Im Frühling 1987 hatten die Vorstands-Fritzen genug. Sie warfen das Handtuch, einstimmig und unwiderruflich. Der Aarauer Fritzenverein war Geschichte. Aus, vorbei, nach 128 Jahren. 30 Jahre ist das her. 30 Jahre, um die in einem Dorf weiter still und heimlich ein anderer Fritzenverein die Aarauer überlebt hat: der Fritzenverein Erlinsbach. Der letzte Fritzenverein weit und breit. Und der wohl einzige, dessen Präsident immer Fritz Bürgi geheissen hat. Drei Präsidenten, drei Fritz Bürgis, einmal Vater und Sohn.

Original: die Fritzen-Gebote in 14 Satzungen.

Gegründet wurde der Erlinsbacher Fritzenverein 1933. Der Ochsen-Wirt, auch er ein Fritz, hatte mittels Zeitungsinserat alle Fritzen zum Namensfest am 14. November eingeladen. Es kamen zehn Fritzen, vom Fuhrhalter bis zum Fabrikarbeiter, vom Lehrer bis zum Metzgermeister. Und weil am Nachbartisch zufällig Briefträger Hermann Schmid sass, der Mitglied in einem Hermannen-Verein war, und dieser über das Namensvereinswesen und die vielen schönen, geselligen Abende referierte, beschlossen die zehn Fritzen, ebenfalls einen Verein zu gründen.

«Damals haben sie einen Monatsbeitrag von 50 Rappen geheuscht», sagt Präsident Fritz Bürgi (78) und blättert staunend im Protokollbuch. Neben ihm sitzt der andere Fritz Bürgi (86), sein Vorgänger und der Nachbar, mit dem der Pöstler manchmal ein Durcheinander macht. «50 Rappen, das war ein Haufen Geld damals», sagt Bürgi. Etwas zu viel Geld; nur ein Jahr später korrigierten die Fritzen den Betrag auf zwei Franken pro Jahr. Ausserdem wurde jedes Vereinsmitglied, das die Welt mit einem jungen Fritzen beehrte, mit einer Prämie von fünf Franken belohnt.

Geselligkeit war von je her der Hauptzweck des Vereins. Die Aktivitäten beschränkten sich in den ersten Jahren auf die Namentagsfeier und einen Bummel mit den Frauen, später wurden längere Ausflüge mit dem Car unternommen, etwa über den Sustenpass oder zum Rheinfall bei Schaffhausen. Auch wurde ein reger Kontakt mit den Aarauer Fritzen gepflegt, mit geselligen Runden bis in die frühen Morgenstunden.

Die Aarauer nahmen es ernst

50 Rappen mussten auch die Aarauer Fritzen bei der Gründung 1859 bezahlen, wenn auch nur pro Jahr. Ansonsten waren die Aarauer deutlich weniger bescheiden. Sowieso zelebrierten die Aarauer ihr Fritzendasein mit einer ganz anderen Ernsthaftigkeit: In den Verein wurden nur Fritzen mit gutem Leumund aufgenommen, die dann an der Fritzen-Taufe vor versammelter Runde auf die 14 Fritzen-Gebote schwören mussten. Gehässigkeiten und Beleidigungen unter Fritzen wurden per Statut verboten. Wohl reine Formsache, wenn man den Worten des Aktuars aus dem Jahr 1909 Glauben schenkt: «Friedrich zu heissen, bedingt zum Voraus ein friedliebendes, freundliches Gemüt und ein edeldenkendes Herz.»

Eine Formulierung, wie man sie in den Erlinsbacher Protokollen vergeblich sucht. Obwohl beide Fritzen finden, dass sie ausgesprochen edel und überzeugend klinge. Aufgenommen wurde bei den Erlinsbachern, wer Interesse hatte, es wäre sogar egal gewesen, ob er nun von Aargauer oder Solothurner Boden stammte. «Wobei wir nie einen Solothurner Fritz hatten.» Die Erklärung ist einfach – im katholischen Gebiet taufte man einen Buben eher Josef denn Fritz. Die beiden Fritzen lachen. «Sie waren damals einfach froh, wenn genügend Männer für eine Jassrunde zusammenkamen», sagt der aktuelle Präsident.

Etwas, was in den Kriegsjahren keine Selbstverständlichkeit war. Da mussten die Männer an die Front, da waren keine vier Fritzen für eine Jassrunde im Dorf. Aufgrund der «schwierigen Zeit» verzichte man deshalb auf Vereinsaktivitäten, schreibt der Aktuar. Lediglich «Ochsen»-Wirt und Metzgermeister Fritz Bodmer wird gebeten, den Fritzen im Dienst auf Vereinskosten je ein Fresspäckli zu schicken. Und manchmal war es so, dass an den Generalversammlungen mehr Frideriken – so werden die Fritzen-Frauen genannt – anwesend waren denn Fritzen. «Verstirbt ein Fritz, wird seine Frau eingeladen.»

Eine absolute Seltenheit

Der Fritzenverein ist eine Seltenheit. Wie viele es schweizweit noch gibt, ist nicht ganz klar, die Vereine existieren meist in aller Stille. «Die Leute schauen schon etwas komisch, wenn wir vom Fritzenverein erzählen», sagen die beiden. Es sei halt schon etwas Exotisches, sagt der eine. «Exotisch oder altertümlich», sagt der andere. Und akut vom Aussterben bedroht: Zwar liegt die Mitgliederzahl bei 16 Fritzen und damit beim Höchststand der Vereinsgeschichte. Der altersmässig jüngste Fritz ist 51 Jahre alt, das jüngste Mitglied, ein Fritz von über 80 Jahren, beigetreten vor knapp zwei Jahren.

Aber eben, Nachwuchs ist dünn gesät. «Fritz heisst heute einfach keiner mehr.» Wobei, mehr Sorgen macht den beiden Fritzen eigentlich eine andere Entwicklung: das Beizensterben in Erlinsbach. Präsident Bürgi macht ein betrübtes Gesicht. «Bevor der Fritzenverein stirbt, gibt es wohl eher keine Beiz mehr, wo wir unseren Fritzentag noch feiern können.»