Aarau
Sie war ein unbequemes, unverfrorenes Stadtoriginal

Nelly Kunz ist im Altersheim Golatti in Aarau gestorben. Gab es etwas gratis, war sie zur Stelle. Sie sammelte alles und wurde doch nie satt.

Sabine Kuster
Drucken
2006 als 80-Jährige. kBu

2006 als 80-Jährige. kBu

Wir nannten sie «Täsche-Lisi», ohne ihren wirklichen Namen oder ihre Geschichte zu kennen. Die Aarauer sahen die kleine, runde Frau mit den zerzausten Haaren immer bepackt mit zwei prall gefüllten Plastiktaschen überall, wo es etwas gratis gab. Am 3. Februar starb Nelly Kunz im Altersheim Golatti in Aarau im Alter von 85 Jahren. Der reformierte Pfarrer Ursus Waldmeier sagte an der Abdankungsfeier am 11. Februar: «Nelly Kunz gehörte zu Aarau wie das Schlössli, der Obertorturm, das Rathaus oder die Stadtkirche.»

Weil sie als Stadtoriginal den Aarauern ein Gefühl von Heimat gab, mochten sie die Leute – ebenso sehr, wie sie sich wegen ihr ärgerten. Nelly aber sammelte und schien doch nie genug zu finden. Sie habe die Rolle eines umherirrenden oder gar verlorenen Schafes gelebt, in die sie vielleicht schon als Kind hineinmanövriert worden sei, sagte Waldmeier.

Aufgewachsen im Krämerladen

Nelly Kunz wurde 1926 in Brittnau geboren. Ihren Lebenslauf schildern die beiden Verwandten, welche Nelly in Brittnau noch hatte: der Sohn von Nellys Cousine, Kurt Buchmüller und seine Frau Marianna.

In Brittnau führten Nellys Eltern einen Krämerladen, wo sie schon als Mädchen mithalf. «Wenn ein Kind nicht mehr wusste, was ihm die Mutter aufgetragen hatte, fragte sie vorsorglich, ob es Maggiwürfel brauche, in der Meinung, dass man solche ja immer nötig habe», schreibt Marianna Buchmüller. Dies trug dem Mädchen den Namen «Maggi-Nelly» ein. Sie habe schnell und gut gearbeitet und sich gerne ausgiebig mit der Kundschaft unterhalten.

Sie war eine gute Bezirksschülerin, doch der ganze Elternstolz galt ihrem hübschen, intelligenten Bruder, der eine kaufmännische Lehre antreten durfte, während Nelly gar nicht erst nach ihren Berufswünschen gefragt wurde. Sie machte ein Welschlandjahr und half danach zu Hause weiter. Ihre Mutter starb nach langer Krankheit 1955, als Nelly 27 Jahre alt war.

Das Jahr wurde, schreibt das Ehepaar Buchmüller, zu ihrem Schicksalsjahr. Nellys Hausarzt teilte dem Brittnauer Gemeinderat mit, dass er bei Nelly psychische Probleme festgestellt habe: «Bei Fräulein N. K. ist in den letzten Jahren eine schwere äusserliche Verwahrlosung aufgetreten.» Er diagnostizierte eine sich «langsam entwickelnde Geisteskrankheit.» Wie sich diese äusserte oder ob Nelly bloss wegen der Krankheit und des Tods ihrer Mutter ein «Tief» hatte, lässt sich nicht mehr einordnen.

Auf jeden Fall wurde sie bevormundet und noch im selben Jahr in Königsfelden eingeliefert. Nach einem halben Jahr kehrte sie nach Brittnau zurück und arbeitete ab und zu auswärts. Die Arbeit in einem Altersheim in Gossau 1958 schien Nelly aber nicht zur Zufriedenheit zu erfüllen, weshalb sie der Landjäger abholte und in die Arbeitsanstalt Bellechasse im Kanton Freiburg führte.

Der «Beobachter» berichtete 1962 über dieses willkürliche Vorgehen der Behörden. In der Anstalt habe sie wie eine Verbrecherin in einer Gefängniszelle gelebt. Dies ohne Richterspruch und anscheinend bloss, weil sie als «arbeitsscheue Person» galt. Ein Jahr später wurde sie wieder in Königsfelden einquartiert.

Eine gebrochene Frau

«Seit dieser schlimmen Erfahrung war Nelly eine gebrochene und kranke Frau», schreibt Marianna Buchmüller. Ihr Mann ergänzt: «Danach fürchtete sie sich vor kleinen, geschlossenen Räumen und lebte in ständiger Angst, ihre spärliche Habe werde ihr weggenommen.»

Nelly bewahrte alles auf, manche Schokolade oder Geldnote vergass sie zwischen den Zeitungsstapeln. Als sie später vom Altersheim Kölliken ins Altersheim Golatti in Aarau umzog, beklagte sie sich lange, es sei ihr alles abhandengekommen. «Für das Pflegepersonal war die Unordnung eine Belastung. Nelly konnte sehr böse werden, wenn aufgeräumt wurde», so Kurt Buchmüller.

In Aarau habe sich Nelly wohlgefühlt und viele Leute kennen gelernt. Früher habe es Nelly gerne lustig gehabt und sei überall dabeigewesen, wo gefestet wurde. Später besuchte sie Abdankungen. Im Nachruf heisst es: «Während der Predigt schlief s’Nelly regelmässig ein, wurde aber hellwach, wenn der Pfarrer den Ort des Abdankungsessen bekannt gab. Ohne Hemmungen schloss es sich den Trauergästen an, egal ob verwandt oder nur bekannt und genoss das Essen.

Als Schauspielerin Annemarie Blanc in Zürich beerdigt wurde, fuhr es mit der grössten Selbstverständlichkeit hin. Als der Pfarrer erwähnte, das anschliessende Essen finde im Grand Hotel Dolder statt, nahm Nelly das Taxi. (...) Obwohl Nelly sich stets in den Mittelpunkt stellte und wenig Rücksicht auf seine Mitmenschen nahm, bleibt es bei seinen vielen Bekannten in steter Erinnerung. Sein langer Lebensweg war nicht mit Rosen bestreut, sondern mit schweren grauen Steinen belegt.»

«Wer spielt nun ihre Rolle weiter?»

Seit einigen Monaten hatte Nelly Kunz die Golatti nicht mehr verlassen können und wollte keine Besucher mehr empfangen. Pfarrer Waldmeier sagte zum Abschied: «Es tut unserer Gesellschaft ausserordentlich gut, wenn Menschen wie Nelly Kunz immer wieder auf das Ungleichgewicht der Verteilung der Güter aufmerksam machen. Sie hat für ihre aufmüpfige und unverfrorene Offenheit manche schmerzhaften Schläge kassiert.»

Sie habe ihm stets in Erinnerung gerufen, dass Gott besonders ein Hirt für die Ausgestossenen, die Aufmüpfigen, die Unbequemen und für die Leidenden sei. Waldmeier fragte, stellvertretend für die Aarauer: «Wer wird diese Rolle hier in unserer Stadt jetzt weiterspielen?»

Aktuelle Nachrichten