Champions-League-Knüller
Aktualisiert am 22.02.12, um 07:29 von François Schmid-Bechtel und Marcel Kuchta
 

«Uli Hoeness würde dem Papst auch ein Doppelbett verkaufen»

Waldemar Hartmann: «Champions League ist Feiertag.»Getty Images
Die ARD-Kultfigur Waldemar Hartmann spricht im Interview über bayrische Eigenheiten, Parallelen zwischen den Städten München und Basel und die Fähigkeiten FC-Bayern-München-Präsident Uli Hoeness. von François Schmid-Bechtel und Marcel Kuchta
 

Vier Punkte Rückstand auf Dortmund: Bayern München steckt vor dem Spiel in Basel in einer Krise.

Waldemar Hartmann: Wenn der FC Bayern beim Tabellenletzten 0:0 spielt, spricht die ganze Welt von einer Krise. Das ist das Schicksal der Bayern. Ich glaube aber nicht, dass sie in einer Krise stecken, auch wenn man einige hausgemachte Probleme möglichst schnell lösen muss.

Welche Probleme?

Es gibt wichtige Leute im Verein wie Uli Hoeness, die sehr stark auf den Champions-League-Final fixiert sind, der ja in München stattfinden wird. Wobei ich die Spieler da mal ausklammere. Weiter weiss man nicht so recht, wie man mit Arjen Robben umgehen soll. Und Robben weiss auch nicht so recht, wie er mit seiner Situation umgehen soll. Er ist halt ein Egoist. Aber das war er schon immer. Nur fällt es heute mehr ins Gewicht, weil mit Bastian Schweinsteiger die ordnende Hand im Team verletzt fehlt. Wenn der «Schweini» den Robben dreimal mit rollenden Augen anschaut, kapiert der Robben, dass er in seinem Spiel was ändern muss. Andere Spieler tun das nicht. Oder Robben nimmt sie nicht wahr.

Ist der Zeitpunkt für Basel ideal, um gegen Bayern zu spielen?

Liga und Champions League kann man nicht vergleichen. Es ist auch für Alex Frei und Marco Streller etwas anderes, in Manchester aufzulaufen als in Thun. Champions League ist Feiertag. Die Bayern werden am Mittwoch sehr konzentriert spielen.

Und die Probleme ausschalten?

Ja, das haben sie ja schon ein paar Mal gemacht. Die Basler werden zu Hause gut sein und vielleicht schaffen sie sogar ein Unentschieden. Aber über zwei Spiele glaube ich nicht, dass Basel Bayern knacken wird.

Sind Sie eigentlich Bayern-Fan?

Ich bin seit 35 Jahren als Journalist im Fussball tätig. Ich bin Fussball-, aber nicht Bayern-Fan. Und von Jahr zu Jahr hat man mir die Illusion geraubt, dass es im Fussball um anderes als das grosse Geld geht. Meine persönliche Stimmung lasse ich nicht mehr von jungen Menschen in kurzen Hosen bestimmen.

Ist es ein gesellschaftliches Muss, in München Bayern-Fan zu sein?

Natürlich ist der FC Bayern neben dem Oktoberfest und dem Hofbräuhaus das grosse Markenzeichen der Stadt. Der Oberbürgermeister sieht das wohl anders, weil er Fan von 1860 München ist. Der frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber erzählt gerne, dass er während seiner Auslandreisen als Erstes auf den FC Bayern angesprochen wurde. Die Gesellschaft in München schliesst einen nicht aus, wenn man sich nicht mit dem FC Bayern identifiziert.

«Mia san mia» – woher kommt dieses bayrische Lebensgefühl?

Die Bayern halten sich seit je für etwas anderes. Vielleicht sogar für etwas Besseres. Nicht umsonst ist es ein Freistaat. Die Bayern sind ein bisweilen störrisches, selbstbewusstes Bergvolk. Schon geografisch schauen sie auf den Rest der Republik runter. Das hat natürlich auch der FC Bayern verinnerlicht.

Sehen Sie parallelen zu Basel? Beide Metropolen sind nicht Landeshauptstädte, wirtschaftlich stark, mit eigener Identität, wohl auch, weil nicht zentral gelegen...

