Als die Aarauer Fritzen das Fritzendasein noch mit grosser Ernsthaftigkeit zelebrierten

Katja Schlegel
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Vor 40 Jahren ist die Nationalbank am Schlossplatz (heute Valiant) abgerissen worden (Blick in Richtung Laurenzi).Bild: Postkartenbuch der Stadt Aarau, Ernst/Kuhn

Vor 40 Jahren ist die Nationalbank am Schlossplatz (heute Valiant) abgerissen worden (Blick in Richtung Laurenzi).Bild: Postkartenbuch der Stadt Aarau, Ernst/Kuhn

Telli-Friedhof Im November 1959 werden am Philosophenweg die Grundmauern einer frühchristlichen Kirche freigelegt und systematisch untersucht. Entdeckt hatte man das Fundament bereits in den Jahren 1934 und 1935 bei Aushubarbeiten für zwei Einfamilienhäuser. Vor dem Fundament waren die Bauarbeiter auf über 20 menschliche Skelette gestossen. Nur wenige Meter weg vom Aareufer, unter einer Schicht dicker Steine. Ohne Überreste von Särgen, ohne Grabbeigaben, lagen da Frauen, Männer und auffallend viele Kinder. Erst dachte man, auf ein Massengrab aus der Pestzeit oder eine vergessene Grabstätte für Krieger gestossen zu sein. Mit dem Finden des Fundaments änderte sich das Bild. Hatte man allenfalls die Überreste einer Kirche gefunden, die noch älter ist als die Suhrer Urpfarrei?

Licht ins Dunkel Fragen, denen damals keiner nachging. Etwas Licht ins Dunkel brachten die Grabungen, die im November vor 60 Jahren unter der Führung von Historiker Alfred Lüthi begannen. Dabei wurden fünf weitere Gräber entdeckt. Auch die Theorie, dass es sich beim Fundament um das einer Kirche handle – mit 27 auf 13 Metern eine erstaunlich grosse Kirche – erhärtete sich. Lüthi datierte Kirche und Friedhof auf um das Jahr 500. Eine Zahl, die inzwischen aber angezweifelt wird. Nicht zuletzt wegen der Mauerdicke von knapp eineinhalb Metern. Ein solcher Kirchentypus stammt – gemäss heutigem Wissensstand – aus der Zeit der Jahrtausendwende. Damit wäre Aarau deutlich älter, als bislang gedacht. Offiziell gilt das Jahr 1248 als Gründungsjahr. Aufschluss über das genaue Alter der Kirche in der Aue – und damit auch über die erste Erwähnung Aaraus – liegt also im Halbdunkel. Klarheit über die Datierung könnte die teure Untersuchung der Skelette bringen.

Abgerissen Im November 1979 verschwindet ein markantes Gebäude am Schlossplatz: die Nationalbank. Gebaut worden war das Haus 1892 von der 1872 gegründeten Aargauischen Creditanstalt, kurz AC, der einzigen ansässigen Handelsbank. Eine Handelsbank gewährte nicht nur Kredite, sie half auch, den gesamten Zahlungsverkehr ihrer Kunden abzuwickeln. Noch bis in die 1960er-Jahre zahlten die Industrie und die meisten anderen Geschäfte ihr Personal in Bargeld aus. Bankdiener und Büroboten transportierten in den «Lohnsäckli» Millionenbeträge durch die Stadt. 1922 zieht die AC, inzwischen in der Schweizerischen Bankgesellschaft aufgegangen, an die Bahnhofstrasse. Das Haus am Schlossplatz wird an die Schweizerische Nationalbank verkauft (SNB), die hier 1981 den Neubau bezieht. 1999 übernimmt die IRB, die Interregiobank (heutige Valiant), die SNB-Niederlassung.

Fritzenverein Im November 1959 feiert der Aarauer Fritzenverein sein 100-Jahr-Jubiläum. Die Aarauer zelebrieren ihr Fritzendasein mit einer grossen Ernsthaftigkeit: In den Verein wurden nur Fritzen mit gutem Leumund aufgenommen, die dann an der Fritzen-Taufe vor versammelter Runde auf die 14 Fritzen-Gebote schwören mussten. Gehässigkeiten und Beleidigungen unter Fritzen wurden per Statut verboten. Eine besondere Tradition der Aarauer Fritzen: Jedem verstorbenen Fritz wurde ein persönliches Gedicht gewidmet. Ein Vermächtnis, das von grossem Wert ist – denn im Fritzenverein war praktisch jeder Aarauer Fritz Mitglied, vom Bankdirektor bis zum Handlanger. Im Frühling 1987 hatten die Vorstands-Fritzen genug. Sie warfen das Handtuch, einstimmig und unwiderruflich. Ein Dorf weiter hat ein anderer Fritzenverein überlebt: der Fritzenverein Erlinsbach. Der letzte Fritzenverein weit und breit, gegründet 1933.

Wanzenburg Im November 1929 wird der umgebaute Saalbau eröffnet. Erster offizieller Anlass: Die Gemeinderatswahlen am 11. November 1929. Erbaut und schliesslich 1883 eröffnet worden war der Saalbau übrigens anstelle der alten Kaserne (beziehungsweise dem alten Salzhaus). Die Aarauer nannten die Kaserne wenig schmeichelhaft «Wanzenburg» oder «Flohhütte», was daher rührt, dass man hier eiligst Truppen einquartierte, als Aarau 1798 kurzzeitig erste Hauptstadt der Helvetik geworden war.

Jeden Monat werfen wir einen Blick in die Chroniken der Aarauer Neujahrsblätter. Wir schauen, was die Stadt vor 20, 50 oder 70 Jahren bewegt hat, und zeigen hübsche Trouvaillen zum Kichern, zum Ärgern oder zum Besserwissen.