Verwaltung
Trotz wissenshungrigem Nachwuchs geht Gemeinden das Kaderpersonal aus

An der FHNW ist der Frauenanteil der angehenden Gemeindeschreiber mit 80 Prozent sehr hoch. Damit alle Vakanzen künftig besetzt werden können, sind gemäss Experten Teilzeitstellen und neue Führungsmodelle gefragt.

Claudia Meier
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Im Gemeindehaus Bözen ist ab November eine Stelle frei. claudia meier

Im Gemeindehaus Bözen ist ab November eine Stelle frei. claudia meier

Egal, ob Bözen, Densbüren oder Schinznach-Dorf: In allen drei Gemeinden wird dieses oder nächstes Jahr ein Gemeindeschreiber respektive eine Gemeindeschreiberin eine neue Stelle antreten. Die Suche verläuft nicht überall so einfach wie in Schinznach-Dorf. «Wir hatten grosses Glück. Zwar haben wir sehr wenige Bewerbungen erhalten, doch diese waren alle von valablen Kandidaten», sagt Gemeindeammann Urs Leuthard von Schinznach-Dorf.

Die Gemeinde Bözen sucht ab November einen neuen Gemeindeschreiber. Auf die Stellenausschreibung gingen drei Bewerbungen ein. «Das ist zu wenig. Diese Kandidaten erfüllten das Stellenprofil nicht», sagt Gemeindeammann Annemarie Baumann. «Wir haben nun eine Firma engagiert, die auch den aktiven Arbeitsmarkt bearbeitet.» Baumann glaubt nicht, dass sich der ideale Kandidat schnell finden lässt. Im Moment laufen Abklärungen, wie die Zwischenlösung aussehen könnte.

Auch in der 700-Seelen-Gemeinde Densbüren klappte die Neubesetzung der Gemeindeschreiber-Stelle nicht auf Anhieb. «In der ersten Ausschreibungsrunde vor den Sommerferien war der Rücklauf eher bescheiden. Die Bewerber entsprachen nicht unserem Anforderungsprofil», so Gemeindeammann Peter Amsler aus Densbüren. Im zweiten Anlauf war alles anders. «Diesmal, niemand weiss warum, war der Eingang an Bewerbungen sehr gut. Eignung und die Kompetenz der Bewerber war hochstehend und vielfältig», berichtet Amsler. Der Gemeinderat konnte in der letzten Schlussrunde aus vier Bewerbern aussuchen. Am 1. Januar 2014 wird Margrit Stüssi-Bäni aus Aarau ihre neue Stelle als Gemeindeschreiberin und Verwaltungsleiterin in Densbüren antreten.

Die Besetzung von Kaderstellen stellt viele – vor allem kleinere – Gemeinden vor Probleme. «Dieses Phänomen beobachten wir seit mehreren Jahren», sagt Stefan Jung, Präsident des Verbands Aargauischer Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber. Zwar gebe es genügend Leute, die sich zum Gemeindeschreiber ausbilden lassen, oft seien die Spezialisten aber dann nicht sofort bereit, Verantwortung zu übernehmen. «Sie wollen nicht im Schaufenster der Öffentlichkeit stehen», so Jung. «Auch die Work-Life-Balance ist ein Thema.»

Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) zeigte im Jahr 2011, dass der Frauenanteil mit rund
80 Prozent in den Gemeindeschreiber-Lehrgängen ausserordentlich hoch ist. Diese Tendenz zeichne sich bereits in der kaufmännischen Grundausbildung ab, so Jung. Ein Grossteil der Frauen gründet früher oder später eine Familie.

Zwar sei die klassische Rollenverteilung in der Familie nicht mehr so ausgeprägt wie früher, aber die Realität zeige dennoch, dass es für die Frauen oft nicht möglich sei, in den ersten Jahren nach der Familiengründung eine Stelle mit hohem Arbeitspensum anzutreten, sagt Jung. Viele Frauen wünschten sich deshalb eine Teilzeitstelle als Gemeindeschreiberin oder Stellvertreterin. «Doch solche Stellen sind rar», stellt Jung fest. Das habe zur Folge, dass viele Frauen vom Kaderstellenmarkt verschwinden und wertvolles Know-how verloren gehe.

Erstaunlich eigentlich , dass die dreistufigen, berufsbegleitenden Studiengänge, wie sie die FHNW anbietet, angesichts des ausgetrockneten Stellenmarktes seit Jahren so beliebt sind. «Wir haben viele Anmeldungen. Seit 2009 haben in der Nordwestschweiz rund 700 Studierende diese Weiterbildung absolviert», sagt Michael Baumann, Studiengangleiter Öffentliches Gemeinwesen FHNW in Brugg-Windisch.

Es gebe einen starken Trend, dass sich die jungen Berufsleute nach Abschluss der Berufslehre so schnell wie möglich weiterbilden wollen, um fit für den Arbeitsmarkt zu sein. «Sie wollen dann aber noch keine Führungsposition annehmen», räumt Baumann ein. Hier seien die Berufsverbände und die Gemeinden gefordert, mit flexiblen Lösungen, Teilzeitstellen sowie neuen Führungsmodellen den Angestellten eine berufliche Perspektive zu bieten.

Was für Gemeindeschreiber gilt, ist auch für angehende Steueramtsvorsteher oder Leiter Finanzen nicht anders. Der Hunger nach Weiterbildung ist gross. Der Frauenanteil und das Qualitätsbewusstsein steigen kontinuierlich. Aber die Neubesetzung von Kaderstellen ist und bleibt schwierig. Welche Rolle spielt der Lohn im Vergleich zur Privatwirtschaft? «Mehrheitlich sind die Löhne in der Verwaltung gut», so Baumann. «Kleinere Gemeinden können aber möglicherweise nicht immer mithalten.»

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