Torfeld Süd
Das Aarauer Aeschbach-Areal und sein welsches Vorbild: So könnte das Industriequartier belebt werden

Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd soll ein lebendiges Quartier werden. Kein leichtes Unterfangen in Zeiten von Lädelisterben und Online-Shopping. Doch das einstige Aarauer Industriequartier hat ein Vorbild: das «Quartier du Flon» in Lausanne.

Katja Schlegel
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 Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd in Aarau hat das Quartier du Flon in Lausanne zum Vorbild.
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Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd in Aarau hat das Quartier du Flon in Lausanne zum Vorbild
Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd im Frühling 2017
Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd im Frühling 2017
Grundsteinlegung Aeschbachquartier Gianni Scinta (Projektleiter Baufeld 2, Mobimo), Stadtpräsidetin Jolanda Urech, Mobimo-CEO Christoph Caviezel und Thomas Frutiger (Totalunternehmer Frutiger, v.l.) auf dem Weg aus der Baugrube nach der Grundsteinlegung am 9. September 2016 in Aarau.
Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd im Frühling 2017
Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd im Frühling 2017
 Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd in Aarau hat das Quartier du Flon in Lausanne zum Vorbild.
 Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd in Aarau hat das Quartier du Flon in Lausanne zum Vorbild.
 Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd in Aarau hat das Quartier du Flon in Lausanne zum Vorbild.

Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd in Aarau hat das Quartier du Flon in Lausanne zum Vorbild.

Dominique Meienberg/Mobimo

Hornten die Fabriksirenen, zogen die Männer in ihren blauen Schürzen zu Hunderten ins Quartier. Hier im Torfeld Süd flogen die Späne, hier wurde gearbeitet. Maschinen für das Bäckerei- und Konditorengewerbe, für Hotelküchen und die chemische Industrie wurden hier gebaut und in alle Welt verschickt. Und wenn die Maschinen am Wochenende stillstanden, übernahmen die Kinder das Quartier, strolchten zwischen den Hallen herum.

Das ist Jahrzehnte her. Viel ist passiert, das Leben entwichen, das Quartier fiel in einen Dämmerschlaf zwischen Zwischennutzung und Löwenzahn. Doch jetzt kehrt das Leben zurück. Und wie. Im Aeschbachquartier arbeitet die Immobiliengesellschaft Mobimo an einem neuen Lebensmittelpunkt für die Aarauer. Nicht nur ein neues Wohnquartier, sondern eine Art Einkaufszentrum unter freiem Himmel, arrangiert rund um die renovierte Aeschbachhalle. Ein ungewöhnliches Konzept mit grossem Vorbild: das «Quartier du Flon» in Lausanne, ein europaweit bislang einzigartiges Stadtquartier.

Wie das Aeschbachquartier ist auch das Quartier du Flon ein ehemaliges Industriequartier. Einst Schandfleck mitten in der Stadt, gibt der pulsierende Flon heute den Takt an. Bis zu 30 000 Menschen zieht es jeden Samstag ins Quartier mit einer Verkaufsfläche von rund 36 000 Quadratmetern, mit 62 Einkaufsläden und 28 Bars und Restaurants, mit Kino, Bowling, Fitness, Kunstateliers und Hotel. Doch so richtig lebendig wird der Flon erst nach dem Eindunkeln: Jedes Wochenende kommen 75 000 Menschen zum Feiern her.

Wie ein Einkaufscenter, nur besser

Dimensionen, wie sie das Aeschbachquartier nie erleben wird. Allein die Fläche entspricht nur etwa einem Achtel derjenigen des Flons, Läden wird es nur rund 30 geben, dazu vier Gastrobetriebe. Eine Ausgehmeile, ein Club oder ein Kino sind wegen der Wohnungen in direkter Nachbarschaft nicht geplant. Eines ist den beiden Quartieren aber gleich: Beide gehören Mobimo, beide werden durch einen Quartiermanager geführt. Ein Ansprechpartner für Mieter, Behörden und Öffentlichkeit, wie das auch in grossen Einkaufscentren der Fall ist. Eine Person, die den Charakter des Quartiers mitbestimmt, die die Vermietung aktiv steuert.

