«LSD ist weder Himmelsdroge noch Teufelszeug», begegnet Peter Gasser landläufigen und entgegengesetzten Urteilen bzw. Vorurteilen über die halluzinogene Substanz Lysergsäurediethylamid. Er ist Psychiater und Psychotherapeut in Solothurn – und Leiter der weltweit einmaligen medizinischen LSD-Studie. Diese ist nach einer Laufzeit von vier Jahren jetzt abgeschlossen worden, wie die Sendung «10 vor 10» des Schweizer Fernsehen vermeldet hat. «Die Wahrheit über LSD liegt wohl irgendwo dazwischen», lautet seine pragmatische Einschätzung. «Die Substanz hat Potenzial, birgt aber auch Risiken.»

Krankheit psychisch verarbeiten

Therapiert hat Peter Gasser in seiner Praxis in Solothurn während jeweils drei Monaten insgesamt 12 Patienten, acht Männer und vier Frauen. Sie alle leiden an einer schweren und lebensbedrohenden Krankheit und sind dadurch mit grossen Ängsten konfrontiert. «Ziel der Therapie ist es, solche Ängste zu mildern bzw. die körperliche Krankheit psychisch zu verarbeiten», erläutert der Psychiater. «Es ist dabei weniger die Angst vor dem Tod, welche die Betroffenen belastet, sondern die Angst vor dem Leiden.» Die meisten der behandelten Patienten haben Krebs in einem fortgeschrittenen Stadium. Nicht zur LSD-Behandlung zugelassen wurden Personen, die an einer schweren psychiatrischen Erkrankung leiden.

«Unter den richtigen Rahmenbedingungen und einer guten Betreuung ist die medizinische Anwendung sicher und wirksam», zieht Peter Gasser eine erste Bilanz aus der Studie. Die umfassende wissenschaftliche Auswertung kündet der Arzt für den kommenden Frühling an. Besonders wichtig ist für Gasser die Feststellung, dass die Drogen-Therapie in keinem einzigen Fall – wie immer wieder befürchtet – unkontrollierte Ängste, Psychosen oder gar Selbstmordgedanken ausgelöst hat. Das Gegenteil sei vielmehr der Fall: «Die Patienten nehmen ihr Schicksal gelassener, sie haben weniger Angst vor dem Tod.» Diese entspannte Stimmung verschwinde zudem nicht gleich nach der Therapie, unterstreicht Gasser deren nachhaltige Wirkung. «Auch noch nach einem Jahr sagen uns die Patienten, dass sie eine sehr positive Erinnerung an die Therapie haben und dass sich in ihrem Leben etwas verändert hat.»

Zwei ganztägige LSD-Sitzungen

Die Verabreichung der halluzinogenen Droge erfolgt dabei im Rahmen einer normalen Psychotherapie, betont der Psychiater. «Wir führen während der dreimonatigen Therapie vorbereitende, unterstützende und nachbereitende Gespräche.» Die zwei eigentlichen LSD-Sitzungen finden während jeweils eines ganzen Tages im Abstand von sechs Wochen statt. Und zwar in der Praxis von Peter Gasser, der für diese Sitzungen jeweils von einer Co-Therapeutin unterstützt wird. «Die Patienten erhalten mit 200 Mikrogramm eine mittlere Dosis LSD.» Deren Wirkung hält während acht Stunden an. «Die Patienten werden die ganze Zeit über eng betreut, auch während der folgenden Nacht, die sie in der Praxis verbringen.» Am Folgetag findet dann eine Nachbesprechung statt. «Die Betroffenen können sich dabei sehr gut an ihre Erlebnisse erinnern.» Und: «Auch während der LSD-Sitzung wissen sie immer genau, was mit ihnen passiert.»

«LSD wirkt wie ein Katalysator, wodurch die Personen schneller in einen tiefen Kontakt mit sich selber gelangen», erläutert Gasser. «Die Substanz ermöglicht eine intensive Begegnung auf verschiedenen Ebenen.» Die Patientinnen und Patienten erinnern sich auf eine emotionale Art und Weise an Erlebnisse in der Vergangenheit und nehmen auch ihr aktuelles Umfeld, die Natur zum Beispiel, direkter wahr. Unterstützt durch psychotherapeutische Gespräche, so Gasser, «verspüren sie dann eine grosse Verbundenheit mit dem Leben und mit sich selbst». Diese Verbundenheit sei es, welche die Ängste löst.

Speziell ausgebildete Fachärzte

«Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie schwer kranke Menschen ihre Ängste verarbeiten können», ist sich Peter Gasser bewusst. «Ich hoffe aber, dass LSD wieder eine in der Medizin anwendbare Substanz wird, allerdings unter Einhaltung strikter Vorsichtsmassnahmen.» Dazu gehört für den Mediziner aus Solothurn zum Beispiel, dass die LSD-Therapie nur von speziell dafür ausgebildeten Fachärzten durchgeführt werden darf.