Auenstein

Brillen aus Wasserbüffelhorn: Wie der Büffel vom Feld auf die Nase kommt

«Arte & Gifre» bietet auch ausgefallene Modelle. Stephan Sigrist arbeitet von zu Hause aus.

«Arte & Gifre» bietet auch ausgefallene Modelle. Stephan Sigrist arbeitet von zu Hause aus.

In Auenstein stellt Stephan Sigrist exklusive Brillenmodelle aus Wasserbüffelhorn her. Ein Besuch in der Werkstatt.

Mehr als zwei Drittel der Menschen in der Schweiz brauchen eine Sehhilfe. Die einen greifen auf Kontaktlinsen zurück und wollen sich partout nicht mit einem «Nasenvelo» in der Öffentlichkeit zeigen. Andere wiederum setzen konsequent auf Brille und greifen für dieses Accessoire, das man so oft trägt wie kaum ein anderes, auch gerne auf exklusivere Modelle jenseits der Dutzendware vom Brillendiscounter zurück.

Handgemachte (fast-)Einzelstücke entstehen auch in unserer Region – in Auenstein. Hier, mitten im Wohnquartier, hat Stephan Sigrist bei sich zu Hause eine Atelier-Werkstätte eingerichtet.

«Arte & Gifre» (angelehnt an «arte» und «chifre», portugiesisch für Kunst und Horn) heisst seine Marke, die unter anderem im Brillenhaus Aarau, bei Moser Optik in Brugg oder Augenoptik Kuhn in Baden erhältlich ist. Büffelhorn und Holz sind Sigrists Werkstoffe, wobei Holz «die Nische in der Nische» sei, sagt er.

Das Horn als Rohstoff kommt aus Indien und Vietnam – vegan sind die Brillen definitiv nicht, aber: «Die Wasserbüffel werden nicht extra dafür gezüchtet», betont Sigrist. «Man braucht sie, um die Felder zu bestellen. Aus dem meisten Horn macht man später Düngerspäne. Nur die schönen Teile kann man für Brillen verwenden.»

«Man kann die Brille nicht neu erfinden»

«Arte & Gifre» bietet auch ausgefallene Modelle. Stephan Sigrist arbeitet von zu Hause aus.

«Arte & Gifre» bietet auch ausgefallene Modelle. Stephan Sigrist arbeitet von zu Hause aus.

Stephan Sigrist ist gelernter Maschinenmechaniker und seit 20 Jahren im Brillengeschäft. Nach 16 Jahren bei einem anderen Hersteller fehlte ihm die Kreativität – er machte sich selbstständig. Heute ist er gut ausgelastet. Seine Modelle designt er am Computer. «Von den meisten gibt es am Ende eher fünf Stück als fünfzig oder fünfhundert», sagt Sigrist. «Ich verkaufe mich nicht als Top-Designer.

Man kann die Brille nicht neu erfinden – es ist eine Spielerei mit exklusiven Materialien und speziellen Formen, die vielleicht auch nicht jedem gefallen.» Die Modelle entsprechen eigentlich nicht dem aktuellen Trend der feingliedrigen, runden Brillen aus Metallgestellen. Sigrists Naturmaterialien lassen sich nicht beliebig filigran verarbeiten. Und doch finden sie Absatz, sogar die ausgefallenen Stücke, ein Statement mitten im Gesicht.

In einer «Arte & Gifre»-Brille steckt extrem viel Handarbeit – nur die Grundform fräst Sigrist computergesteuert aus, der Rest ist Geschick. Sigrist nimmt beim Besuch der AZ einen Brillenbügel zur Hand, noch steckengerade. «Horn», sagt er, «fühlt sich beim Verarbeiten an wie Fingernägel. Es ist zäher als Holz.»

Der Brillen-Spezialist schmiert den Bügel mit Melkfett ein und hält ihn an den Heissluftföhn, ständig dran biegend. «So erkenne ich, wenn das Material bereit ist für den nächsten Schritt.» Dann ist es so weit: Sigrist presst den Bügel in die Schablone, die der Rundung der Ohrmuschel entspricht. Der sogenannte «Löffel» ist geboren und wird nun noch abgeschreckt. So entsteht, Stück für Stück, eine neue Brille.

Die fertigen Modelle verkauft Sigrist nicht selber, er liefert sie an Optikergeschäfte, mit denen er zusammenarbeitet. Dort kosten die Brillen ab etwa 1200 Franken aufwärts. Sigrist macht danach nur noch Anpassungen (etwa an der Nase), Reparaturen oder Revisionen.

Denn wer an Holz- und Hornbrillen lange Freude haben will, sollte sie sorgfältig behandeln und pflegen. «Es sind Naturmaterialien, und diese sind einer Alterung ausgesetzt», erklärt der Fachmann.

Werkstatt zu Hause: Ein Staubsaugen ohne Ende

Die Brillen seien zwar alltagstauglich, aber wer extrem oft Sport macht oder in der Sauna schwitzt, sollte dafür besser auf eine Zweitbrille oder Kontaktlinsen zurückgreifen. Auch viel Make-up, Parfum oder lange Aufenthalte auf dem sonnenerhitzten Armaturenbrett bekommen der Brille auf Dauer nicht. «Das Material lässt sich aber gut wieder aufpolieren, wenn der Verschleiss noch nicht allzu stark ist», betont Sigrist. «Wer sie einmal im Jahr zur Revision bringt, kann den Alterungsprozess stark verlangsamen.»

Eigentlich ist Sigrist mit seiner Selbstständigkeit zufrieden. Nur eins stört ihn: «Ich würde gerne mal mit der Werkstatt aus meinem Wohnhaus raus. Der Staub vom Schleifen ist einfach überall; Staubsaugen ist zu meinem zweiten Hobby geworden», scherzt er. Immerhin: Seine Nachbarn freut es, dass sie regelmässig Horn-Abfälle für den Garten bekommen. «Eine Nachbarin sagt, ihre Rosen seien noch nie so schön gewesen.»

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