Ich will es gar nicht so philosophisch sehen. Es sind viele Firmen nach Bayern gezogen, weil hier stabile politische Verhältnisse herrschen. Quasi ein Ein-Partei-System. Die CSU führt zwar ein S im Namen. Trotzdem ist das eine absolut wirtschaftsfreundliche Partei. Damit ist aus einem Agrarland ein starkes Wirtschaftsland geworden. Bayern weist seit Jahren die tiefste Arbeitslosenquote Deutschlands aus. Doch jetzt wirds fast ein bisschen zu feuilletonistisch.

Der FC Bayern polarisiert wie kein anderer Klub in Deutschland. Ist das in seinem arroganten Auftreten oder in seinen Erfolgen begründet?

Die Arroganz wird so schnell hergenommen. Als arrogant werden die Bayern bezeichnet, weil sie so selbstbewusst auftreten. Fakt ist aber: Die Bayern sind mit Abstand der erfolgreichste Klub Deutschlands. Und diesen Erfolg hat ihnen nicht der liebe Gott beschert. Nein, es ist das Ergebnis von 33 Jahren Uli Hoeness.

Aber man wehrt sich bei Bayern nicht gegen dieses Image.

Zu Recht. Die Telekom als Hauptsponsor bezahlt gemäss nicht dementierten Zahlen pro Jahr zwischen 20 und 25 Millionen Euro. Mit 6 Millionen Euro ist sie aber bei jedem anderen Bundesliga-Klub Hauptsponsor. Mit sechs Millionen Euro bist du in Bayern in der zweiten Kategorie «Premium-Sponsor».

Wenn Hoeness die letzten 33 Jahre in Berlin gearbeitet hätte, würden wir dann heute über Hertha gegen Basel sprechen?

Berlin ist ein Sonderfall, weil die Stadt vor der Wiedervereinigung eine Insel war. Aber in jedem anderen Fall würde ich Ihnen zustimmen: Denn Uli Hoeness würde dem Papst auch ein Doppelbett verkaufen.

Der FC Bayern wird häufig als FC Hollywood bezeichnet. Wird das bewusst kultiviert zur Imagepflege?

Ich weiss nicht, wer diesen Begriff erfunden hat. Gewiss war es aber niemand vom FC Bayern. Trotzdem versucht man nicht, mit allen rechtlichen Mitteln diese Etikette loszuwerden. Als München noch die heimliche Hauptstadt war, hat sich auch in der Kultur viel auf München konzentriert. Ausserdem war München auch gesellschaftlicher Mittelpunkt. So ist das eine zum anderen gekommen.

In unserer Wahrnehmung sind sowohl der FC Bayern als auch die deutsche Nationalelf smarter geworden...

Ich versteh Sie schon. Wegen des attraktiven Offensivstils ist Jogi Löw auch schon gefragt worden, ob wir nun die neuen Holländer sind. Da antwortete er vehement mit Nein. «Sonst werden wir immer nur Zweiter.» Aber das wär ja schon eine Steigerung. Wir feiern in Deutschland – und zu Recht – einen schönen und attraktiven Fussball mit wunderbaren Individualisten. Aber mir sind die alle etwas zu glatt. Mir fehlen die Effenbergs und Kahns. Und wir feiern nun schon dritte Plätze. An der WM im eigenen Land ist aber selbst Südkorea ins Halbfinale gekommen. Und das ist jetzt keine super grosse Nummer. Doch bei uns haben in Berlin eine Million Menschen den dritten Platz an der Heim-WM gefeiert. Rudi Völler ist mit einer Rumpelfüssler-Mannschaft 2002 bis ins Finale gekommen. Hätte Oli Kahn den Ball nicht selbst ins Netz geworfen, wären wir sogar Weltmeister geworden. Nein, es ist ja alles wunderbar schön und gut. Auch beim FC Bayern.

(az)
Tabellen und Resultate
Fusball
Liga Auswahl:

Leser-Empfehlungen auf Facebook
az-Leser empfehlen:
Sportpreise 2012

Kanton ehrt seine Sport-Aushängeschilder Aktualisiert um 09:04

Syrien - Libanon

Unruhen in Libanon und Gewalt in Syrien halten an Aktualisiert um 17:16

Brad allein in Cannes

Schauspieler Brad Pitt ohne Angelina Jolie in Cannes Aktualisiert um 14:16