Chesslete
Aktualisiert am 16.02.12, um 13:14 von Wolfgang Wöfu Wagmann
 

Von einem, der schon früh auszog, das Chesslen zu lernen

Der Autor an seiner zweiten Chesslete 1964 mit dem St. Urban-Leist.zvg
50 Mal nacheinander an der Chesslete, das ist schon ein bisschen speziell. Obwohl kein ein anderer Fasnachtsanlass so «genormt» daherkommt wie die Chesslete – besondere Erinnerungen sind geblieben. Ein Rückblick von A bis Z. von Wolfgang Wöfu Wagmann
 

Alkohol im Übermass war schon immer ein Thema – nicht nur bei den Jungen. Auch ältere Alkoholleichen im weissen Hemd sind am Donnerstagnachmittag ein Ärgernis, aber in den letzten Jahren seltener geworden. Der erste Schluck «Wysse» nach der Mehlsuppe ist jedoch immer eine Herausforderung – nur einmal im Jahr wird dem Körper schon um 6 Uhr morgens Alkohol zugeführt…

Batterien waren für uns Jungs früher das Geilste. Auf einem Wägeli montiert galten die Autobatterien mit Hupen verkabelt als die ultimativen Krachmacher. Selbst war ich davon stets nur Konsument und nie Produzent – weil technisch unbegabt.

Chesslerhemd. Es ist die Grundausstattung und hat vor allem einfach mal weiss zu sein. Länge und Schnitt sind sekundär, kleine Aufstickereien erlaubt. Jahrelang waren zwei Lacoste-Krokodile in eindeutiger Stellung das Markenzeichen auf meinem Hemd. Doch jetzt in meinem Alter…

Düremache auf den Donnerstag ist ein beliebter «Sport» bei den Jungen, aber auch Valentinern und Jakobern, die jeweils am Mittwoch im Zunfthaus zu Wirthen ihr Bruderschaftsmahl abhalten – oft, bis es draussen lärmig wird. Ich habs einmal probiert: Die Chesslete war kein Problem, aber am frühen Donnerstagabend befiel mich der grosse Schlaf bis am Freitagmittag. Düremache? Nie wieder!

Eltern sind für die Chesslete-Infizierung ihrer Kinder entscheidend. Bei mir wars anders: 1963 «waggelte» ich als Siebenjähriger nachts ganz alleine von der West- in die Stadt. Mit einem Kuhhorn, das fürchterlich stank und keinen Ton hergab. Eigentlich war meine erste Chesslete ein Desaster.

Früh aufstehen. Ich habe nie verschlafen, und nie einen Wecker gebraucht, auch wenn einer gestellt war. Spätestens um 3 Uhr konnte ich jeweils ohnehin nicht mehr schlafen.

Gassen sind das Tummelfeld der Chessler. Für jeden Oberchessler ein Muss ist die hintere Gasse. Nigendwo bricht sich der Lärm so schön wie in der Häuserschlucht zwischen Biel- und Franziskanertor. Übrigens: Ganz klein verfolgte ich die Chesslete noch vom sicheren Fenster unserer Wohnung an der St. Urbangasse aus. Und fürchtete mich schrecklich vor der herannahenden weissen Masse…

Hörner sind dezibelmässig Spitzenreiter der Chesslete-Lärmskala. Heute sind nicht mehr Kuhhörner sondern Metall-Tuti in; ab 2010 tauchten auch Vuvuzelas, die südafrikanische Plastik-Tröte der Fussball-WM, auf.

Insider treffen sich seit Jahrzehnten nach der Mehlsuppe in der «Wirthen» zum zünftigen Dixie-Zmorge mit Rolf Rickenbachers Band, vorwiegend besetzt mit Alt-Gugaaggeri. Da kommt erstmals so richtig Fasnachtsstimmung auf – denn die Chesslete ist für mich eine ernste Angelegenheit.

Kuhglocken waren Favoriten für uns Kinder. In der Bügelei Studer an der St. Urbangasse holten wir sie jeweils am Mittwochnachmittag ab. Damals gab es noch keine Kinderchesslete. Dafür bimmelten wir danach stundenlang durch die Weststadt.

Lärminstrumente sind ein Muss. Doch einmal hatten Studers keine Glocken mehr für uns. Wir Buben beschlossen deshalb, ein ausgedientes Ölfass durch die Stadt zu ziehen. Leider hatten wir die 20 cm Neuschnee am andern Morgen nicht in der Planung – das Fass gab die ganze Chesslete lang keinen einigen Laut von sich.

