Wer die Solothurner Rötibrücke passiert, dem dürfte der Name «Bibliomedia» zumindest unbewusst bekannt sein, denn der Schriftzug prangt in roten Lettern auf der Nordseite der Brücke, vis-à-vis der Regio-Energie an einer Fassade. Und er erinnert nicht zufällig an eine Bibliothek, denn die Stiftung verleiht ebenfalls Bücher. Konkret ist Bibliomedia «eine Bibliothek für Institutionen», wie es der Direktor von Bibliomedia Schweiz, Peter Wille, auf den Punkt bringt. Der Betrieb hat daher keinen direkten Kundenkontakt, weshalb nur die wenigsten wissen, was hier genau abläuft. Grund genug, einmal hinter die Kulissen zu schauen.

Vielseitige Leseförderung

Im Bibliocenter sieht es aus wie in jeder Bibliothek: Überall Regale voller Bücher, insgesamt 170 000, wobei ein Grossteil unterirdisch gelagert ist. Zwischen den Regalen tummeln sich aber ausschliesslich Angestellte des Bibliocenters. Sie nehmen Bestellungen und Rücksendungen entgegen und verschicken Bücher in die ganze Schweiz. «Bibliomedia beliefert vor allem Schulen und Bibliotheken», erklärt Wille.

Für Lehrpersonen sind unter anderem Klassenlektüren vorhanden, die für einige Monate ausgeliehen werden können. Für Bibliotheken hingegen bestehen keine Fristen. Bücher, die ihre Beliebtheit verloren haben, können via Bibliomedia durch andere ausgetauscht werden. So kann das Angebot in Bibliotheken aktuellen Bedürfnissen gerecht werden.

Das Bibliocenter Solothurn, das aus einer Bibliothek und einer Zentrale für Klassenlektüre besteht, ist nicht das einzige seiner Art. So finden sich in Biasca und Lausanne zwei weitere Zentren mit Literatur in den entsprechenden Landessprachen. «In Solothurn ist zudem die Fremdsprachenbibliothek», erklärt Wille. Hier finden sich Bücher in den neun häufigsten Sprachen unter Migranten, wie etwa Albanisch und Kroatisch.

Dass die gesamte Ausleihe rege genützt wird, beweisen die Zahlen, die Wille vorlegt: Über 600 000 Ausleihen werden jährlich von Solothurn aus getätigt, schweizweit sind es gar eine Million.

Das Lesen soll begeistern

Bibliomedia – vor fast hundert Jahren als «Volksbibliothek» gegründet – leiht aber nicht einfach nur Bücher aus, sondern hat seit Beginn einen klaren Auftrag: das Lesen in der Schweiz zu fördern. «Die ‹Massenausleihe› macht rund 80 Prozent unserer Arbeit aus», erklärt Wille. Daneben laufen Projekte, die Menschen unabhängig von Herkunft und Alter fürs Lesen begeistern sollen. Darunter fällt die Schweizer Erzählnacht, aber auch der «Buchstart» für Eltern und Kleinkinder sowie «EasyReader», ein Projekt für Menschen mit Leseschwächen.

Weiter unterstütze Bibliomedia neu gegründete Bibliotheken. «Für diese sind Ausleihe und Austausch bei uns in den ersten drei Jahren kostenlos.» Dass solche Angebote existieren, ist unter anderem dank Subventionen des Bundesamts für Kultur von jährlich gut 2 Mio. Franken möglich. Weitere 2,3 Mio. Franken nimmt die Stiftung mit den Leistungsabgeltungen der Kantone, Gemeinden, Bibliotheken und Schulen sowie Spenden ein.

Der Traum vom Schaltpult

Alleine die Kosten für den Versand von Klassenlektüren an Schulen belaufen sich laut Wille jährlich auf 250 000 Franken. Geld, das der Germanist gerne anderweitig investieren möchte. «Mein Traum ist es, dass hier nur noch ein riesiges Schaltpult steht», sagt er lächelnd und zeigt auf eine Ecke seines geräumigen Büros. Ein Schaltpult? Genau, um E-Books freizuschalten. Derzeit ist die Ausleihe von E-Books nur in einzelnen Bibliotheken möglich. Und Schulen nutzen elektronische Endgeräte wie Tablets erst probehalber.

Für die Ausleihe im grossen Stil sei die Technik noch nicht ausgereift, so Wille. «Es herrscht Angst davor, was in der Musikbranche geschehen ist.» So müsse das unerlaubte Kopieren von E-Books unterbunden werden können, bevor Verlage sich auf deren Ausleihe einlassen würden. Das Hauptproblem bleibe aber das Urheberrecht. Ist ein E-Book von einer Bibliothek bezogen, so müsse sichergestellt sein, dass es danach nicht in unendlich vielen «Exemplaren» verliehen werde. Daher beschränke sich das Angebot der Bibliotheken derzeit auf «Ladenhüter», Bestseller fänden sich selten unter den E-Books.

Zudem interessiere sich noch lange nicht jeder für Bücher in elektronischer Form. «E-Books werden vor allem von Frauen ab 50 gelesen.» Für Junge seien sie hingegen «zu wenig modern». Wenn überhaupt dürfte es also noch eine Weile dauern, bis Bibliomedia nur noch aus einem Raum mit einem riesigen Schaltpult besteht. Bis dahin werden von den drei Bibliocentren aus weiterhin physisch reale Bücher in die ganze Schweiz verschickt.