Aarau
Gibts eigentlich noch «Chnellen»? Wir haben gesucht – und die letzten Stammtische gefunden

Für spezielle Typen gibt es immer weniger Orte: Urchige «Beizen» sterben in der Region Aarau stetig aus. Trotzdem sind wir auf der Suche nach den letzten Stammtischen fündig geworden.

Henrik Furrer
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Die Stammgäste des «Bären» in Muhen geniessen die gemütliche Atmosphäre an ihrem Stammtisch.

Die Stammgäste des «Bären» in Muhen geniessen die gemütliche Atmosphäre an ihrem Stammtisch.

Aargauer Zeitung

Früher war er der wichtigste soziale Treffpunkt in jeder Ortschaft, heute ist er eine Randerscheinung – der Stammtisch. Immer mehr traditionsreiche «Chnellen» verschwinden. Damit gehen auch Zufluchtsorte für Randständige verloren, die sich in modernen Bars nicht wohlfühlen. Das neuste Beispiel ist die «Waage» in Aarau, die Ende Juni ihre Türen schliessen wird. Bei Wirt Erich Frensdorff waren alle willkommen.

Auf der Suche nach den letzten «Chnellen» der Region fand die az nicht mehr viele: in Aarau die «Aarauerstube» und die «Altstadt», in Lenzburg das «Imperial» und die «Oberstadt», in Menziken die «Eintracht» und das «Täli», in Reinach der «Rosengarten» und das «Central». Zwei weitere, echte Beizen haben wir besucht und am Stammtisch Platz genommen.

Im «Bären» wohnt ein Geist

Erste Station ist der altehrwürdige «Bären» in Muhen. Gerüchten zu Folge soll hier am 21. Februar 1821 der berüchtigte Ein- und Ausbrecherkönig Bernhard Matter geboren worden sein. Man munkelt, dass sein Geist noch immer im Gasthof wohnt. Bevor Ursula Roth Blaser und Roli Blaser die traditionsreiche Beiz im Mai 2015 wiedereröffnet haben, war die Seele von Bernhard Matter für viele Monate die einzige, die im «Bären» verkehrte.

Es ist ein sonniger und warmer Abend in Muhen. Die Stammgäste geniessen draussen in der Gartenwirtschaft des «Bären» ein kühles Blondes. Rasch einen Stuhl vom Nebentisch heranziehen und man ist sofort Teil der Runde. «Bären»-Wirt Roli Blaser sitzt ebenfalls bei seinen Gästen. Auch er gehört zum Stammtisch. Genauso wie der Mann neben ihm. Es ist der legendäre «Bären-Fritz»: Fritz Hottiger, der Vorgänger von Roli Blaser. «Ich geniesse es auch heute noch, mit meinen alten Stammgästen zusammenzusitzen», erzählt «Bären-Fritz».

Jeder scheint sich hier wohlzufühlen. Doch was genau ist es, das eine Stammbeiz wie den «Bären» ausmacht? «Nun, das Bier allein ist es nicht», sagt einer der Stammgäste. «Wir kommen nicht nur zum Saufen. Es geht vor allem darum, gemütlich zusammenzusitzen und sich auszutauschen.» Und: «Hier trifft man immer jemanden, den man kennt und erfährt das Neueste aus dem Dorf.» Von der anderen Seite des Tisches tönt es: «Es eine Zusammenkunft aus allen Schichten. Am Stammtisch ist jeder gleich.» Aber am wichtigsten sei: «Hier hat die Bieridee noch einen Wert.»

Jeder am Tisch hält eine Zigarette in der Hand. Auch hierbei ist man sich einig: Ohne rauchen geht nichts. «Wenn wir drinnen nicht rauchen dürften, würde ich gar nicht herkommen», sagt einer. «Es ist doch total ungemütlich, ständig nach draussen gehen zu müssen, wenn man sich eine anzünden will.» Und was ist mit den Nichtrauchern? Mehr als ein müdes Lächeln löst diese Frage bei niemandem aus, auch nicht beim Bären-Fritz: «Ich habe noch nie jemanden hier am Stammtisch gesehen, der nicht raucht.»

Zeitreise im «Bierstübli»

Aber wo findet man in Aarau noch richtige «Chnellen»? Neben der «Altstadt» und der «Aarauerstube» kommt das unscheinbare «Bierstübli» der Pelzgasse einer wahren Stammbeiz für spezielle Typen wohl am nächsten. Beim Betreten des Lokals wird man vom süsslichen Duft von Pfeifentabak empfangen. Aus der antik wirkenden Jukebox klingt eine eingängige Schlagernummer, in der der Sänger seine geliebte Stammbeiz besingt.

