Prozess in Aarau
Bombendrohung gegen Bahnhof-Coop: 56-jährige Frau verurteilt

Eine 56 Jahre alte Frau muss 7 Monate ins Gefängnis, weil sie Bombendrohungen gegen zwei Aarauer Coop-Filialen ausgesprochen hatte. Die Frau hat bereits ein langes Strafregister, ist aber nicht voll schuldfähig. Sie hatte ihre Medikamente nicht genommen.

Nadja Rohner
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Nach einer Bombendrohung gegen die Coop-Filiale am Bahnhof Aarau sperrte die Polizei die Unterführung. ZVG

Nach einer Bombendrohung gegen die Coop-Filiale am Bahnhof Aarau sperrte die Polizei die Unterführung. ZVG

Es geschieht selten, dass im Gerichtssaal alle – Verteidiger, Richter, Zuschauer – wohlwollend lächeln, wenn eine Angeklagte aussagt. Schon gar nicht, wenn es sich um eine Wiederholungstäterin handelt. Aber am Fall, der am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Aarau verhandelt wurde, war nichts gewöhnlich.

Es war dritter Besuch von Therese (Name geändert) vor dem Bezirksgericht. 2009 hatte die damals 49-Jährige ihre Wohnung angezündet. Zunächst legte sie sich auf den Fussboden, um zu sterben, verlor dann aber den Mut und verliess die Wohnung.

Wegen Brandstiftung wurde Therese später zu 14 Monaten bedingt verurteilt, das Gericht ordnete zudem eine Unterbringung in einem betreuten Wohnheim an. Richter Thomas Müller riet ihr gar zur Anschaffung eines Haustieres. Doch dies alles nützte nichts. 2014 musste das Bezirksgericht Therese, die bereits mit 18 Jahren eine Frau überfallen hatte, erneut wegen eines kleineren Delikts zu einer bedingten Geldstrafe verurteilen.

Und nun sass die Mittfünfzigerin am Mittwoch schon wieder auf der Anklagebank. Mit einer Stunde Verspätung, weil das Fahrzeug, das sie von der Strafanstalt Hindelbank nach Aarau bringen sollte, im Stau stand. Seit bald einem Jahr sitzt Grossmutter Therese nämlich im vorzeitigen Strafvollzug. Denn dieses Mal, das war klar, würde sie mit einer bedingten Strafe nicht davon kommen. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau: Falscher Alarm, Schreckung der Bevölkerung (teils versucht), Nötigung. Was war passiert?

«In 30 Minuten geht eine Bombe hoch»

Am Samstag, 9. Mai 2015, rief Therese mit einem öffentlichen Telefon bei der Post Aarau den Polizeinotruf 117 an. Sie sagte den Polizisten, in 30 Minuten werde im Coop im Telli-Zentrum eine Bombe hochgehen. Die Kantonspolizei glaubte ihr allerdings nicht, weil Therese offenbar am Telefon einen verwirrten Eindruck machte. Deshalb ging man der Meldung zwar nach, allerdings zurückhaltend, sodass die Samstagseinkäufer im Telli wohl nichts mitbekommen haben dürften.

Ganz anders am nächsten Tag, einem Sonntag. Während der Aargau angesichts des Familiendramas in Würenlingen mit mehreren Toten noch unter Schock stand, wählte Therese gegen 21 Uhr die Telefonnummer der Coop-Filiale am Aarauer Bahnhof. Dieses Mal nahm Therese ihr eigenes Handy, unterdrückte aber die Rufnummer, weil sie wusste, dass sie etwas Ungesetzliches tat. Der verdutzten Coop-Mitarbeiterin erzählte Therese, sie habe im Laden eine Bombe abgelegt, die in 20 Minuten hochgehen würde – man solle dafür besorgt sein, dass alle Personen den Laden verlassen.

Die Mitarbeiterin nahm die Drohung ernst, bekam Angst und alarmierte die Kantonspolizei. Diese rückte mit einem grösseren Aufgebot an und liess nicht nur den Coop räumen, sondern auch noch die Bahnhof-Unterführung. Allerdings war seit Thereses Anruf keine Stunde vergangen, als beides wieder freigegeben wurde – man hatte keine Bombe entdeckt. Dafür fand man Therese innert weniger Stunden.

