Aarau
Überfall auf Bahnhofkiosk – zwei Stunden später kam die Reue

Ein 55-jähriger Schweizer wurde am Bezirksgericht wegen Raubs verurteilt. Dass er sich nur kurz nach der Tat bei seinem Chef ausweinte, kam ihm zugute.

Ueli Wild
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Kiosk am Bahnhof Aarau

Kiosk am Bahnhof Aarau

Es sei nicht vorstellbar, dass man einen Raub noch sanfter ausführen könne, erklärte die Verteidigerin. Dilettantischer vermutlich auch nicht. Trotzdem stand Otto (Name geändert), ein 55-jähriger Schweizer, wegen Raubs nun vor Gericht und die Staatsanwaltschaft forderte für ihn eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren. Ebenso drohte Otto eine Busse von 1500 Franken.

Wenn Otto Stress hatte

Otto war zeitlebens ein unbescholtener Bürger gewesen. In einem Verteilzentrum beschäftigt, verfügte er über ein regelmässiges Einkommen, das einem ledigen Alleinstehenden im Grunde ein Leben in Ehren ermöglicht. Nur: Seit dem Tod der Mutter vor acht Jahren war er völlig vereinsamt.

Und wenn Otto Stress hatte, trank er Alkohol. So viel, dass das Geld zum Problem wurde. Irgendwann hatte er 25 000 Franken Schulden – und Betreibungen am Hals. In der Mittellosigkeit begann Otto zu verzweifeln. Er habe an Selbstmord gedacht, erzählte seine Anwältin, doch diesen Gedanken habe er zum Glück wieder verworfen.

Eines Abends im Mai 2015 war Otto wieder einmal verzweifelt. Er hatte Stress, aber keinen Alkohol – und auch kein Geld mehr.

Wie sollte er die nächsten drei, vier Tage bis zum Eintreffen des nächsten Lohns überstehen? Spontan, sagte Otto vor dem Gericht, habe er beschlossen, den Kiosk am Bahnhof Aarau zu überfallen. «Ich sah keine andere Möglichkeit, zu Geld zu kommen.»

Um 3 Uhr wachte er auf

Am Abend hatte es ihm zu viele Leute am Bahnhof. Dass er um drei Uhr früh aufwachte, nahm Otto als Fingerzeig des Schicksals. «Jetzt ziehe ich das Ding durch!», sagte er sich und marschierte los. Zu Fuss, Richtung Bahnhof Aarau.

Kaum hatte die Kioskfrau die Türe geöffnet, trat Otto ein, ein Klappmesser mit geöffneter Klinge in der Hand, das er, wie er dem Gericht erklärte, stets in der Tasche mit sich führte.

Was er zur Kioskfrau sagte, wisse er nicht mehr. «Haben Sie gesagt, sie solle die Kasse öffnen?», fragte die Gerichtspräsidentin. «Das kann sein», lautete Ottos Antwort.

Die Tat dem Chef gestanden

Die Verkäuferin tat wie befohlen und entfernte sich vom Tresen. Otto griff in die Kasse, fischte ein Bündel Banknoten heraus, steckte sie in die Jackentasche und machte sich in Richtung Bahnhofplatz aus dem Staub.

Zwei Stunden später, an seinem Arbeitsplatz, beschlich ihn der Verdacht, das Ganze sei keine gute Idee gewesen. So vertraute er sich unter Tränen seinem Chef an. Der rief die Polizei.

So wechselten die 450 Franken, die Otto mitlaufen lassen hatte – oder zumindest, was noch davon übrig war – schon wieder die Hand. Die nächsten zwei Tage verbrachte Otto in Untersuchungshaft.

Er selber sagte dem Gericht, es tue ihm alles furchtbar leid. Und seit jenem Tag im Mai 2015 habe er keinen Schluck Alkohol mehr getrunken. Sein Arbeitgeber hatte die Weiterbeschäftigung von einer Suchttherapie abhängig gemacht.

Seine Schulden stottert Otto inzwischen monatlich bei seinem Bruder ab, der sie beglichen hat. Den Rest der Zivilforderungen hatte die Verteidigerin kurz vor der Verhandlung bereinigt, weil sich Otto nicht getraute, selber beim Kiosk vorbeizugehen.

Keine Angst

Die Kiosk-Frau betonte die Verteidigerin in ihrem Plädoyer, habe beim Überfall keine Angst gehabt. Schliesslich habe sie Otto gekannt, denn er sei ja Kiosk-Kunde gewesen. Die Verkäuferin habe ausgesagt, dass ihr Otto eher einen verzweifelten denn einen gewalttätigen Eindruck gemacht habe. Otto, so seine Verteidigerin, habe niemanden verletzt, niemandem Gewalt angetan – und er sei reumütig.

Das Warten auf das Urteil im Vorzimmer stresste den Beschuldigten. «Ich habe ein schlechtes Gefühl», sagte er mehrmals. Seine Verteidigerin gab sich alle Mühe, ihn zu beruhigen: «Es kommt gut.» Sie versuchte, ihn abzulenken.

Als Otto sagte, es sei das erste Mal dass er das Gerichtsgebäude betreten habe, und er hoffe, dass es das letzte Mal sei, erzählte sie ihm vom ersten Mal, als sie einen Mandanten zu verteidigen hatte: «Der hatte schon mehrmals vor Gericht gestanden und konnte mir erklären, wie alles abläuft.»

Strafmass: am unteren Rand

Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder sprach Otto schuldig des Raubs und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 110 Franken, bedingt ausgesprochen bei einer Probezeit von zwei Jahren.

«Damit», machte die Einzelrichterin deutlich, «bewegen wir uns am unteren Rand des Strafmasses für Raub.» Bezahlen muss Otto sicher einmal die Verfahrenskosten und jene der Verteidigung.

Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Busse in der Höhe von 1500 Franken bleibt ihm dagegen erspart. Insgesamt blieb das Gericht deutlich unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft, aber auch klar über jenen der Verteidigerin, die sich für 90 Tagessätze zu rund 100 Franken ausgesprochen hatte.

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