Oberentfelden
«So ein Haus hat eine Seele, die muss man pflegen»

Seit 777 Jahren steht die Mühle mitten im Dorf, seit 25 Jahren wirten hier die Zubers. Zum Doppeljubiläum lässt das Wirtepaar jetzt die Gäste das Haus und seine Geheimnisse entdecken.

Katja Schlegel
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Über 300 Whiskys haben die Zubers im Angebot
7 Bilder
Oben ticken die Pendulen, unten treffen sich die Weinliebhaber
Im Spycher können nicht nur zwei Personen essen, sondern auch noch gleich übernachten
Im Spycher haben die Zubers das kleinste Restaurant der Welt eingerichtet
1776 brannte die Mühle bis aufs Parterre ab und wurde 1780 wieder aufgebaut
Den Pavillon haben die Zubers angebaut
Mühle Oberentfelden

Über 300 Whiskys haben die Zubers im Angebot

Jiri Reiner

Vielleicht wohnt der Geist im Schrank im ersten Stock, zwischen gestärkten Tischdecken auf schiefen Regalen. Vielleicht schlüpft er auch im Spycher unter die Daunendecke, die dick und luftig wie ein aufgeplustertes Huhn auf dem Bett liegt. Wer weiss. Dass ein Geist im Restaurant zur Mühle wohnt, das steht für Wirt Hansueli Zuber, seine Frau Barbara und sein Team fest: «Ein guter Geist, der zum Haus schaut.» Einer, der Handwerkern die Partie versaut, wenn sie dem alten Gemäuer zu arg zu Leibe rücken. «Dann bröckelt und bröselt es», sagt Zuber und lacht.

Wann das Mühlenrad erstmals durchs Wasser schlappte und die Mühlsteine die ersten Körner zermalmten, ist nicht überliefert. Gemäss Haus-Chronik wird die Mühle 1238 erstmals in einer Urkunde erwähnt, als ihr die Herren von Habsburg das Wasserrecht verliehen. Vor 777 Jahren also – als es die Schweiz noch nicht einmal gab. Als hier noch tiefstes Mittelalter herrschte, währenddessen weit im Osten die Mongolen die Menschen das Fürchten lehrten und in Südamerika die Inkas ihr Reich gründeten.

In den Türsturz eingemeisselt ist die Jahreszahl 1594, damals wurde das Gebäude umgebaut. 1776 brannte die Mühle lichterloh, verschont blieb nur das Parterre. Bis 1780 wurde das Haus im alten Berner Stil wieder aufgebaut. 1947 wurden anstelle der Wasserräder Turbinen eingebaut, 1958 stellte Müller Weber den Betrieb ein. Danach lag die Mühle brach. Neues Leben haucht ihr 1980 ein Architekt ein, der das Haus in ein Restaurant umbaut.

1991 übernahmen Hansueli und Barbara Zuber aus Huttwil aus dem Emmental die Mühle als Pächter. Frisch von der Hotelfachschule, im Sack nicht mehr als 5000 Franken Startkapital. Die beiden stürzten sich in die Arbeit, krampften Tag und Nacht, teilten sich mit ihren Angestellten eine winzige Vierzimmerwohnung im Dachstock. Der Verzicht und die harte Arbeit zahlten sich aus: Eineinhalb Jahre später kauften die beiden die Mühle. «Die Rechnung ist einfach», sagt Zuber. «Man muss auf privaten Luxus verzichten und was man verdient, investieren. Dann funktioniert es.»

Liebe auf den ersten Blick

Die Mühle ist nicht einfach ein Haus, sie ist Geschichte. Die Jahrhunderte haben an ihr gearbeitet, haben sie an allen Ecken und Enden verzogen, haben ihre Balken gekrümmt und dunkel gefärbt. «Wir haben die Mühle damals in einem Inserat entdeckt und uns sofort in sie verliebt», sagt Zuber. Eine Liebe, die auch nach 25 Jahren ungebrochen ist. Für die Zubers ist es auch eine Selbstverständlichkeit, dieses Alte zu bewahren. «So ein Haus hat eine Seele, die muss man pflegen.»

Damit tragen Zubers eine doppelte Verantwortung, die gegenüber dem Haus und die gegenüber ihren Gästen. Etwas, was sie mit seinen Vorgängern, den Müllern, gemeinsam haben. War der Müller den Bauern gegenüber geizig, brachten die ihm schlechtes Korn. Lieferte der Müller Mehl in minderwertiger Qualität, konnte der Bäcker kein gutes Brot backen und der Kunde kaufte sein Brot im Nachbardorf. «Uns geht es genau gleich: Investieren wir nicht in Qualitätsware, ist der Gast unzufrieden und kommt nie mehr.» Doch Qualitätsware allein ist kein Erfolgsgarant. Es braucht Innovation, Abwechslung, Überraschungen.

Zubers gaben sich deshalb schon früh ein Konzept: Schweiz und Schottland, «Swisscot». Dazu gehören nicht nur schottische Spezialitäten, sondern auch eine Sammlung mit über 300 Malt-Whiskys. Aus dem Spycher, ausstaffiert mit einer alten Bernina, Waschtisch, dem 140 Jahre alten Bett und einem Zweiertisch, haben die Zubers das «kleinste Restaurant der Welt» gemacht – als Supplement zum Restaurant im Hauptgebäude mit 180 Sitzplätzen.

Für ein ungewöhnliches Rezept schnetzelt der Küchenchef auch mal eine Zigarre in die Suppe und für den Nervenkitzel bei den Krimi-Dinners geht Hansueli Zuber unter die Bombenbastler oder stellt sich für das perfekte Schottland-Feeling mit Kilt und Dudelsack vor die Gäste.

Auch nach 25 Jahren ist längst nicht Schluss. «Die Ideen gehen uns so schnell nicht aus», sagt Hansueli Zuber. Dazu trägt die «Mühle» mit ihrer Geschichte natürlich bei. «Wir hatten Glück, dass wir dieses Haus gefunden haben. Und das Haus hatte Glück, dass wir es gefunden haben.»