Aarau
Vor 100 Jahren wurde die Dame des Hauses im Badezimmer operiert

Die schönen Jugendstilvillen im Aarauer Gönhardquartier kennt man – die Geschichten ihrer Bewohner aber sind fast vergessen. Dabei sind die äusserst unterhaltsam.

Katja Schlegel
Drucken
Nicht nur die schönste Villa, sondern einst auch die mit den spannendsten Bewohnern: das Francke-Gut.

Nicht nur die schönste Villa, sondern einst auch die mit den spannendsten Bewohnern: das Francke-Gut.

Katja Schlegel

Es geht gut 100 Jahre retour: Um 1910 war Aarau eine Stadt mit rund 9500 Einwohnern, von denen gut 8700 Deutsch als Muttersprache hatten und 6800 reformiert waren. Beim Alpenzeiger stand ein einziges Haus, in der Goldern waren es zwei und im Scheibenschachen 65. Es war eine Zeit der Hoffnung, des Aufbruchs, getrieben vom Unternehmergeist der Industriellen. Und damit auch eine Zeit der grossen, schönen Jugendstilvillen – schliesslich wollten die Herrschaften auch standesgemäss wohnen.

100-jähriger Klatsch und Tratsch

Ihren Zauber haben die stattlichen Häuser über all die Jahre nicht verloren. Noch viel mehr als die Aussenfassaden interessiert aber das Innenleben. Nicht die Tapeten oder die Parkettböden, denn in die Häuser kann man nicht einfach so rein, sondern die Geschichten, die sich hier abgespielt haben, die Menschen, die diese Häuser lebendig gemacht haben: knausrige Fabrikanten, reiche Erbinnen, liebestolle Kavalleristen. Entsprechend gross war das Interesse an der zweiten Veranstaltung der Sommerakademie der Aarauer Volkshochschule. Gut 60 Personen liessen sich am Freitagabend von Christine und Richard Nöthiger durchs Gönhardquartier führen und ebendiese Geschichten erzählen.

Notabene keine, die sich zwischen zwei Buchdeckeln in der Bibliothek findet, sondern solche, die Nöthigers Stück für Stück und mit vielen Helfern zusammengesucht haben.

Nach der Scheidung verschwunden

Da ist zum Beispiel die Geschichte des Bullingerhauses, dem stattlichen Bau an der Jurastrasse, den die reformierte Kirchgemeinde 1930 für 115 000 Franken gekauft hat. Eigentümer war die Fabrikantenfamilie Ohl, die Klöppelspitzen und Schuhriemen produzierte. Gustav und Ida Ohl-Müller hatten drei Söhne und liessen sich 1936 scheiden – während Ida im Jahr darauf nach Chile auswanderte, fehlt von Gustav von da an jede Spur.

Fast schon traurig ist die Geschichte des Pfarrhauses an der Augustin-Keller-Strasse 3, 1900 gebaut von Karl Moser, damals dem Architekten schlechthin: Die Bauherrin war die erst 28-jährige Céline Bebié, deren Familie in Turgi und Rupperswil ihr Geld mit Baumwollspinnereien gemacht hatte. In dieser Jugendstilvilla habe die junge Erbin Klavier gespielt, gelesen, gestickt und auf einen Mann gewartet, so Christine Nöthiger. Die Bebié aber blieb allein, verkaufte 1942, als ihr das Geld ausging, ihr Haus und starb schliesslich 1961 in Menziken.

Knausriger Autoliebhaber

Ganz und gar keine Sorgen ums Geld machen musste sich Paul Müller-Brunner, knausriger Finanzdirektor der Schokoladefabrik Frey. Er hatte sich 1908 das «Müller-Brunner-Gut» mitsamt Gärtnerhaus gebaut. Der Gärtner musste dem Hausherrn nicht nur den Garten pflegen, sondern den leidenschaftlichen Autoliebhaber auch herumkutschieren. Müller-Brunner lebte bis zu seinem Tod 1954 in diesem Haus.

Angst vor Infektion

Die besten Geschichten im Parkkomplex mit Francke-Gut, Landolt-Gut und Müller-Brunner-Gut liefert eindeutig das Francke-Gut: Wilhelm Francke, Inhaber der Chemie-Fabrik «Elfa» an der Rohrerstrasse und leidenschaftlicher Kavallerist in jeglicher Hinsicht, hatte die Villa nach der Hochzeit mit Hedwig Zurlinden vom Schwiegervater gebaut bekommen. Der Mann ritt, feierte und trank nicht nur gern, er leistete sich auch eine Liebschaft mit Gilberte de Courgenay, wie aus seinen Tagebucheinträgen hervorgeht. Da steht auch, dass Heinrich Bircher, der erste Chefarzt der Chirurgie am Kantonsspital Aarau, die kranke Hedwig im heimischen Badezimmer am Blinddarm operiert hat – weil die Infektionsgefahr im Spital zu gross war.

Weitere Veranstaltungen der Sommerakademie der Volkshochschule Aarau: 25. Juli: Die Geschichte des Eppenbergtunnels. 2. August: Besuch der Chocolat Frey. 8. August: Ausflug in die Auenlandschaft.

Aktuelle Nachrichten