Diese Zahl tut weh: 35,4 Prozent. Die Wahlbeteiligung an den Kantonsratswahlen war tief, extrem tief. Nur jeder dritte Solothurner gab seine Stimme ab, die anderen entschieden sich dagegen. «Das ist schitter», sagte der Solothurner Staatsschreiber Andreas Eng am Sonntag zu dieser Zeitung. Er zeigte sich ratlos angesichts des offensichtlichen Desinteresses der Mehrheit der Stimmberechtigten. «Es kann ein Zeichen sein von einer allgemeinen Unzufriedenheit, oder aber das Zeichen von allgemeiner Zufriedenheit.»

Auch eine Politikverdrossenheit sei möglich, werweisste Andreas Eng weiter.

«Schitter»: Der Solothurner Staatsschreiber Andreas Eng war auf eine tiefe Wahlbeteiligung vorbereitet – dass sie derart tief war, hat ihn überrascht.

Wo man auch Montag hinhörte, man war sich einig: Die Wahlbeteiligung ist enttäuschend.

Beinwil: das Vorbild

Trotzdem – es gibt sie noch, Gemeinden, deren Bürger fleissig wählen und abstimmen; Gemeinden, in denen die direkte Demokratie pulsiert. Der Vorzeigeort im Kanton liegt hinter dem Passwang, im Schwarzbubenland und heisst Beinwil. 2005, 2013 und auch 2017 wies die Gemeinde bei den Kantonsratswahlen jeweils die höchste Wahlbeteiligung aus und liess alle anderen politischen Gemeinden hinter sich. Bei den aktuellen Wahlen wählten in Beinwil 122 von 196 Stimmberechtigten, was einer Wahlbeteiligung von 62,2 Prozent entspricht.

Was in anderen Gemeinden zu Jubel führen würde, ist in Beinwil schon beinahe ein enttäuschendes Ergebnis. So sagt der frisch wiedergewählte Regierungsrat Remo Ankli: «Unsere Wahlbeteiligung war schon höher», um dann anzufügen: «Aber sicher ist 62,2 Prozent immer noch respektabel.» Ankli wohnt in Beinwil und führte von 2001 bis 2013 als Gemeindepräsident die politischen Geschicke der Gemeinde. Tatsächlich gingen die Beinwiler schon geschlossener an die Urne als am Sonntag (siehe Grafik). An den Kantonsratswahlen 2005 betrug die Wahlbeteiligung gewaltige 78.5 Prozent. In jenem Jahr wurde Remo Ankli erstmals in den Kantonsrat gewählt.

Ist dies die Erklärung für die Wahlfreudigkeit in Beinwil? Ist einfach das ganze Dorf Fan von Remo Ankli? Tatsächlich haben bei den jüngsten Wahlen nur 9 Beinwiler nicht für ihren Regierungsrat gestimmt. Dennoch sei die Annahme von einem Ankli-Effekt falsch, sagt Remo Ankli und lacht. «Auch bei nationalen Wahlen ist bei uns die Wahlbeteiligung hoch, also auch dann, wenn ich nicht auf der Liste stehe.» Für ihn liegt es eher an der geringen Grösse der Gemeinde im Bezirk Thierstein. Viele hätten hier ein Amt inne, und würden sich daher mit der Politik enger verbunden fühlen.

Walterswil: das Schlusslicht

Auch Walterswil ist mit seinen rund 700 Einwohnern eher eine kleine Gemeinde. Doch wählen mag man hier offensichtlich nicht. Walterswil ist das Gegenteil von Beinwil. Bei drei der letzten vier Kantonsratswahlen belegte die Gemeinde im Bezirk Olten den Schlussrang. Auch am Sonntag. Lediglich 22,9 Prozent der Stimmberechtigten nutzten ihr Wahlrecht. Niederschmetternd.

Es stellt sich die Frage nach dem Warum. Die Antwort darauf hat auch die Gemeindepräsidentin von Walterswil bisher noch nicht gefunden. Dennoch wagt Marie-Louise Wilhelm-Merz einen Erklärungsversuch: «Vielleicht liegt es an unserer Nähe zum Kanton Aargau, dass wir uns eher in diese Richtung orientieren.» Sie fügt aber an: «Doch das lasse ich nicht als Ausrede gelten.»

Wenn in Walterswil bei Wahlen oder Abstimmungen dann doch einmal 38 Prozent sich beteiligen, «ist dies bereits super», sagt die Gemeindepräsidentin, der am Sonntag beim Besuch des Wahlbüros spontan eine Idee einfiel: ein Wahlcafé, das die Bürger wieder ins Wahllokal locken und somit die Wahlbeteiligung ankurbeln soll. Noch ist aber unklar, ob in Walterswil in Zukunft Kaffee ausgeschenkt wird. Ob es funktionieren würde, ist wiederum eine andere Frage.

Als ein mögliches Rezept, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen, gilt das Schaffhauser Modell. Dort werden Nicht-Wähler mit 6 Franken gebüsst. Für Remo Ankli der falsche Weg. Wählen solle eine Freiheit bleiben und nicht zum Zwang werden.