Fusion Menziken/Burg
Wie Burg vor 270 Jahren seinen Sonderstatus verlor und eigenständig wurde

1751 wurde Burg zur eigenständigen Gemeinde erklärt – genau 270 Jahre später wird die Fusion mit Menziken geprüft. Damals wurde Burg nicht von Menziken getrennt, sondern verlor vielmehr einen jahrhundertealten Sonderstatus.

Katja Schlegel
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Burg ist erst seit 270 Jahren eine eigenständige Gemeinde.

Burg ist erst seit 270 Jahren eine eigenständige Gemeinde.

Emanuel Per Freudiger / WYS

Menziken und Burg prüfen eine Fusion. Und das just 270 Jahre, nachdem Burg zu einer eigenständigen Gemeinde erklärt wurde. 1751 wurde Burg aber nicht von Menziken getrennt, sondern verlor vielmehr einen jahrhundertealten Sonderstatus.

Das Jahr 1751 war nicht nur die Geburtsstunde der offiziellen Gemeinde Burg, sondern auch von Leimbach und Wilhof, das sich schliesslich 1905 Birrwil an schloss. Alle diese Siedlungen waren bis dato sogenannte Steckhöfe. Ein Kuriosum, das der Berner Herrschaft ein Dorn im Auge war.

Eigenständig, mit allen Vor- und Nachteilen

Steckhöfe gab es im Wynental viele. Hofsiedlungen, die weder Teil einer Gemeinde noch selber eine waren. So zum Beispiel der Wannenhof, der Kabishof oder das Zinsental in Unterkulm. Im Raum Reinach-Menziken gab es zuletzt die Steckhöfe Burg, Geisshof, Leimbach, Flügelberg und im Seetal den Wilhof bei Birrwil.

Anders als die Gemeinden kannten die Steckhöfe beispielsweise keinen gemeinsamen Wald- und Weidebesitz, keinen Flurzwang, keine Gemeindeversammlung und keine Beamten, keine Feuerwehr und kein Armen- und Schulwesen. Steckhöfe hatten keinen Anschluss an die Siedlung, waren eigenständig, mit allen Vor- und Nachteilen.

So sparten sich die Bewohner ihren Anteil ans Armenwesen, hatten in der Not aber auch keinen Anspruch auf Unterstützung. Und vor allem: ein Steckhofbewohner hatte kein Bürgerrecht, keinen Heimatschein. Zuzüger wurden dementsprechend auch nicht kontrolliert.

Die Berner formulierten es dramatisch

1751 beschlossen die Berner Herren, die Steckhöfe verschwinden zu lassen. Sie entsprachen nicht der Norm und Norm war den Bernern wichtig. Deshalb sparten sie in der Anweisung an den Lenzburger Untervogt auch nicht an dramatischen Formulierungen: Von «Missbrauch» ist im Entscheid vom 2. Juni 1751 die Rede, von «ausländischen verdächtigen Flüchtlingen» und «unordentlichen und eigengwältigen kleinen Nebengemeinden», in welchen allerhand «unzuläsliche gebräuche zum verderben der lands-policey eingeschlichen und entstanden».

Vorkommnisse, wie sie aus den hiesigen Steckhöfen nicht bekannt waren, aber Befehl war Befehl. Und so wurden die Kulmer Höfe an Unterkulm angegliedert, der Geisshof und der Flügelberg an Reinach. Die grösseren Steckhöfe Burg, Leimbach und Wilhof wurden zu eigenen Gemeinden. Sie verloren ihren Hinterwäldler-Status und bekamen Einsitz in den Chorgerichten und einen Heimatschein, mussten aber auch Strukturen aufbauen und Armengut äufnen. Sie hatten also ein Stück Freiheit verloren, aber soziale Absicherung gewonnen.

Anders erging es den Steckhöflern, die in eine bestehende Gemeinde integriert wurden. Sie bekamen das Bürgerrecht nicht geschenkt, sondern mussten sich einkaufen. Wer diesen Batzen nicht stemmen konnte, wurde heimatlos. So erging es beispielsweise den 43 Flügelberglern (bestehend aus den Familien Leutwyler und Haller) am Homberg, die nun zu Reinach gehörten. Sie konnten sich das Reinacher Bürgerrecht nicht leisten und wurden von den Bernern in eine Hilfsorganisation für Heimatlose aufgenommen, die «Korporation der Landsassen». Eine Organisation, die erst nach der Gründung des Kantons Aargau 1803 abgeschafft wurde; die Landsassen wurden in den umliegenden Gemeinden mitunter zwangseingebürgert.

Quellen

Jahresschrift der Historischen Vereinigung Wynental 2015/16, «Die alten Steckhöfe, ein Kuriosum» von Peter Steiner / Die Rechtsquellen des Kantons Aargau, Walther Merz, 1923