Erlinsbach AG

Das 110 Mio. Franken teure Bettenhaus «Oscar» ist schon fast fertig

Das neue Bettenhaus auf der Barmelweid hat nicht nur eine tolle Aussicht, sondern auch sehr viel Platz. Im März sollen die ersten Patienten einziehen können. Bereits am 21. Januar öffnet das öffentliche Restaurant «Barmelguet».

Zur Klinik Barmelweid in Erlinsbach kommt man nicht zufällig. Die Anlage auf 800 Meter Höhe am Südhang der Geissflue, haarscharf an der Grenze zum Kanton Solothurn, ist zwar mit dem Auto oder dem Bus ab Aarau gut zu erreichen. Doch wer die kurvige Passstrasse auf die Salhöhe hinauffährt, fühlt sich zwischen den Jurahöhen rasch ab vom Schuss, mitten in der Natur. Eine gute Umgebung für eine Klinik, in der sich Menschen von schweren Erkrankungen oder Operationen erholen und therapiert werden sollen. Kein Wunder, ist die Zahl der Zuweisungen konstant hoch. Kein Wunder, steigt die Anzahl Pflegetage.

Und kein Wunder, braucht die Klinik dringend mehr Platz. Abhilfe schaffen soll «Oscar». Das neue Bettenhaus, das die Klinik Barmelweid für rund 110 Mio. Franken baut und aus eigenen Mitteln finanziert. Der Aushub hat 2015 begonnen; rund 2600 Lastwagenladungen Erde wurden bewegt. Nun ist «Oscar» – so lautet der Projektname – fast fertig: Im März sollen die ersten Patienten einziehen können. Bereits am 21. Januar öffnet das öffentliche Restaurant «Barmelguet».

Der Mittelteil fehlt noch

Um es vorwegzunehmen: Die (Innen-) Architektur des Neubaus würdigt der Besucher erst auf den zweiten Blick. Zuerst staunt man über die atemberaubende Aussicht über das Erzbachtal, die Aargauer Südtäler, und noch weiter: «Bei klarem Wetter glaubt man, die Alpen begännen gleich hinter Aarau», sagt Beat Stierlin, seit 18 Jahren CEO der Barmelweid. Das neue «Haus A», wie «Oscar» künftig heissen wird, ist denn auch punkto Aussicht optimal im Gelände positioniert; an einer Stelle, wo früher die alte Gärtnerei und ein altes Personalhaus standen.

Das von Stump&Schibli Architekten (Basel) entworfene Gebäude ist fast 110 Meter lang. «Dadurch, dass es geschwungen ist, wirkt es aber nicht ganz so gross», sagt Stierlin. Der Neubau umfasst insgesamt neun Geschosse; dank der Hanglage haben auch das 1. und 2. Untergeschoss Tageslicht. Über 200'000 kleine Keramikplatten bilden die Fassade, alle einzeln drangeklebt, wegen der Rundungen des Gebäudes. Je nach Lichteinfall sind sie anthrazitfarben oder leuchten sogar silbrig, fast wie Fischschuppen. Die Fassade ist bereits auf der ganzen Länge fertig. Im Innenausbau fehlt jedoch ein Stück: Dieses wird zusammen mit dem neuen Mittelteil gebaut, der dort hinkommt, wo heute noch das alte Restaurant und der Empfang sind. Diese Arbeiten beginnen im Frühling.

Die 66 Zimmer von «Oscar» liegen in den oberen Geschossen. Sie sind für ein oder zwei Patienten nutzbar und haben fast alle einen Loggia-Balkon mit Liegestuhl sowie – natürlich – Aussicht Richtung Tal. In der Inneneinrichtung dominieren Weiss und Ulmenholz. Durch die 110 neuen Betten erhöht sich die Bettenkapazität der Barmelweid netto um 70 auf 280. Einige der heutigen Patientenzimmer in einem anderen Gebäude werden zu Angehörigenzimmern umgenutzt – der Bedarf steige, weiss Beat Stierlin.

«Von allem ein bisschen mehr»

Der Neubau umfasst ausserdem Therapie- und Schulungsräume für die Patienten sowie die Büros der Administration. «Von allem ein bisschen mehr, alles ein bisschen grösser», fasst es Beat Stierlin zusammen. Für die «Kunst am Bau» ist Renate Buser zuständig. «Die Tochter des ehemaligen Chefarzts Max Buser», erklärt CEO Stierlin. «Sie ist hier oben aufgewachsen; früher wohnte das Personal noch auf der Barmelweid. Heute arbeitet sie als Künstlerin in Basel und hat sich bei uns gemeldet, nachdem sie vom Neubau hörte.»

Im 1. UG befinden sich die neue, viel grössere Küche – «Das Herzstück eines Spitals», findet der CEO – sowie das Restaurant mit Terrasse und kleinem Privat-Stübli. «Das Restaurant wird ein kleines Bijou», schwärmt Beat Stierlin. Es gibt neu Food-Inseln und man kann dem Koch bei der Arbeit zuschauen. Hauptkundengruppe sind die Mitarbeitenden. Die Barmelweid hat rund 550 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; wenn der Ausbau komplett fertig ist, werden es etwa 650 sein. Ausserdem kommen Patienten mit Besuchern und – vor allem am Wochenende – Ausflüglern ins Restaurant. Apropos: Die Barmelweid liegt im Winter häufig über dem Nebel. Sonnensuchende aus der Umgebung haben früher so oft beim Empfang angerufen, um nach dem aktuellen Wetterstatus zu fragen, dass die Barmelweid eine Webcam eingerichtet hat (www.barmelweid.ch/aussicht).

Im UG 2 des Neubaus befindet sich die Logistik; in den UG 3 bis 5 die Tiefgarage mit 375 Parkplätzen. Sie ist schon seit einem Jahr in Betrieb, wenn auch bisher nur für Mitarbeitende. Künftig wird es rund um die Klinik keine oberirdischen Parkplätze mehr geben.

«Die Patienten haben der Bauerei viel Verständnis entgegengebracht», betont der CEO. «Sie finden es gut, dass wir die Klinik weiterentwickeln.» Der Neubau hat gegenüber dem Zeitplan rund drei Monate Verspätung, grössere Zwischenfälle gab es jedoch keine. «Wir haben keine Unfälle gehabt. Das Schlimmste, von dem wir wissen, war ein Bienenstich, auf den ein Handwerker allergisch reagiert hat.» Herausfordernd war unter anderem die Logistik mit den knappen Platzverhältnissen auf der Barmelweid. Es ging nur dank «just in time»-Lieferungen. «Wir können keine wartenden oder steckengebliebenen 40-Tönner vor dem Eingang gebrauchen», so Stierlin.

Die Barmelweid wird durch den Neubau grüner, im wörtlichen und übertragenen Sinne. Erstens wird die Klinik dank neuer Energiezentrale (68 Erdsonden, Wärmepumpe, Holzschnitzelheizung) annähernd CO2-neutral. Nur bei sehr tiefen Temperaturen muss mit der Ölheizung nachgeholfen werden. Ausserdem werden etwa 6400 Quadratmeter Bodenfläche entsiegelt, das entspricht ungefähr einem Fussballfeld. Die Renaturierung der Umgebung soll 2020 abgeschlossen werden. Fast 100 Bäume werden neu gepflanzt, darunter auch seltene Obstbaumarten von Pro Specie Rara, ausserdem gegen 200 Sträucher. Zudem sind auf dem Areal Wander- und Therapiewege vorgesehen. «Wir wollen eine original Juralandschaft erhalten», sagt CEO Beat Stierlin.

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