Aarau
Dealerszene verlagert sich von Bahnhof in die Stadt

Aarau ist zur Drehscheibe des Drogenhandels geworden. Weil die Kantonspolizei in letzter Zeit massiv gegen die Szene am Bahnhof vorgegangen ist, hat sich diese nun in die Innenstadt verschoben.

Sabine Kuster
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Bei der Bushaltestelle beim Bahnhof Aarau wird gedealt

Bei der Bushaltestelle beim Bahnhof Aarau wird gedealt

Tele M1

In den letzten zwei Monaten hat die Spezialeinheit der Kantonspolizei «Forte Due» in Aarau 76 Personen festgenommen - meist wegen Drogenhandels (az vom 16.02.). Der Fokus der Aktion «Lok» liegt auf dem Bahnhof.

Der Erfolg wirkt sich nun negativ auf den Rest der Stadt aus: Die Dealer wickeln ihre Geschäfte einfach weiter weg vom Bahnhof ab. Zum Beispiel beim Rockwell-Gelände, bei der Kettenbrücke und in der Altstadt. An diesen Orten kam es in den letzten Wochen zu Verhaftungen. Besonders in der Altstadt fielen die Händler und Junkies auch Anwohnern auf.

Man sei sich des Effektes der Verlagerung bewusst, sagt Bernhard Graser von der Kantonspolizei. «Die Dealer reagieren schnell, sie passen sich der polizeilichen Präsenz an. Wir wissen, dass sie nicht einfach verschwinden.» Die Dealer würden jeweils per Telefon die Übergabeorte abmachen und die lägen nun vermehrt in der Innenstadt. Auch die Stadtpolizei, welche «Forte Due» mit einem Mann unterstützt, bestätigt dies. Nun weiten auch die Polizisten ihren Radius aus. «Wir sind flexibel», sagt Graser. «Wir können die Drogenszene nicht aus der Welt schaffen», sagt Graser, «irgendwo sind die Dealer immer. Aber wir sorgen dafür, dass es keine offene Szene gibt.»

Dreimal so viele Spritzen wie 2007

Ob nun am Bahnhof oder in der Innenstadt: Aarau ist zur Drehscheibe des Drogenhandels geworden. Die Süchtigen aus der Region müssen längst nicht mehr nach Zürich oder Olten. Dies merkt man auch in der aargauische Suchtberatung (AGS) an der Metzgergasse in Aarau. «Die Zahl der abgegebenen Spritzen war während Jahren sinkend. Doch seit 2010 steigt sie wieder», sagt Stellenleiterin Regula Rickenbacher. Damit entwickelt sich Aarau entgegen dem gesamtschweizerischen Trend: An den meisten Orten werden immer weniger Spritzen abgegeben. «Allerdings ist unsere Gesamtabgabe so klein, dass sie nicht aussagekräftig ist», gibt Rickenbacher zu bedenken.

Dennoch: Während im Jahr 2007 Süchtige noch 239-mal Spritzen verlangten, waren es im letzten Jahr mit 669 Kontakten fast dreimal so viele. Pro Anfrage erhalten sie 50 Spritzen, schwerst Süchtigen reiche dies bloss eine Woche, sagt Rickenbacher.

Erstaunlich – und bedenklich –, dass die Zahl der Suchtberatungen dagegen relativ stabil blieb. Sorgen macht Regula Rickenbacher aber auch der Alkoholkonsum: «Die Hälfte unser Klienten sind Alkoholsüchtige. Und was ich diesbezüglich am Bahnhof beobachte, ist massiv – es geht da nicht nur um illegale Drogen.»

«Publikum wird immer jünger»

Dass die Zahl der Drogen- und Alkoholsüchtigen wächst, merkt auch Thomas Matti von «Trinamo» (ehemals Stollenwerkstatt). Matti leitet den «Bus im Park» für Randständige. «Schlimm ist, dass das Publikum immer jünger wird», sagt Matti, «selbst Schüler höre ich nach Drogen fragen und es sind erschreckend viele Frauen.» Zwar darf niemand unter 18 Jahren den Bus betreten – doch Matti kennt auch die jüngere Szene.

Seit die Polizeipräsenz am Bahnhof verstärkt wurde, habe sich die Szene neu verteilt und sei schnelllebiger geworden. Trotz der Kälte musste er Leuten «Busverbot» erteilen, weil sie zu dealen versuchten. Während die Polizei meist mit Afrikanern zu tun hat, waren dies einheimische Dealer.