Bezirksgericht Aarau
Tierquälerprozess: Sie hielt Tiere in einer Wohnung, die zur Müllhalde verkam

Eine rund 40-jährige Schweizerin wurde vom Bezirksgericht Aarau wegen Tierquälerei verurteilt. Sie hatte vier Katzen, fünf Chinchillas und zwei Hamster in einer regelrechten «Messi»-Wohnung gehalten.

Ueli Wild
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Die Frau bestritt den Tatbestand nicht, schob aber die ganze Schuld auf den Mitbesitzer der Tiere, den Bruder, ab.

Die Frau bestritt den Tatbestand nicht, schob aber die ganze Schuld auf den Mitbesitzer der Tiere, den Bruder, ab.

Keystone

Der Besuch kam unangemeldet: Vor gut einem Jahr kontrollierte das kantonale Veterinäramt eine Wohnung in der Region Aarau, die von einem Geschwisterpaar, vier Katzen, fünf Chinchillas und zwei Hamstern bewohnt wurde.

Das Veterinäramt rückte mit einem Grossaufgebot an. Zu diesem gehörten auch Angehörige der Kantonspolizei sowie der Regionalpolizei Zofingen, der Kesb und des zuständigen Sozialdienstes.

Zum Glück hatten die Besucher das Mittagessen bereits hinter sich, denn was sie in der Wohnung antrafen, war nicht eben appetitanregend: Schon beim Öffnen der Wohnungstüre empfing sie, wie die Staatsanwaltschaft im Strafbefehl festhielt, «ein extremer Geruch von Fäulnis und Urin».

Blumenkistchen statt Kotschalen

Die Ursache war schnell gefunden: «Alle Räume waren hochgradig verdreckt und verwahrlost.» Konkret: In der ganzen Wohnung stapelten sich Säcke voller Unrat, Essensreste und Kot der zwischen den Müllbergen umherlaufenden Katzen. Wände und Fenster hatten Spinnen in Beschlag genommen.

Für die Besucher war klar: Das Wohlbefinden der Tiere wurde durch die Unmenge an Unrat stark beeinträchtigt. Insbesondere mussten die Katzen ihre Notdurft in Blumenkisten und zwischen den Müllbergen verrichten. Statt der vorgeschriebenen vier Kotschalen – je eine pro Katze – stand ihnen nur eine einzige zur Verfügung, und die war erst noch mit Unrat zugemüllt worden.

Verurteilt

Die Staatsanwaltschaft verurteilte die beiden Geschwister in separaten Verfahren wegen Vergehen gegen das Tierschutzgesetz. Die Unterlassung der erforderlichen Pflege und Reinhaltung der Unterkunft qualifizierte die Staatsanwaltschaft, gestützt auf das Gesetz, als Tierquälerei.

Mit dem Fehlen dreier Kotschalen kam auch eine Übertretung gegen das Tierschutzgesetz dazu. Die rund 40-jährige Schweizerin focht den Strafbefehl vom September 2017 allerdings an. In der damit fällig gewordenen Verhandlung gestern vor dem Bezirksgericht Aarau antwortete sie auf die Frage, ob ihr inzwischen ausgezogener Bruder verurteilt worden sei, das wisse sie nicht.

Der Bruder als Schuldiger

Die Frau bestritt den Tatbestand nicht, schob aber die ganze Schuld auf den Mitbesitzer der Tiere, den Bruder, ab. Sie habe stets das Beste für ihre Tiere gewollt, aber immer, wenn sie sich um die Ordnung in der Wohnung habe kümmern wollen, sei sie vom Bruder verprügelt worden. Die Beschuldigte erzählte, sie sei von Kind auf häuslicher Gewalt ausgesetzt gewesen – anfänglich durch den Vater. Und als der mit ihr zusammen wohnende Bruder arbeitslos geworden sei, habe er begonnen zu klauen, die Wohnung zuzumüllen – und sie, die Schwester, zu würgen. Und er sei fast immer zu Hause gewesen. Dadurch habe er ihre Möglichkeiten, für Ordnung zu sorgen, arg eingeschränkt. Am Schluss habe ihr auch die Kraft dazu gefehlt. Ihr Bruder, so die Beschuldigte, habe ihre ganze Existenz zerstört: «Ich hatte keine Möbel und keine Kleider mehr.»

Halbe Million Schulden

Die Frau, die immer gearbeitet hat und über ein ordentliches Einkommen verfügt, hat Schulden in der Grössenordnung von 500 000 Franken. Die Katzen wohnen inzwischen wieder bei ihr. Mit dem Bruder, sagte sie vor Gericht, habe sie hin und wieder Kontakt.

Tatbestand unbestritten

Der Tatbestand sei erstellt – und auch nicht bestritten –, konstatierte Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder. «Wir müssen Sie deshalb schuldig sprechen. Wir sehen aber auch Ihre schwierige Situation.» Beim Strafmass kam die Einzelrichterin der Beschuldigten deshalb ein Stück weit entgegen: Sie verurteilte sie zu einer Geldstrafe von 3600 Franken (30 Tagessätze zu 120 Franken), bedingt ausgesprochen bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Dazu kommen eine Busse von 1000 Franken sowie die Verfahrens- und die Parteikosten. Die Staatsanwaltschaft hatte im Strafbefehl die Geldstrafe auf 6400 Franken (40 Tagessätze zu 160 Franken) und die Busse auf 1900 Franken angesetzt.

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