Interview
Der Chef der Regionalpolizei Suret zum Corona-Jahr: «Das gegenseitige Beobachten war sehr ausgeprägt»

Seit 1997 ist er Chef der Polizei in Suhr, seit 2003 Chef der Repol Suret: Thomas Zbinden (54) blickt zurück auf das ungewöhnlichste Jahr seiner Polizeikarriere.

Katja Schlegel
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Thomas Zbinden, Chef Repol Suret in Suhr.

Thomas Zbinden, Chef Repol Suret in Suhr.

Katja Schlegel / Aargauer Zeitung

Es war ein aussergewöhnliches Jahr für die Repol Suret, in zweierlei Hinsicht: Die Neuorganisation der Repol per Mai - und natürlich Corona. Was war für Sie einschneidender?

Die Neuorganisation war ein Riesenschritt; das Ausscheiden der Gemeinden Hunzenschwil und Rupperswil und die Neuorganisation von Suhr, Gränichen und Buchs. Wir haben unseren Sonderstatus verloren.

Und Corona? Auch ein Rekordhoch an «Häuslicher Gewalt»?

Nein, zu unserer grossen Überraschung nicht. Alle hatten damit gerechnet, aber eingetroffen ist es bei uns glücklicherweise nicht. Wir hatten 2020 einen Fall weniger als 2019; 114 statt 115.

Wie erklären Sie sich das?

Ich habe keine Erklärung dafür. Wo wir hingegen wiederum eine hohe Einsatzzahl verzeichnet haben, ist bei Streit/Drohungen, Das fängt mitunter bei den klassischen Nachbarschaftsstreitereien oder Pöbeleien unter Jugendlichen an und geht bis hin zu grossen Rangeleien unter Erwachsenen. Da sind die Zahlen von 109 auf 152 hochgeschnellt. Und natürlich die Ruhestörungen, auch da hatten wir nahezu eine Verdoppelung von 86 auf 141. Entsprechend zahlreicher waren auch die Bussen infolge Widerhandlung gegen das Polizeireglement: Waren es 2019 noch 31, waren es 2020 52.

Die Zahlen sprechen nicht unbedingt für gute Nachbarschaft.

Das gegenseitige Beobachten und Melden von «Verstössen» war letztes Jahr sehr ausgeprägt. Das zeigt sich auch beim Punkt «Verdächtiges Verhalten». Hier sind die Zahlen 2020 wie 2019 relativ hoch, mit 131 beziehungsweise 128 Einsätzen. Auch das ein Effekt des vermehrten Beobachtens.

Aufmerksame Nachbarn sind ja per se nichts Schlechtes.

Das stimmt, aber manchmal hat es den Aufmerksamen an Augenmass gefehlt. Wenn sich Erwachsene nicht an die Corona-Regeln halten, ist es das eine. Aber wenn spielende Kinder die Abstandsregeln nicht einhalten, ist es was anderes. Natürlich liegen bei vielen die Nerven blank, die Situation ist für viele beängstigend, die Langeweile gross. Aber in solchen Momenten braucht es einfach gesunden Menschenverstand.

Zurück zur Neuorganisation: Der Sonderstatus war der Repol Suret ein Klotz am Bein. Wie fällt Ihr erstes Fazit nach acht Monaten in neuer Organisation aus?

Es war der absolut richtige Schritt. Waren wir 2003 noch in der Pionierrolle, als allererste Repol im Kanton, sind wir in den letzten 16 Jahren deutlich ins Hintertreffen geraten. Man hatte es verpasst, die Strukturen anzupassen, beliess jeder Gemeinde einen eigenen Posten samt eigenen Polizisten und gemeindespezifischen Aufgaben. Das war schwierig zu koordinieren. Jetzt ist das ganze Korps mit 13 Leuten unter dem gleichen Dach, wir sehen einander, rücken alle von hier aus aus. Die Wege sind kürzer und es kann schneller reagiert werden.

Und wie hat die Bevölkerung den Verlust der Polizeiposten aufgenommen?

Die Anlaufstellen auf den Gemeinden sind geblieben, für Fundgegenstände, gestohlene Velos oder verloren gegangene Ausweise können sie noch immer bei der Gemeinde vorbei. Die Daten werden an uns weitergeleitet und wir verarbeiten sie.

Ein grosses Thema bei den Repols sind die Pikettdienste, das Ausrücken auf Abruf. Sie haben diesen vor einem Jahr sonntags mit einem Patrouillendienst ersetzt, weil Pikett beim Korps so unbeliebt ist.

Der Pikettdienst ist ein Auslaufmodell, nicht nur bei den Polizisten. Die Angestellten wollen entweder arbeiten oder nicht; das Zwischending belastet. Man schläft nicht gut, wenn man ständig erwartet, dass das Telefon klingelt. Dabei läuft bei uns zwischen Mitternacht und Frühschicht vergleichsweise wenig, wir hatten letztes Jahr nur rund 60 Piketteinsätze, die uns über die Notrufzentrale zugeteilt werden. Die Aufgebote erfolgen immer über die Nummer 117.

Ein letztes Thema: die Kantonsstrassen. Die Sanierung ist abgeschlossen. Hält sie das Versprechen, das «Nadelöhr» zu weiten?

Wegen des Lokführermangels der SBB hatten wir zwei gute Monate, der Effekt der Zugsausfälle war riesig. Aber jetzt ist der Stau von Gränichen her wieder gewaltig, jeden Morgen. Eine kleine Entlastung gibt es einzig abends, wenn sich der Verkehr wieder in Richtung Gränichen und Entfelden wälzt.