Serie
Gezwitscher statt Bass im Ohr – wie der Wald einer Ausdauerläuferin bei der Vorbereitung hilft

Sonja Schnider arbeitet für das Fitness- und Ausdauersportmagazin «FIT FOR LIFE», sie hat dieses Jahr an zwölf Läufen teilgenommen. Der Wald hilft ihr bei der Vorbereitung.

Stefania Telesca
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Mittagspause im Grünen: Sonja Schnider trainiert im Aargauer Wald.

Mittagspause im Grünen: Sonja Schnider trainiert im Aargauer Wald.

Chris Iseli

Die Sonne zeichnet helle und dunkle Stellen auf den Waldboden, gefiltert durch die Blätter. Sonja Schnider dehnt vor dem Lauf ihre Waden an einem wild bewachsenen Baumstumpf in einem Waldstück nahe ihrem Arbeitsplatz. Drei Mal die Woche nutzt sie die Mittagspause, um hier zu trainieren. Sechs Kilometer Wald- und Wiesenweg führen Sonja von der Aarauer Telli, über die Kettenbrücke, bis zur Staffelegg-Brücke und zurück. «Das ist herrlich, etwas vom Schönsten, was du machen kannst. Erstens bist du 40 Minuten draussen und zweitens bist du nach dem Mittag wie frisch geboren», sagt sie.

Sonja arbeitet für das Fitness- und Ausdauersportmagazin «FIT FOR LIFE». Sie ist 49 und läuft seit ihrem 18. Lebensjahr. «Die ersten elf Jahre machte ich Triathlon». Beidseitige Achillessehnenprobleme zwangen sie, die Belastung zu reduzieren: «Ich will einfach noch laufen können. Und habe das mit Physio geschafft.» Sonja weiss, welchen Einfluss der Boden auf Lauf und Körper haben kann. Es sei wichtig, dass der Fuss Abwechslung habe: «Ich komme in den Wald, weil ich hier eine andere Bodenbeschaffung habe. Es gibt zum einen den Kieselweg, es gibt aber auch die kleineren Trails zwischendrin, wo man den Boden spürt, mit Laub und Moos.» Sonja meidet die harten Teerwege am Mittag ganz bewusst. «Bei den Events ist alles Teer, da musst du dann beissen können.»

Waldinitiative

Am 25. November entscheidet das Aargauer Stimmvolk, ob der Kanton für den Wald deutlich mehr Geld zahlen soll oder nicht.

In einer Serie begleitet die AZ mehrere Personen und spricht mit ihnen über ihre Beziehung zum Wald. Heute: Sonja Schnider, Läuferin aus Erlinsbach.

Bereits erschienen:

Aargauer Förster: «Der Wald wird in 50 Jahren nicht mehr so aussehen, wie wir ihn heute kennen»

12 Läufe hat sie dieses Jahr bereits absolviert, zwei davon waren Halbmarathons. Den dritten und letzten Halbmarathon in diesem Jahr läuft sie Ende Oktober in Luzern. Sonja hat das Auftreten einer gesundheitsbewussten Person, die sich nicht zwingt, zwischen Sport und Genuss zu entscheiden. Der Luzerner Halbmarathon sei für sie nicht nur ein Laufevent: «Meine Zwillingsschwester und ich reisen jeweils bereits am Freitag an und feiern in die Nacht hinein. Am Samstag erholen wir uns und am Sonntag laufen wir.»

Vögel statt Musik

Es sei der Wald als Ganzes, der das Laufen angenehm macht: «Die Luft ist frischer, als an der Hauptstrasse. Und du hast Ruhe. Du hörst die Vögel oder sonstige Geräusche, aber es sind erholsame Geräusche.» Die Blues-Rock-Musik macht einen fast so grossen Teil von Sonjas Leben aus, wie der Sport. Trotzdem trennt sie die beiden, wenn sie in der Natur ist: «Ich trage im Wald nie Kopfhörer.»

Ein Mountainbiker in Vollmontur zieht an Sonja vorbei. Sie begegne im Wald vor allem anderen Sportlern oder Menschen, die mit Hunden spazieren. Konflikte mit anderen Waldgängern gäbe es nie: «Dadurch, dass ich früher selber eine Hündelerin war, bin ich nicht diejenige, die stehenbleibt und mit hochgezogenen Armen fuchtelt. Ich beuge mich vielleicht hinunter zum Hund. Dann kommt er Sali sagen.»

27 Jahre lang hielt Sonja selbst Hunde, Boxer. Sie lief mit ihnen auch im Dunkeln durch den Wald. Das macht sie jetzt nicht mehr. «Eine gewisse Sicherheitsbarriere fehlt.» Angst hat sie aber keine. Die Erlinsbacherin hat eine gute Beziehung zum Wald. Diese wurzelt in ihrer Kindheit: «Meine Zwillingsschwester und ich waren Winnetou und Old Shatterhand. Wir spielten immer im Wald und haben Häuschen gebaut.» Das schätze man nachher im Leben: «Ich habe keine Angst vor ihm, auch wenn es eindunkelt.»

Die Wandelbarkeit des Waldes

Sonja braucht und schätzt den Wald. «Ich habe ihn gern» sagt sie und lächelt. Fast jede Jahreszeit habe ihre Vorzüge: «Ich mag die Farbwechsel, die man im Herbst hat, wenn es goldig wird. Aber auch der Winter hat seinen Charme, wenn alles schneebedeckt ist. Dann ist der Wald irgendwie heimelig.» Nur im Frühling hat sie Mühe, aufgrund ihres Heuschnupfens. «Aber danach habe ich wieder Freude am Wald. Im Sommer spendet er mir Kühle.»

Sonja ist froh, dass der Wald in der Schweiz allen gehört. Das sei im Ausland nicht immer so «Da läuft man immer wieder an Privatareale hin, wo man umkehren muss.» Sonja könnte sich einen Wohnort ohne Wald in der Nähe nicht vorstellen. «Es ist Natur pur. Der Wald ist ein schöner Teil der Erdkugel, finde ich.»

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