Oberentfelden
Kein trockener Job: Die Stiftung für Behinderte dörrt für die Migros Früchte, Gemüse und Kräuter

Die Stiftung für Behinderte beliefert die Migros mit Dörrfrüchten. Auch Kräutern und Gemüse wird in Oberentfelden der Saft entzogen.

Barbara Vogt
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Stiftung für Behinderte
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Die Stiftung für Behinderte beliefert die Migros mit Dörrfrüchten.
Ein ganzes Kilo frische Äpfel braucht es für 100 Gramm Dörrfrüchte.
Ein ganzes Kilo frische Äpfel braucht es für 100 Gramm Dörrfrüchte.

Stiftung für Behinderte

Sandra Ardizzone

Im Raum riechts nach Äpfeln. Michèle Wullschleger rückt ihnen schnell zu Leibe, indem sie einen Apfel packt, in den Apfelschäler spannt und kräftig am Rad dreht. Sie lacht, noch während die Schalen fliegen: «Ich liebe diese Arbeit!»

Michèle Wullschleger ist eine Mitarbeitende der Stiftung für Behinderte Oberentfelden. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen der Werkgruppe verarbeiten für die Migros Unterentfelden frische Früchte zu Trockenobst: Äpfel, Mangos, Ananas, Papaya, Bananen, Kakis, Kiwis und im Frühling Erdbeeren. Für die Migros Aare ein einzigartiges Projekt, so Mediensprecherin Andrea Bauer: «Die gedörrten Früchte werden exklusiv in der Filiale Unterentfelden angeboten. Das ist unüblich, normalerweise schauen wir, dass es von einem angebotenen Produkt genügende Mengen gibt, um alle Filialen unserer Genossenschaft zu beliefern.»

Die Dörrfrüchte seien gefragt, sagt Andrea Bauer. Kaum stünden die durchsichtigen Säckli mit den getrockneten Köstlichkeiten in den Regalen, seien sie schon wieder weg. Am gefragtesten sind Äpfel, gefolgt vom Exotikmix und Kakis. Der Vater von Michèle brachte das Projekt ins Rollen: Als Fachberater Früchte und Gemüse bei der Migros Aare fand Jürg Wullschleger, die Stiftung für Behinderte könnte ihr Trockenobst doch in der Filiale Unterentfelden anbieten.

Auch Gemüse und Kräuter werden gedörrt

Seit einigen Jahren dörren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle möglichen Kräuter, Gemüse und Früchte und verkaufen sie in ihrem Laden oder an Märkten. Am 11. November letzten Jahres belieferte die Stiftung erstmals die Migros Unterentfelden mit Trockenfrüchten. «Wir liefern, wenn wir genügend Obst haben», sagt Alexander Columberg, Bereichsleiter der Industriewerkstatt der Stiftung für Behinderte. «Unser Ziel ist es jedoch, die Effizienz zu steigern und die Migros Unterentfelden wöchentlich zu beliefern.» Dafür wird die Stiftung mit einem weiteren Dörrapparat und Rüstwerkzeugen ausgestattet.

Doch die Produktion hängt auch von der Motivation und der Tagesform der Mitarbeitenden ab, so Columberg. «Wir beziehen die Betroffenen in die Arbeiten ein.» In der Werkgruppe sei es wichtig, die Leute in ihren Fähigkeiten zu fördern. «Wir setzen sie aber keinem Leistungsdruck aus.»

Michèle Wullschleger dreht immer noch am Rad des Apfelschälers, während ihre Kollegen Philip Reusser und Lumbardh Murseli die geschälten Äpfel schneiden, sorgsam auf ein Gitter legen und später in den Dörrapparat schieben. Hygiene und Qualität werden bei der Verarbeitung der Früchte grossgeschrieben, deshalb tragen die Mitarbeitenden weisse Hauben und Handschuhe. Zu Beginn sei der Verschleiss von Handschuhen gross gewesen, erinnert sich Gruppenleiter Andy Siegenthaler. «Die Leute mussten zuerst mal verstehen, dass sie sich mit den Handschuhen, mit denen sie Früchte geschnitten hatten, nicht die Augen reiben können.»

300 Menschen leben und arbeiten in der Stiftung für Behinderte

Die Stiftung für Behinderte ist eine regionale Stiftung, die seit 1977 erwachsene Menschen mit Behinderungen begleitet. Sie hat zwei Geschäftsgebiete in Lenzburg/Staufen und Oberentfelden. Der Zusatz «Orte zum Leben» weist darauf hin, dass den behinderten Mitmenschen nebst Wohngelegenheiten auch Arbeit, Bildung und Freizeit geboten werden.

300 Mitarbeitende, Bewohnerinnen und Bewohner gehören der Stiftung für Behinderte Aarau-Lenzburg an. In Oberentfelden betreibt die Institution eine Schreinerei und bietet unter anderem Lösungen für Verpackungs- oder Montageproblemen an. Seit fünf Jahren stellt sie Kleiderbügel für die Swiss her. (bA)

100 Gramm Dörrfrüchte aus einem Kilo frischen Äpfeln

Äpfel seien am einfachsten zu verarbeiten», sagt er. Von einem Kilo Früchten gebe es gerade mal 100 Gramm Dörräpfel. «Bei Ananas und Mangos braucht es schon einen Kraftakt, um sie zu schälen. Deshalb bereiten wir die Früchte so vor, dass sie die Mitarbeitenden nur noch in Stücke schneiden müssen.» Alleine die Farben der Früchte seien für die Leute beim Arbeiten ein Erlebnis, sagt Siegenthaler. «Wenn sie die beschrifteten Etiketten auf die Säckli kleben, macht sie das besonders stolz.»

Am Anfang sei er ein absoluter «Früchtelegasteniker» gewesen, sagt der Gruppenleiter und lacht. Inzwischen esse er aber gerne gedörrte Früchte. Und auch für die Temperatureinstellung des Dörrofens hat er inzwischen ein Gspüri entwickelt. «Äpfel brauchen eine andere Hitze als Kiwis oder Erdbeeren.» Apropos Erdbeeren: Probiert man die roten Früchten nach dem Dörren, schmecken sie eher sauer als süss. «Im Müesli schmecken sie am besten», sagt Bereichsleiter Alexander Columberg.

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