«Ich mag keinen Salat», sagte eine junge Frau mit Trisomie 21 und schmiss einen frisch gewaschenen und kleingeschnittenen Salat in den Abfallkübel. Die meisten Klienten der Wohngruppe Aareblick der Stiftung Schloss Biberstein für geistig beeinträchtigte Menschen erhalten halbfertiges Essen in die Wohnung geliefert und müssen nicht mehr viel daran machen.

Dass frisches Gemüse gedankenlos im Abfall landete, tat der angehenden Sozialpädagogin Eveline Gall so weh, dass sie für die Wohngruppe im Rahmen ihrer Abschlussarbeit ein «Gartenprojekt» startete. Dadurch sollten die Bewohner auf Foodwaste sensibilisiert werden und ein Bewusstsein für den Aufwand im Gartenbau aufbauen.

Als Unterstützung wurde auch der Kompost näher am Haus aufgestellt. So sollten die Bewohner zudem motiviert werden, diesen zu füllen. «Vorher war er zu weit vom Haus entfernt, deshalb wurde er kaum genutzt», sagt Gall.

Ernten Ja, Jäten Nein

Das Projekt stiess in der Wohngruppe auf grosses Interesse: 10 der 12 Bewohner meldeten sich begeistert für das freiwillige Engagement an. So montierte die Gruppe unter Anleitung kurz nach den Eisheiligen zwei Hochbeete und füllte sie mit Humus. Später säten sie Samen und pflanzten Setzlinge.

Auch das Jäten gehörte zu den angefallenen Arbeiten. «Aber das machen sie gar nicht gerne», sagt Gall. Viel lieber ernteten die Bewohner das Gemüse. «Aber auch beim Ernten ergaben sich Herausforderungen», sagt Gall. Radiesli und Rüebli hatten es am schwierigsten. Als grüne Stile aus der Erde ragten, wurden sie als Unkraut eingestuft und gleich wieder ausgehackt. Kein einziges Rüebli überlebte.

Auch die Zucchini wurde regelrecht geköpft. «Da braucht es nächstes Jahr sicher mehr Vorbereitung und Aufklärung», sagt Gall. Auch beim Bewässern steckte manchmal der Wurm drin. «In der Anfangszeit wurde öfters zwei- bis dreimal täglich Wasser gegeben – egal ob es vor einer halben Stunde schon jemand getan hatte.» Genauso auch an einem Regentag. «Einmal traf ich einen Bewohner mit Schirm und Stiefeln ausgerüstet beim Giessen», erzählt sie. «Er wollte schliesslich pflichtbewusst sein Ämtli erledigen.»

Mehr als gut klappte hingegen die Ernte der Tomaten. «Die waren sehr schnell weg», schmunzelt Eveline Gall, die praktisch keine einzige Tomate abkriegte. «Das Ernten und Gleich-in-den-Mund-nehmen-können, das mochten die Bewohner am liebsten.»

Denn da wurden gleich Glücksgefühle ausgelöst. Nächstes Jahr, werde sie deshalb stärker darauf schauen, dass Gemüse wie Kohlrabi und Fenchel gesät wird, das auch gleich praktisch gegessen werden kann.

Kompost füllte sich schnell

Trotz den Gemüseverlusten ist das Gartenprojekt im Grossen und Ganzen gelungen. Das feierte die Wohngruppe im August. Mit frischem Gemüsedip aus eigenem Anbau mit feinen Kräutersösselis und Würsten vom Grill. Das Fazit? Nächstes Jahr wird das Gartenprojekt weitergeführt.

Zuerst aber, als Abschluss des Gartenjahrs, steht noch eine letzte Aufgabe für die Bewohner an. An der Wohnzimmerwand der Wohngruppe kleben unterschiedlich Papierlineale mit Markierungen.

Daneben steht «Kompost». Hier wird die Füllhöhe des Kompostes geschätzt. «Wer am nächsten dran ist, erhält ein Gutschein für ein Nachtessen. «Jetzt gehen wir mal schauen, wie voll der Komposteimer ist.» Draussen, an einer Hausecke steht er. Und ist schon fast ganz voll.