Aarau
Hochprofitabel und trotzdem der Abbau: Eine Chance für die Rockwell-Büezer?

Gewerkschaften und Politik machen Druck auf Rockwell: Denn die hiesige Produktion steckt nicht in den roten Zahlen und dem Konzern geht es gut. Wird der angekündigte Abbau in Aarau also weniger gross als am Dienstag angekündigt? Klar ist: Es geht in Aarau um alles oder nichts.

Urs Helbling
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Die Rockwell Automation entlässt 250 Mitarbeiter. Bild vom Sitz der Rockwell in Aarau an der Industriestrasse 20. Aufgenommen am 19. September 2017.

Die Rockwell Automation entlässt 250 Mitarbeiter. Bild vom Sitz der Rockwell in Aarau an der Industriestrasse 20. Aufgenommen am 19. September 2017.

Chris Iseli

Ein laut Gewerkschaften produktiver und gewinnbringender Standort wird geschlossen. Eine Fabrik, bei der der starke Franken eine untergeordnete Rolle spielt, weil vor allem in den Dollar-Raum exportiert wird. Die Empörung über den angekündigten Abbau von 250 Stellen bei Rockwell Automation in Aarau ist gross.

Die für ihre Zurückhaltung bekannte Arbeitnehmerorganisation Angestellte Schweiz schreibt: «Der Verband wird den Verdacht nicht los, dass auf dem Buckel der Angestellten die Rendite maximiert werden soll.»

Die Gewerkschaft Syna wird noch deutlicher: «Der Abbau am Standort Aarau ist eine unverschämte Gewinnmaximierung auf dem Buckel von hochqualifizierten, meist langjährigen und treuen Mitarbeitenden!»

Konzern hochprofitabel

Die Unia fordert den US-Riesen auf, den Erhalt der Produktion am Standort Aarau «erst ernsthaft zu überprüfen, anstatt zur Gewinnoptimierung kurzerhand Stellen in Billiglohnländer zu verlagern». Das Geld dafür wäre vorhanden.

Die für gewohnt unternehmerfreundliche «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) schrieb am Dienstag: «Der Konzern ist äusserst rentabel, die Eigenkapitalrendite bewegt sich seit Jahren über 30 Prozent. An der Börse ist er mit rekordhohen 22,6 Milliarden Dollar bewertet.»

Rockwell Automation bezeichnet sich als weltweit grössten Hersteller von Industrieautomation (in diesem Segment ist auch ABB tätig). Der Konzern beschäftigt gesamhaft über 22'000 Angestellte.

Wird der Abbau in Aarau weniger gross ausfallen als am Dienstag angekündigt? Fest steht: Der Konzern hat sich noch nicht definitiv auf eine konkrete Zahl von Stellen festgelegt. Aber die Produktion ist mit 250 Stellen bereits derart klein, dass sie eigentlich kaum noch markant kleiner werden kann. Also: alles oder nichts. Entscheidend wird sein, ob es den Gewerkschaften und der Politik gelingen wird, genügend Druck aufzubauen.

«Spezielles Know-how»

Gemäss den Intentionen des Managements von Rockwell Automation sollen die Jobs nach Polen und China verlegt werden. Die Fabrik in Polen ist im Sommer 2007 in Betrieb genommen worden. Im Vorfeld hatte es Schliessungsgerüchte gegeben.

Der damalige Finanzchef Beat Wüst beschwichtigte vor elf Jahren: «Aarau ist weltweit der wichtigste und grösste Produktionsstandort für Leistungsschalter und Schütze für den Niederspannungsbereich.»

Und: «Von einer Produktionsverlagerung oder gar Standortschliessung kann keine Rede sein. Unsere hoch automatisierten Montageeinrichtungen und die anspruchsvolle Technologie verlangen ein spezielles Know-how, das in der Schweiz wettbewerbsfähig bestehen kann.»

Sozialdemokraten protestieren

Das gilt, so weiss man es seit dem späten Dienstagnachmittag, heute nicht mehr. Wie die Gewerkschaften ist auch die SP des Kantons Aargau empört: «Die Verlagerung der Produktion eines hochprofitablen und gesunden Unternehmens wie Rockwell Automation in das vermeintlich günstigere Ausland ist absolut inakzeptabel. Der geplante Abbau sei möglichst zu vermeiden. Die SP will am kommenden Dienstag im Grossen Rat einen entsprechenden Vorstoss einreichen.

Die Sozialdemokraten der Stadt Aarau haben das bereits getan. Sei fordern vom Stadtrat, er solle sich «dafür einsetzen, dass möglichst viele Stellen in Aarau bleiben». Und er solle dafür sorgen, «dass die frei werdenden Räume im Rahmen einer langfristigen Standortpolitik für innovative Unternehmungen genutzt werden».

Hoffen auf «anständigen Rahmen»

Die in Kalifornien beheimatete Rockwell Automation hatte 1993 den Niederspannungsbereich von Sprecher + Schuh übernommen. Vier Jahre später war für die Betroffenen von einem Glücksfall die Rede. Rockwell beschäftigte damals in Aarau 780 Personen (davon 120 Entwicklungsfachleute), in Mägenwil 120 Angestellte im Verkaufs- und Supportbereich (später nach Aarau verlegt) und in Dierikon LU 160 Festangestellte im Kompetenzzentrum für Standardantriebe (später geschlossen).

Ein langjähriger Rockwell-Mitarbeiter meinte nach der Bekanntgabe der jüngsten Restrukturierungsmassnahmen: «Es hat in letzter Zeit immer wieder Gerüchte über eine mögliche Schliessung gegeben. Persönlich war ich trotzdem überrascht, als der Entscheid bekannt gegeben wurde.»

Und – ein kleiner Trost: «Ich gehe nach meinen bisherigen Erfahrungen als Rockwell-Mitarbeiter davon aus, dass die Schliessung in einem anständigen Rahmen durchgeführt wird.»