagt Thomas Rey. Auch heute käme nur frisches und saisonales Gemüse auf den Teller. «Was gerade reif ist: etwa unsere Spargeln, Tomaten oder Gurken», im Frühling auch Erdbeeren.

Am Dienstag war er noch eingeschneit: Der Garten des Zentrums Liebegg.

Am Dienstag war er noch eingeschneit: Der Garten des Zentrums Liebegg.

Daniel Vizentini

Der Rest wird bei Landwirten der Region eingekauft und auch das Fleisch kommt zu 100 Prozent aus der Schweiz. Fleisch sei bei den angehenden Landwirten denn auch sehr beliebt, auch wenn es unten ihnen schon einzelne Vegetarier gäbe. Für sie hat Thomas Rey auch schon Planted Chicken, also aus Pflanzen hergestelltes Pouletfleisch, serviert, bei dem man den Unterschied zum Original kaum merkt.

Wir Menschen müssen uns schon überlegen, wie wir künftig auch anders zu Eiweiss kommen.

Thomas Rey und sein Team sorgen dafür, dass alle auf der Liebegg auf qualitativ gute und ausbalancierte Nahrung zählen können. 90 bis 140 Mahlzeiten stellen sie am Tag zusammen. «Eine gutbürgerliche Küche», jeden Tag mit Suppe und Salat. Und die Liebegger Schüler «essen wirklich gut», wie er sagt.

«Ich schaue schon, wie die Teller zurückkommen. Da sind selten Reste darauf.» Und die Portionen seien gross: «Wenn ich vergleiche, wie viel meine Berufskollegen in den Altersheimen auftischen, dann sind unsere Mengen doppelt so gross.»

Noch zu Internatszeiten spielten die Liebegger Schüler einige Streiche

Überraschend ist das nicht, sind die 16- bis 19-jährigen Schüler doch im Wachstumsalter und machen eine Ausbildung, bei der sie sich draussen körperlich betätigen. Für Thomas Rey sind die Jugendlichen der Liebegg zudem alle sehr anständig. «Vielleicht ist das in der Landwirtschaft einfach so.» Heute werden kaum noch Streiche gespielt auf der Liebegg, ganz anders als früher, als die Schüler dort noch im Internat lebten. Er erinnert ich vergnügt:

Der Schabernack, den sie getrieben haben, war teilweise auch für uns lustig. Aber manchmal haben sie es schon übertrieben.

Dass er bei seiner Arbeit ständig mit jungen Menschen zu tun habe, schätzt Thomas Rey sehr. «Und ich erlebe jetzt die zweite Generation: die Kinder unserer ehemaligen Schüler.»

Thomas Rey, der langjährige Koch im Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg, wird diesen August pensioniert. Wir haben ihn in der Küche der Liebegg besucht. Aufgenommen am 27.01.2021

Thomas Rey, der langjährige Koch im Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg, wird diesen August pensioniert. Wir haben ihn in der Küche der Liebegg besucht. Aufgenommen am 27.01.2021

Britta Gut

Thomas Rey ist aktiv im Möriker Turnverein oder bei den Pistolenschützen Staufberg, wo er jeweils für die Küche zuständig ist. Nach seiner Pensionierung will der Vater zweier erwachsener Kinder gerne mehr mit seiner Ehefrau reisen gehen und auch mal bei der Farm seines Bruders in den USA mitanpacken.

Die Liebegg werde er aber für immer im Herzen tragen. «Ich fühle mich stark verbunden hier. Hoffentlich wird meine Nachfolge auch eine schöne Zeit haben», sagt er. «Und ich hoffe, dass es der Aargauer Landwirtschaft auch in Zukunft gut geht.»

Die Gränicher «Liebegg» ist Ausbildungsstätte für Land- oder Hauswirtschaft.

Die Gränicher «Liebegg» ist Ausbildungsstätte für Land- oder Hauswirtschaft.

Daniel Vizentini