Aarau
Erdbeertörtchen sind untauglich fürs Aarauer Maienzugbankett

Jedes Jahr testet die Maienzugkommission das immer gleiche Bankett-Menu. Dieses Jahr wagte die neue Präsidentin etwas Ungehöriges. Der fast schon revolutionäre Vorschlag scheiterte jedoch an den Plastik-Gabeln.

Sabine Kuster
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Abgelehnt: Auch dieses Jahr gibts Rüeblitorte zum Dessert.

Abgelehnt: Auch dieses Jahr gibts Rüeblitorte zum Dessert.

Sabine Kuster

«Ich finds gut», sagt der Yves am Tisch links. «Was für eine oberflächliche Kritik!», ruft der Dani vom Tisch rechts und zückt seinen vollgeschriebenen Notizblock. Zwischen den beiden Tischen stehen Sandra Niederhauser von der Maienzugkommission und Catering-Chef Erich Rüetschli und machen ernste Miene zum heiteren Spiel.

Das Spiel heisst «Maienzugbankett-Testessen». Getestet wird seit Jahren Karottensalat mit Ananasstückchen, Rindsgeschnetzeltes mit Pilzsauce, Kartoffelstock und Karotten, danach Rüeblitorte. Mal gibts Bohnen statt Karotten, mal Peterli auf dem Salat, mal keinen. Grundlegend wird am Menu nichts geändert, «Schliesslich», sagt der Dani, «konsumieren wir hier Emotionen.»

Gourmet-Kritik fast mit der Lupe

Mit dem Kartoffelstock werden gleichzeitig die Erinnerungen an alle früheren Maienzugbankette einverleibt. So hat Dani das gemeint. Riniger heisst er mit Nachnahme, Chef der Stadtpolizei, aber das spielt gerade keine Rolle, man duzt sich und der Dani weist lieber noch mal darauf hin, dass er passionierter Koch sei.

Er beugt sich über den Notizblock und holt Luft: Die Rüebli im Karottensalat seien genug dünn, aber ihn störe, dass sie aus dem Freiamt kämen. Der Dieter vom Tisch links vermisst den Peterli. Dani fährt fort, die Ananasstücke seien deutlich kleiner als letztes Jahr. Beim Hauptgang urteilt er: «Das Verhältnis Pilz–Fleisch fällt zu sehr zugunsten der Pilze aus.» Und versucht dann die grünen Punkte auf den Karotten zu identifizieren. «Nimm nächstes Mal eine Lupe mit», rät Sandra.

Stadträtin Regina Jäggi beobachtet das Prozedere amüsiert. Es ist ihr erstes Jahr als Präsidentin der Maienzugkommission. Das Präsidium der Maienzugskommission ist das beliebteste im Stadtrat. Auch schon wurde bei der Ämterverteilung länger darüber diskutiert. Diesmal habe es sich erfreulicherweise einfach so ergeben, sagt Jäggi.

Präsidentin kann nur den Hauptgang essen

Die Rohrerin hat sich gleich einen unerhörten Vorschlag erlaubt: Erdbeertörtchen statt Rüeblitorte zum Dessert. Sie schmecken vorzüglich. Teurer sei das nicht, versichert Erich Rüetschli, und die Bödeli würden dank Schokoladeüberzug über Nacht nicht weich. «Aber wie sollen wir die mit Plastikgabeln essen», fragt’s vom Tisch links und jemand weist auf die Kleider der Damen hin, die durch die Erdbeeren in ihrer Weissheit bedroht seien. Sowieso: «Erdbeeren im Juli haben mehr von der Welt gesehen als du, Erich.»

In der Abstimmung werden die Erdbeertörtli mit 16:6 versenkt. Jäggi nimmt es sportlich. Jetzt wird sie halt nur den Hauptgang essen, denn sie ist auf Ananassäure und auch auf die Zitronensäure in der Rüeblitorte allergisch. Im Hauptgang bringt sie dafür den Wunsch nach Bohnen statt noch mal Karotten durch. Rahel Leibacher von der Stadtkanzlei lächelt gelassen. Das Bankett-Menu ist zwar schon gedruckt, aber sie hat wohlweislich nur «Gemüse» und «Dessert» hingeschrieben. Den Kartoffelstock und das Rindsgeschnetzelte hat selbst Jäggi nicht anzutasten gewagt.

Brunnennschmücken ist beliebt

Fix angeordnet habe sie hingegen das schöne Wetter, sagt Jäggi und ja, auch ein neues Kleid habe sie schon gekauft. Sie schwört, das Rohrer Blumengeschäft «Blumen am Meter» habe jeweils die schönsten Granaten.

Apropos Blumen: Kindergärtnerin Brigitte erzählt die Anekdote einer Familie mit fünf Mädchen, die bei der Stadt vorstellig wurde, weil die Kränzchen für alle Töchter so teuer seien. Ob die Familie finanzielle Unterstützung erhielt, ist nicht überliefert. Klar ist, wie viel Geld jeweils fürs Schmücken der Brunnen zur Verfügung steht: 3500 Franken. Die Verantwortliche, Sandra Hess, hat die Blumen bereits bestellt. Begehrt ist auch diese maienzügliche Arbeit: 15 Neuanmeldungen hat Hess erhalten und sie mit Fingerspitzengefühl den teilweise schon jahrelang bestehenden Brunnengruppen zugeilt.

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