Ein Quartier mit Einkaufscenter-Charakter – aber mit einem grossen Vorteil, wie Jan Tanner, Quartiermanager im Flon und verantwortlich für die Mobimo-Immobilien in der Westschweiz, sagt: «Der Besucher betritt keine abgeschlossene, sterile Kapsel, sondern fühlt sich mitten in der Stadt. Er flaniert nicht durch Gänge mit Neonlicht, sondern bewegt sich unter freiem Himmel, das macht einen riesigen Unterschied.»

Ein Vorbild für London, Kopenhagen und Aarau

Einst standen auf der Flon-Ebene ein Güterbahnhof samt Lagerdepots und Bürogebäude. In den Fünfzigerjahren wurden diese zu Handwerker- und Künstlerateliers umgewandelt. Aufgrund eines neuen Teilnutzungsplans verändert sich das Quartier seit Anfang des 21. Jahrhunderts in ein Unterhaltungs-, Kreativitäts-, Arbeits- und Lebenszentrum auf einer Fläche von 55 000 m2. Heute besuchen 30 000 Menschen jedes Wochenende den Flon tagsüber, nachts sind es bis zu 75 000. «Mit seiner Grösse, seinen Frequenzen und seiner Art ist der Flon schweizweit und sogar europaweit einzigartig», sagt Jan Tanner, Quartiermanager des Flon. Der Flon ist nicht nur Vorbild für das Aarauer Aeschbachareal: Ähnliche Quartiere entstehen in London mit dem «Covent Garden» oder in Kopenhagen auf dem Carlsbergareal.

Tanner führt den Flon seit Anfang 2015. Seine Erfahrungen fliessen auch in den Aufbau des Aeschbachquartiers mit ein. Ein Quartier mit Potenzial, wie Tanner sagt. Zentralster Punkt für ein Quartier sei die Gastronomie: «Gute Restaurants und Bars sind die Magnete.» Dazu brauche es im Aeschbachquartier Angebote mit Destinationscharakter. Läden also, die die Quartierbewohner brauchen: ein Lädeli mit Sachen für den täglichen Bedarf, einen Schuhmacher, einen Coiffeur. Dazu Angebote für Externe, ein Käseladen vielleicht, ein Laden mit italienischen Spezialitäten, ein Blumengeschäft, ein Chocolatier, ein Wein- oder ein Zigarrenhändler. «Ich sehe das Aeschbachquartier als ein Quartier, das mit Genussmitteln punkten kann, mit optisch schönen Auftritten», so Tanner. «Die Zeiten von 08/15-Angeboten sind vorbei, damit kann man sich nicht mehr profilieren.» Einen Magneten wie H&M oder Zara sieht Tanner «nie und nimmer» im Aeschbachquartier. «Solche Ketten brauchen riesige Flächen und Nachbarn aus der gleichen Branche.»

Spannend dank Kurzlebigkeit

Tanner sieht die Qualität des Aeschbachquartiers in kleinen, optisch ansprechenden und trendigen Läden: «Klein, aber fein. Das ist die Stärke des Quartiers.» Dazu könnten kleine Pop-up-Läden das Angebot abrunden; etwas, womit man im Flon sehr gute Erfahrungen gemacht habe. «Wir stellen Jungunternehmern Lokale für zwei bis drei Monate zur Verfügung. Das klappt hervorragend und zieht viele Leute an.» Der Trend: Ausprobieren, spannend sein. «Mit solchen Angeboten würde sich das Quartier auch nicht in Konkurrenz mit der Innenstadt stellen.»

Auch wenn er dem Aeschbachquartier viel zutraut, so appelliert Tanner auch an die Geduld der Aarauer: «Ein Quartier muss seine Identität entwickeln. Und das braucht Zeit.» Und er fordert Engagement: «Ein Quartier braucht nicht nur Bewohner, sondern auch Vereine und Gruppierungen, die den Ort für Veranstaltungen nutzen. Ein Quartier lebt nicht von alleine, es muss belebt werden.»