Nur 27 Quadratmeter gross ist das «Bierstübli» – die kleinste Bar in Aarau. An einem der beiden Vierertische sitzt der Wirt, Marcel Mauch, mit zwei seiner Stammgäste. Vor neun Jahren hat der Pensionär das «Bierstübli» eröffnet. «Ich wollte etwas Traditionelles machen», sagt Mauch. «Ein Ort, an dem man gemütlich zusammensitzen, rauchen und ein Bier trinken kann.» Solche Orte gebe es in Aarau leider immer weniger. «Mir gefallen all diese neuen Bars überhaupt nicht», so Mauch. «Dort ist es laut, überfüllt und vor allem ist der Umgang untereinander unpersönlich.»

Alles andere als unpersönlich ist das Ambiente im «Bierstübli». Marcel Mach hat seine Bar mit unzähligen Requisiten ausgestattet. Die Kasse aus den 60er-Jahren, die Modelle von Schweizer Kampffliegern aus dem Zweiten Weltkrieg an der Decke, die zahlreichen alten Bierkrüge und nicht zuletzt die hölzerne Uhr mit dem unverkennbaren stündlichen Westminster-Schlag nimmt die Gäste mit auf eine Zeitreise. «Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Gegenständen auf Flohmärkten, in Brockis und auf Riccardo», sagt Mauch. «Hier fühlt man sich wie in der Stube zu Hause», sagt eine Stammkundin. «Und alle sind sofort per Du miteinander.»

Meisterhafter Pfeifenraucher

Wie im «Bären» in Muhen ist auch im «Bierstübli» das Rauchen ein wichtiger Faktor. «Das gehört in einer Stammbeiz einfach dazu», findet Mauch. Ihn selbst sieht man nie ohne Pfeife im Mund. Das gehört sich auch so für den Drittplatzierten der letzten Schweizer Meisterschaft im Pfeifenrauchen. Im Vordergrund steht für Mauch beim Rauchen allerdings nicht der Wettbewerbsfaktor, sondern die Gemütlichkeit – frei nach dem Motto des Pfeifenklubs Aarau: «Rauchen schadet der Gesundheit, aber nicht der Geselligkeit.»

Ein paar von diesen Orten, wo jeder willkommen ist, gibt es also noch. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

Auffallend war, dass sowohl im «Bären» wie auch im «Bierstübli» fast ausschliesslich ältere Gäste anzutreffen sind.

Für den Grossteil der jüngeren Generation scheint die Stammtisch-Kultur keine Bedeutung zu haben. Weshalb das so ist, erklärt ein alter Nachtleben-Experte und Beizen-Kenner, Rolf Vieli. (siehe nachfolgende Box)

Expertenmeinung: Das Handy killt die Stammbeiz

Rolf Vieli hat sich einen Namen gemacht als «Mister Langstrasse», als er zwischen 2001 und 2011 an der Ausgangsmeile schlechthin im Auftrag der Stadt Zürich Drogen und Prostitution bekämpfte. Gegenüber dem Newsportal «watson» sagte Vieli einmal, die sich verändernde Barlandschaft sei ein Sinnbild für den Wandel der Gesellschaft. Dies gelte nicht nur für Zürich, sondern für die ganze Schweiz. «Die Ur-Bar, die Kneipe im positiven Sinne, ist tot», sagt Vieli.

Neben steigenden Mietzinsen und der Verdrängung durch grosse Ketten sei vor allem das Ausgehverhalten der heutigen Jugend der Grund für diese Entwicklung. «Früher ging man in seine Stammbeiz und diskutierte dort, trank, blieb sitzen, bis sie schloss.» Dies sei heute seltener gefragt. Die Menschen seien heutzutage im Ausgang ständig auf dem Sprung. «Alles ist kurzlebig. Die Leute suchen im Ausgang Abwechslung», so Vieli. Durch die permanente Angst, etwas verpassen zu können, würden sie sich auf nichts mehr einlassen.

Verstärkt wird diese Tendenz laut Vieli durch das Handy. «Weil wir über alle Anlässe informiert sind, wollen wir überall sein, sind aber nirgends mehr richtig.» (FUR)

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