Bipolar-affektive Störung

Bereits tags darauf wurde sie in ihrer betreuten Wohngruppe in der Region verhaftet. Warum dort niemand gemerkt hatte, dass Therese ihre Medikamente nicht genommen hatte, bleibt offen. Die heute 56-Jährige leidet unter einer bipolar-affektiven Störung, die mit Zwängen einhergeht. Das Medikament Dipiperon, das man ihr bei einem ihrer Aufenthalte in Königsfelden gegeben hatte, helfe ihr, sagte Therese vor Gericht. „Es war ein Riesenfehler, dass ich es nicht genommen habe, als die Zwangsgedanken zunahmen.“ In Jeans, Turnschuhen und Shirt mit Glitzersteinchen war die Frau vor Gericht erschienen, sichtlich nervös, aber ebenso erfreut, ihre Tochter und drei Mitarbeiter der Wohngruppe auf den Zuschauerbänken zu entdecken.

Bereits nach der Verhaftung hatte Therese alles zugegeben und stets kooperiert. Nur, warum sie den Zwang verspürt hatte, ausgerechnet Bombendrohungen abzusetzen, konnte sie nicht erklären. „Ich weiss es doch nicht“, sagte die beleibte Frau mit den kurzen grauen Haaren vor Gericht mehrmals. Ihre Tat tue ihr furchtbar leid und sie schäme sich dafür. So sei es immer, wenn sie einen Zwang befriedigen müsse: Erst Erleichterung, dann Schuldgefühle.

„Ich wollte niemandem Angst machen. Erst im Nachhinein habe ich überlegt, wie schlimm das für die Leute sein muss. Was, wenn es meine Tochter betroffen hätte? Oder jemanden mit einem schwachen Herzen?“, sagte Therese, wild gestikulierend. Sie beteuerte, jetzt immer ihre Medikamente zu nehmen, zudem helfe ihr die Psychotherapie.

Angeklagte möchte ihr Handy zurück

Therese ist „hundert Prozent sicher“, dass sie nicht mehr straffällig werden würde: „Nie mehr Untersuchungshaft, nie mehr Hindelbank, das habe ich mir geschworen.“ In Hindelbank, wo sie ihre Tage mit Filzen, Fitness und Lesen verbringt, wurde Therese in die Gruppe mit den Schwerverbrecherinnen gesteckt. „Das hat mir zu Beginn Angst gemacht“, sagt sie. „Diese Frauen haben Leben ausgelöscht. Ich habe doch niemandem etwas getan.“ Mittlerweile habe sie sich an die Situation gewöhnt, wünsche sich aber nichts mehr, als zur Wohngruppe zurückkehren zu können.

Ein weiteres Anliegen äusserte Therese gegenüber den Richtern noch. Man möge doch ihr beschlagnahmtes Handy, mit dem sie die Bombendrohung abgesetzt hatte, nicht vernichten. „Da sind so viele Fotos von meiner Enkeltochter drauf, die sind mir wichtig“, sagte sie, und ihre Aufzählung der verschiedenen Sujets entlockte allen im Raum das eingangs erwähnte Schmunzeln.

Die Staatsanwaltschaft, bei der Verhandlung nicht anwesend, forderte für Therese eine unbedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten. Auch die beiden bedingt ausgesprochenen Strafen aus den früheren Jahren – darunter die 14 Monate für die Brandstiftung – seien zu vollziehen.

Thereses Verteidiger, der Badener Roger Huber, forderte hingegen eine unbedingte Freiheitsstrafe von 8 Monaten, zumal seiner Mandantin in einem Gutachten eine mittelgradig verminderte Schuldfähigkeit attestiert wurde. Zudem sei auf die Umsetzung der bedingten Strafen zugunsten langjähriger, überwachter ambulanter Therapien zu verzichten.

Nach langer Beratung verurteilte das Gesamtgericht Therese zu lediglich 7 Monaten unbedingt für die beiden Bombendrohungen. Allerdings seien die beiden bedingten Strafen zu vollziehen, was addiert eine Freiheitsstrafe von 21 Monaten ergibt. Es bleibe gar nichts anderes übrig, sagte Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder, die Vorstrafen wögen zu schwer, und eine günstige Prognose könne Therese auch nicht ausgestellt werden.

„In Anrechnung der Zeit, die Sie schon in Haft sind, könnten Sie schon bald vorzeitig entlassen werden und in ihre Wohngruppe zurückkehren“; sagte sie tröstend zu Therese.

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