Miss Verständnis

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Was wäre, wenn wir am Wochenende die falschen Politiker gewählt hätten? Dürfen wir dann von Misswahlen sprechen? Nun, warten wir erst mal ab, wie sich das neue Parlament und die Regierung bewähren, und kommen zu den Schönheitsköniginnen aus dem Titel. Fakt ist: Misswahlen sterben aus. Vermutlich liegt es nicht nur am schwindenden Interesse des Publikums für solche Formate, sondern auch an den geringeren Anreizen für Kandidatinnen. Dank sozialer Medien erlangen junge Schönheiten heutzutage auch aus eigener Kraft Berühmtheit und sind kaum mehr auf Krönchen oder Agenturen angewiesen. Was bleibt, sind Wortspiele. Stets missgestimmt vermisse ich diese Missen.

Eine bestimmte Miss ist allerdings sehr berühmt. Es ist diejenige, die uns jeden Tag mehrmals begegnet, sich meist unbemerkt anschleicht und mal Ratlosigkeit, mal rote Köpfe hinterlässt. Es ist Miss Verständnis. Das Missverständnis. Definiert als unbeabsichtigtes, falsches Auslegen einer Aussage oder Handlung. Oder einfacher: Verstandenes ≠ Gemeintes.

In meinem Alltag als Arzt sind die Umschreibung von Beschwerden durch den Patienten und die Vermittlung des Behandlungsweges durch mich wohl die fruchtbarsten Nährböden für Missverständnisse. Beim Coiffeur ist es das «bitte kürzer» und beim Metzger das «es bitzeli meh».

Missverständnisse sind alltäglich und ihre Ursachen nicht nur sprachlich, sondern auch nonverbal, akustisch und kulturell. Mit ihnen lassen sich wundervolle Witze kreieren, aber auch schreckliche Kriege anzetteln.

Eine weitere Art des Missverständnisses liegt mir aber am schwersten im Magen. Es ist das Missverständnis, das aus dem Nicht-verstehen-Wollen einer Nachricht entsteht. Etliche unserer Zeitgenossen sind leider taub für Argumente und schotten sich ab in Halbwissen, Verschwörungstheorien und extremen Gedanken. Ihre Weltsicht ist nachzulesen in Onlinekommentaren der Newsportale.

Angst und Bang wurde mir kürzlich bei der Durchsicht der Kommentare unter einem fundierten und differenzierten Bericht zur Organspende. Dort wurde sachlich über das Problem der fehlenden Organspenden berichtet (die Schweiz ist fast Schlusslicht in Europa), unterlegt war der Artikel dann mit Kommentaren voller Ablehnung, Verbitterung und Dummheit. Aus meiner Zeit am Universitätsspital, wo ich Patienten vor und nach Lebertransplantationen begleiten durfte, weiss ich um dieses Problem und die Schicksale der auf Organe wartenden Menschen.

Ich bitte Sie, liebe Leserinnen und Leser, machen Sie sich ein eigenes Bild anhand von Fakten und entscheiden Sie ruhig und unaufgeregt, ob eine Organspende nach dem Tod für Sie in Frage käme. Die Organisation Swisstransplant informiert fundiert und unabhängig.

Ich selber werde posthum spenden. Statt einer Karte im Portemonnaie habe ich die App «Medical ID» auf meinem Natel gespeichert. Zu meiner Lebzeit zeigt sie die von mir eingetragenen Gesundheitsdaten an (Medikamente, Krankheiten, Kontaktpersonen), nach meinem Tod meine genau definierte Bereitschaft zur Organspende.

Machen Sie bitte auch mit. Damit keiner mehr sagen kann: Organs missing! Verstanden?

Dr. med. Florian Riniker (43)

arbeitet als Magen-Darm-

Spezialist in Aarau und

wohnt in Suhr.