Aarau
Nyfeler bringt aggressiven Jungs bei: Boxen ist besser als Prügeln

Rolf Nyfeler arbeitet mit aggressiven Jugendlichen. Der Jugendarbeiter zieht dabei Boxhandschuhe an. Im Ring will er Jugendlichen beibringen auszuweichen, statt zuzuschlagen.

Dominic Kobelt
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Im Boxkeller Aarau steigt Robert Nyfeler mit Jugendlichen in den Ring – ein Anti-Aggressions-Training.

Im Boxkeller Aarau steigt Robert Nyfeler mit Jugendlichen in den Ring – ein Anti-Aggressions-Training.

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Posters von Muhammad Ali zieren die weisse Kellerwand. Auf einem Zettel steht «Friedfertigkeit ist der Ausdruck von Souveränität». Robert Nyfeler hebt seinen rechten Boxhandschuh nach oben, dann den linken, der 15-jährige Onur führt zwei Schläge aus und versteckt sich dann wieder hinter seinen Boxhandschuhen. Nyfeler arbeitet momentan mit vier Jugendlichen, die ihm von der Jugendstaatsanwaltschaft zugeteilt wurden.

Onur lebt in einem Heim. Auf die Frage, wieso er an einem Anti-Aggressionsprogramm teilnehme, sagt er: «Ich hatte eine Sitzung mit der Jugendanwaltschaft. Sie haben mich gefragt, ob ich teilnehmen möchte, um meine Aggressionen in den Griff zu bekommen.» Da habe er zugestimmt und jetzt boxe er einmal pro Woche, hinzu kommt das wöchentliche Lauftraining. Er habe viel gelernt, sagt Onur: «Zum Beispiel, wie ich auf Leute reagieren kann, die frech zu mir sind.» Es hänge aber immer davon ab, wie er provoziert werde. «Wenn jemand meinen Vater beleidigt, dann steigt es in mir auf, dann passiert etwas», sagt Onur. Sein Vater sei gestorben – ein emotionales Thema für den Jugendlichen. «Aber ich weiss jetzt, dass ich nicht zuschlagen muss – man kann Provokationen ignorieren oder darüber reden», sagt er.

Aggressiven Jugendlichen das Boxen beizubringen – besteht da nicht die Gefahr, dass diese das Gelernte auf der Strasse anwenden? «Nein, für das Gassenboxen ist das eigentlich kontraproduktiv», sagt Nyfeler. «Im Ring kommuniziert man zwar mit den Fäusten, aber die Kommunikation hat Regeln.» Wenn sich jemand nicht an diese Regeln halte, sei ein Ring-Boxer klar im Nachteil. «Wichtig ist aber, dass die Jugendlichen lernen, dass sie nicht immer zuschlagen müssen – man muss auch ausweichen können.» Ausserdem reichten die 15 Lektionen nicht aus, um jemandem die «Kunst des Boxens» beizubringen.

Zum Training hinzu kommen auch Gespräche, Zielsetzungen und kleine Verträge, die der Jugendarbeiter mit seinen Klienten vereinbart.

Nyfeler boxt selber seit vier Jahren. «Ich habe mich sofort in den Sport verliebt», sagt der Jugendarbeiter, der noch 50 Prozent als Sozial-Diakon bei der Kirchgemeinde Staufberg arbeitet. Seit 13 Jahren hat er in verschiedenen Kirchgemeinden Mittagstische betreut, Lager durchgeführt und Treffangebote aufgebaut. «Du bist unschlagbar», heisst das Projekt Anti-Gewalt-Programm für Jugendliche in Aarau. Die Projektidee stammt aus Deutschland. Als es darum ging, ein ähnliches Angebot in Aarau aufzuziehen, ist Nyfeler auf das Projekt Faustlos der Stiftung Lebensschritt aus Gränichen aufmerksam geworden und arbeitet nun mit der Stiftung zusammen. In Zukunft möchte er gerne ein Angebot für Schulen aufziehen. «Es wäre schön, wenn man mit verhaltensauffälligen Jugendlichen ein Training machen könnte, bevor sie mit der Jugendstaatsanwaltschaft zu tun haben», so Nyfeler.

Ein Jugendlicher hat das Projekt, das vor einem guten halben Jahr gestartet ist, bereits absolviert. Er war in einer Anlehre als Gärtner, wollte sich nicht unterordnen und fiel durch aggressives Verhalten auf. Offenbar half das Boxtraining: «Jetzt hat er die Abschlussprüfung sehr gut bestanden», sagt Nyfeler.

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