Erlinsbach
Landarztpraxis: Zwei Engel fürs Erzbachtal

Zwei neue Ärztinnen übernehmen eine Hausarztpraxis in Erlinsbach AG. So viel arbeiten wie ihr Vorgänger werden sie aber nicht.

Nadja Rohner
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Maja Friess (links) und Claudia Peter freuen sich auf den Start ihrer neuen Praxis am 10. April. Sie haben die Räumlichkeiten vom langjährigen Hausarzt Hanspeter Kurth übernommen. In etwa zwei Jahren ziehen sie aber um.

Maja Friess (links) und Claudia Peter freuen sich auf den Start ihrer neuen Praxis am 10. April. Sie haben die Räumlichkeiten vom langjährigen Hausarzt Hanspeter Kurth übernommen. In etwa zwei Jahren ziehen sie aber um.

Chris Iseli

Noch herrscht ein kleines Chaos in der Hausarztpraxis an der Bläuenstrasse 8. Wie das halt so ist, wenn ein langjähriger Bewohner auszieht und Neuem Platz macht. Hanspeter Kurth, während Jahrzehnten Hausarzt in Erlinsbach AG, übergibt diese Woche seine Praxis an zwei Nachfolgerinnen: Claudia Peter und Maja Friess. Am 10. April müssen alle Umgestaltungs- und Zügelarbeiten abgeschlossen sein – dann startet der Praxisbetrieb unter der Leitung der beiden Ärztinnen.

Zugezogen aus der Ostschweiz...

Maja Friess hat mit Brittnau zwar einen Aargauer Bürgerort, ist aber in Neuhausen am Rheinfall aufgewachsen. Nach dem Studium an der Universität Bern bildete sie sich in Richtung Allgemeinmedizin weiter. Während insgesamt zwei Jahren arbeitete sie in Niger und Äthiopien. Gerade erst in die Schweiz zurückgekehrt, übernahm sie im Zürcher Weinland die Vertretung für einen erkrankten Kollegen. «Er war Hausarzt einer typischen Landarztpraxis», erzählt Friess. «Da hat es mir den Ärmel reingenommen. Ich habe Freude daran, junge und alte Patienten auf ihrem Weg zu begleiten, und ich bin überzeugt, dass es die Hausarztmedizin als wichtiges Standbein der medizinischen Versorgung braucht.» Nach weiteren zehn Jahren in einer Praxisgemeinschaft im Rheintal zog Maja Friess 2015 zu ihrem Mann nach Küttigen. Im letzten Jahr hat sie auf der Notfallstation des Kantonsspitals Aarau gearbeitet.

Ihre Kollegin Claudia Peter lernte sie kennen, als sich beide für die Nachfolge des Erlinsbacher Hausarztes Hanspeter Kurth interessierten. Dessen grosser Patientenstamm wäre für eine der beiden alleine gar nicht zu bewältigen gewesen, sagen beide Ärztinnen – also beschlossen sie, sich zusammenzutun.

... und aus Deutschland

Claudia Peter ist in Deutschland aufgewachsen. Studiert hat sie an der Universität Magdeburg. Ihr Facharzttitel Innere Medizin ist hier in der Schweiz anerkannt. Lächelnd merkt sie an: «Das werde ich immer wieder gefragt.» Seit 2005 lebt Claudia Peter in der Schweiz, von Anfang an in Erlinsbach. Bis zur Geburt ihres Sohnes im Jahr 2010 war sie Oberärztin im Spital Zofingen. Ihr Sohn sei auch der Grund gewesen, weshalb sie ab 2010 Teilzeit in einer Hausarztpraxis in Lenzburg arbeitete, wo sie «enorm viel gelernt und die Hausarztmedizin schätzen gelernt» hat. Seit längerem macht sie zweimal im Monat Notfalldienst im Kantonsspital Aarau und will das auch beibehalten. «Ich mag den anderen Wind, der da weht», sagt Claudia Peter. «Aber ich bin mit Leib und Seele Hausärztin und schätze die viel intensivere und lang andauernde Beziehung zu den Patienten sehr.»

Die beiden Frauen werden zu je 70 Prozent in der Praxis an der Bläuenstrasse arbeiten. Während Doktor Kurth noch sehr lange Sprechstunden bewältigte, werden die Öffnungszeiten der Ärztinnen von 7.30 bis 18 Uhr mit Mittagspause sein.

Visite zu Hause und im Altersheim

Auch Haus- und Altersheimbesuche werden Claudia Peter und Maja Friess anbieten, dazu das übliche schulmedizinische Spektrum einer Hausarztpraxis. Die Patienten von Hanspeter Kurth können sich entweder von den neuen Ärztinnen weiterbehandeln lassen; wenn sie sich aber einen anderen Hausarzt suchen wollen, können sie ihre Akten auf Voranmeldung abholen.

Während des Gesprächs drücken Friess und Peter mehrfach ihre Achtung gegenüber ihrem Vorgänger aus: «Doktor Kurth war ein Hausarzt vom alten Schlag. Er hat ein wahnsinniges Arbeitspensum gemeistert. Wir freuen uns zwar sehr auf unsere neue Aufgabe, aber wir haben auch Respekt davor.» Es zeigt sich bei allen Nachfolgeregelungen in Hausarztpraxen: Die jüngere Generation der Ärzte will nicht mehr rund um die Uhr und sieben Tage pro Woche im Dienst ihrer Patienten stehen. Das ist mit ein Grund, weshalb in der Praxis von Claudia Peter und Maja Friess im Moment grundsätzlich keine neuen Patienten angenommen werden, ausgenommen Erlinsbacher Neuzuzüger.

Dass dies nicht immer auf Verständnis stösst, wissen sie. «Die Leute müssen sich bewusst sein: Es ist nicht die Schuld der verbliebenen Hausärzte oder der Praxisassistentinnen, dass wir insgesamt viel zu wenige Hausärzte haben», sagt Maja Friess. «Wir können nicht kompensieren, was in der Gesundheitspolitik in den letzten zehn bis zwanzig Jahren schiefgelaufen ist.»

Neue Praxis wird gebaut

In eineinhalb bis zwei Jahren wird die Praxis an den Dorfplatz von Erlinsbach SO umziehen, wo die Gemeinde kürzlich ein Gebäude zu diesem Zweck gekauft hat. «Wir haben bei der Gemeinde angefragt, und sie haben uns innert kürzester Zeit diese ideale Lösung präsentiert», lobt Maja Friess die Zusammenarbeit.

Die Räumlichkeiten in der neu zu erbauenden Liegenschaft werden den Ärztinnen im Rohbau übergeben, den Mieterausbau machen sie nach ihren Bedürfnissen. Die neue Praxis soll die Möglichkeit bieten, später noch einen dritten Arzt oder Ärztin mit ins Team zu holen – am heutigen Standort wäre dazu definitiv nicht genug Platz.