Weicht diese Frau bald die bürgerliche Mehrheit im Gemeinderat Küttigen (ein SPler und je zwei FDP- und SVPler) auf? Die Sozialdemokraten sind zuversichtlich: Sie haben Regula Kuhn-Somm ins Rennen um den freiwerdenden FDP-Gemeinderatssitz geschickt. Die Wahlen finden am 18. August statt. Kuhn hat ihre Flyer bereits gedruckt. «Eine Gemeinde lebt vom Zusammenkommen» – das steht zuoberst.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die 54-Jährige für das Gespräch mit der AZ den zentralen, geschäftigen Platz zwischen «Voi» und dem Hotel Ascott in Rombach gewählt hat: «Falls ich gewählt werde, will ich Begegnungsorte schaffen für Alt und Jung, Neuzuzüger und Einheimische», sagt sie. «Das ist wichtig, damit man sich in einer Gemeinde wohlfühlt und zu einer tragenden Gemeinschaft wird. Der Einsatz dafür lohnt sich, davon bin ich überzeugt.»

Sie ist «Trinamo»-Präsidentin

Bis im Frühling 2018 war Kuhn Co-Geschäftsführerin bei Caritas Aargau und Geschäftsführerin von Caritas Solothurn. Nun arbeitet sie in einem 60-Prozent-Pensum als Co-Geschäftsführerin bei Jungwacht-Blauring Schweiz in Luzern. «Ich bin ein Blauring-Kind», betont sie. Daneben ist sie selbstständig als Organisationsberaterin und Coach für Non-Profit-Organisationen. Seit 2018 präsidiert sie den Verwaltungsrat der Trinamo AG (ehemals Stollenwerkstatt). Auch in der Gemeinde engagiert sich Regula Kuhn. Aktuell in der Alterskommission. «Ich bringe viel Erfahrung in der Freiwilligenarbeit mit», sagt sie. «Da können wir in Küttigen noch zulegen – das Potenzial ist da, es braucht aber gute Rahmenbedingungen dafür.»

Man hört es Regula Kuhn noch an: Sie ist in Kreuzlingen TG aufgewachsen. Auf einem Bauernhof, den jetzt einer ihrer zwei Brüder führt. Nicht gerade ein typisches SP-Umfeld. «Mein Vater politisierte für die SVP, zu jener Zeit die Partei der Bauern und des Gewerbes. Für mich wäre die CVP infrage gekommen – aber deren Umgang mit der Frauenfrage hat mich gestört. Man denke an Christiane Brunner. Deshalb ging ich zur SP.»

Mit 27 in der Schulpflege Aarau

Nach einer KV-Lehre auf der Bank entschied sich Kuhn, Religionspädagogik zu studieren. Die erste Stelle führte sie 1988 nach Aarau in die Jugendarbeit der katholischen Pfarrei Peter und Paul. «Diese hatte den Ruf, eine sehr innovative Pfarrei zu sein, das gefiel mir.» Gefallen hat ihr auch ein Bauingenieur aus der Region, der in die Kirchen-Lager jeweils als Koch mitkam. «Gefunkt hat es im Burgund – das war nicht das erste gemeinsame Lager, aber bis dahin wusste ich, dass er gut kochen kann», erzählt Kuhn lachend.

Die beiden kauften 1996 in Küttigen ein Haus an der Nüberichstrasse und bekamen zwei Töchter, die heute 24 und 26 Jahre alt sind. «In Aarau sass ich in der Schulpflege – schon als 27-Jährige – und habe mich für Tagesstrukturen eingesetzt. Dann kamen wir nach Küttigen. Hier gab es nichts dergleichen.» Gemeinsam mit Frauen und ein paar wenigen Männern gründete Regula Kuhn deshalb den Elternverein. Dieser verhalf der Gemeinde zu Spielgruppe und Kleiderbörsen, Mittagstisch, Lotsendienst, Kinderkrippe, zum Familienzentrum im Locherareal. «Es war eine Pionierzeit, wir haben das Dorf aufgemischt. Die Behörden fanden es zwar gut, dass sich die Frauen vernetzen, aber man sah uns eher als Selbsthilfegruppe. Dass die Schaffung von Betreuungsstrukturen Gemeindeaufgabe sein könnte, kam den Behörden nicht in den Sinn.» Heute stehe Küttigen diesbezüglich recht gut da. «Es ist aber wichtig, auch weitere Formen der Betreuung zu diskutieren, zum Beispiel Tagesschulen.»

Angesichts ihres beruflichen Werdegangs drängt sich die Gretchenfrage auf: Wie hält es Regula Kuhn mit der Religion? In die Kirche gehe sie meist nur an den wichtigen Feiertagen, sagt die Küttigerin. Aber: «Die christlich-humanitären Werte spielen für mich im Alltag eine sehr wichtige Rolle – dass der Mensch im Zentrum steht, dass die Solidarität gelebt wird. Das hat mich seit der Kindheit geprägt. Was mich stört, sind die Macht- und Organisationsstrukturen innerhalb der katholischen Kirche. Da bin ich als Frau in meiner beruflichen Laufbahn an die gläserne Decke gestossen.»

Unter anderem deshalb habe sie auch noch Soziale Arbeit studiert, als ihre Kinder im Primarschulalter waren – um ein Standbein ausserhalb der Kirche zu haben. Weiterbildungen im Bereich NPO-Management, Organisationsberatung und Mediation folgten. «Mein Mann sagt, ich sei ein Weiterbildungsjunkie», erzählt Kuhn und lacht.

«Perspektive einer Frau fehlt»

Kuhn hat bei der Gemeinderatswahl diejenigen im Rücken, die sich endlich wieder eine Frau im Gemeinderat wünschen. «Es hat mich ehrlich gesagt erstaunt, dass die FDP einen Mann nominiert hat», sagt sie. «Der Gemeinderat ist dazu da, Lösungen zu finden. Verschiedene Perspektiven sind da wichtiger als parteipolitische Ideologien – und im Moment fehlt die Perspektive einer Frau.» Nach Bekanntgabe des Rücktritts von Peter Forster und der FDP-Nomination habe sie erkannt: «Ich kann nicht nur davon reden, wie wichtig eine Frau im Gemeinderat wäre, und dann selber nichts dafür tun.»

Mittlerweile habe sie beruflich genügend Luft für das Amt, sagt Kuhn. Und: «Ich finde es spannend, mit Leuten verschiedenster Generationen zu tun zu haben und baue gerne gemeinsam etwas auf. Partizipative Prozesse in verschiedensten Formen sind mir wichtig, das würde ich auch im Gemeinderat weiter fördern.»

Das Portrait des FDP-Kandidaten Emil Bieri finden Sie hier.