Mehlsuppe, na ja. Der kulinarische Heuler war sie für mich nie. Aber gut zum «Bödele». Als Teenager ass ich jeweils noch vor dem Start eine Büchse Thon. Auch ein Härtetest, um 4 Uhr morgens. Aber mit dem Chessle beginnt eben DER Ausnahmezustand.

Nacht muss es noch sein, damit der Fackelzug schön zur Geltung kommt. Und wenn Du aus der Beiz kommst, tut der Tag fast weh. Denn jetzt wird’s Zeit, sich schon wieder vom Chesslerhemd zu trennen.

Ohrenbetäubend ist vieles an der Chesslete. Doch am beeindruckendsten war für mich stets der Qietschwagen der Vorstadtzünftler. Ohne dieses nervenreibende «Ouiiiiwääh, Ouuiiiwäääh!» vor dem Zytgloggeturm ist für mich nicht Chesslete.

Pfannendeckel scheppern wunderbar – waren aber für uns Kinder tabu. Die Mutter brauchte jeden Deckel in der Küche.

Quartierchessleten gibts nicht mehr. Ihr grosser Vorteil: Man durfte schon ab 4 Uhr chesslen. Die ersten Chessleten starteten wir unter St. Urban-Leist-Oberchessler Fritz Weber beim hinteren Nordmannbrunnen. An der Weststadt-Chesslete war ich nur einmal. Aber chesslen in den breiten Quartierstrassen bringt einfach nicht das richtige Chesslete-Feeling.

Rätsche Seit den siebziger Jahren setze ich meine Dreifach-Rätsche aus dem Wasseramt ein. Sie schlägt fast alles in Sachen Krach. Und ich gebe sie nie mehr aus den Händen. Einmal lieh ich sie aus, der gute Mann hielt die Rätsche ganz hinten am Stiel, der durch das kopflastige Gewicht des Geräts brach - und mir fast das Herz.

Söilimäret – der Anfang und das Ende jeder Chesslete. Zuletzt werden auf dem Friedhofplatz, so heisst der Söilimäret richtig, die Fackeln zu einem Feuer zusammengeworfen. Und zurzeit meiner ersten Chessleten wurden dort jeden zweiten Montag im Monat noch echte Söili verhökert.

Tatzelwurm. Wenn er von der Kreuzackerbrücke aus noch über die ganze Wengibrücke hinweg zu sehen ist, spricht man von einer grossen Chesslete mit über 5000 Weisshemden. Doch in den zehn, fünfzehn letzten Jahren war das nur noch selten der Fall gewesen.

Ulkiges kommt an der Chesslete vor. So traf ich vor wohl 30 Jahren frühmorgens in der Gurzelngasse einen Kollegen aus der Primarschulzeit namens Piazza. Ich hatte ihn nie mehr gesehen, weil er nach Brasilien ausgewandert war. Für die Chesslete war er in Solothurn aufgetaucht – seither habe ich wiederum nie mehr etwas von ihm gehört.

Veilchengasse. Durch die kleinste aller Gassen vom Börsenplatz zur Gerberngasse sind wir – Irrtum vorbehalten – noch nie gezogen. Aber nach 50 Jahren ist mir nicht mehr jede Route geläufig, die irgendein Oberchessler im Anspruch auf eine besonders verschrobene Route ausgeheckt hat.

Weststadtzunft. Sie führt ihr eigenes Wahrzeichen mit: das auf einem Wägeli montierte, beleuchtete krumme Bieltor. Ein Bild, das bei mir im Zusammenhang mit der Chesslete ebenfalls immer wieder auftaucht.

Xundheit. Ohne sie geht an der Chesslete gar nichts. Krank war ich nie, und dafür bin ich sehr dankbar. Aber wer sich nicht richtig anzieht, riskiert eine Fasnacht im Bett.

Ypsilon, tagsüber das Geschäftszentrum der Stadt. Wenn Du von St. Ursen Richtung Märetplatz, der Gabelung des Ypsilons marschierst, die Fackeln schon fast am Ende sind, dann zieht ein wenig Wehmut auf: Schon bald ist wieder eine Chesslete vorbei.

Zipfelmützen sind an sich obligatorisch beim Chesslete-Tenü-Fez. Meine hat statt des Zipfels eine Leuchtkugel. Schon ein bisschen grenzwertig. Was auch noch geht, weil eigentlich die weibliche Form der Nachtmütze, ist die oft spitzenbesetzte Nachthaube.

 

(az Solothurner Zeitung)
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