Warum wähle ich, was ich wähle? Was beeinflusst mein Wahlverhalten? Diese Fragen werden selten gestellt. Markus Freitag, Professor für Politische Soziologie an der Universität Bern, ist ihnen mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Band «Wahlen und Wählerverhalten in der Schweiz» dennoch auf den Grund gegangen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen meiner Persönlichkeit und der Partei, die ich wähle?

Markus Freitag: Wir forschen hierzu in Bern seit einigen Jahren. Die Idee, dass die Persönlichkeit die Neigung zu einer Partei beeinflussen kann, gibt es allerdings bereits seit den 1950er-Jahren. Man hatte damals festgestellt, dass man auch auf den Charakter achten muss, und nicht allein berücksichtigt, wie alt jemand ist, wie gebildet, welches Geschlecht oder welche Konfession er hat, wenn man das politische Verhalten untersuchen möchte. Mittlerweile hat sich Erkenntnis durchgesetzt, dass sich diese durch den Charakter gelenkte Neigung auch in die Wahl einer bestimmten Partie umschlagen kann.

Können Sie ein Beispiel geben?

Es gibt Hinweise, dass diejenigen, die sich selbst als extrovertiert einschätzen, eher Gefallen an der FDP finden. Das hängt damit zusammen, dass die Extrovertierten durchaus durchsetzungsfähig sind, sozial dominant auftreten und einen gewissen Erlebnishunger haben. Und dies korrespondiert eher mit einer liberalen Haltung, vor allem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Liberalen werden aber von Menschen abgelehnt, die angespannt sind und sich oft Sorgen machen. Solche Personen tendieren dann eher dazu, die CVP zu wählen. Die Persönlichkeit ist freilich nur ein Teil dessen, was letztlich den Ausschlag für unsere Wahlentscheidung gibt.

In welchem Alter entscheidet sich, wie ich wähle?

Prägend sind sicher die Erfahrungen in Jugendphase zwischen 15 und 24. Hier wird der Grundstock an Werthaltungen und Überzeugungen gelegt. Bei manchen mag dies bereits früher eintreten. Allerdings wissen wir hierüber nicht allzu viel, da Kinder nur selten zu diesen Themen befragt werden. Erfahrungen und veränderte Lebenssituationen, aber auch die Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen können aber immer wieder zu Veränderungen führen.

Warum wählt jemand gleich oder anders als die Eltern?

Es kann durchaus geschehen, dass man sich den Eltern anpasst. Die Wahl kann indes auch als Rebellion gegen das Elternhaus funktionieren. Oder es gibt die Möglichkeit, dass sie etwas links oder rechts von den Eltern wählen: Sie kommen etwa aus einer sozialdemokratischen Familie und wählen dann aber die Grünen. Das wiederum kann das Resultat ihres ausserfamiliären Umfeldes, ihres Charakters oder auch ihrer Bildung sein.

Welche Rolle spielt es, wie politisch das Elternhaus ist?

Die Politisierung des Familien wie des Freundes- und Kollegenkreis beeinflussen meine Haltung zur politischen Beteiligung. Treffe ich in diesen Kreisen auf eine Beteiligungskultur, färbt sich diese auch auf mich ab. Ich nehme mitunter allein deshalb an einer Wahl teil, um im Freundeskreis nicht sanktioniert zu werden und als ein schlechter Bürger dazustehen. Neben dem sozialen Umfeld sind aber auch Motive wie das politische Interesse und das Vertrauen, aber auch die Bildung von Bedeutung. Mit Bildung erwerbe ich mir die Fähigkeit, relevante Informationen zur Wahl und der Sinnhaftigkeit politischer Beteiligung generell zu verschaffen.

Welche Faktoren bestimmen, welche Partei ich wähle?

Ganz kurz und knapp: Ich wähle meistens die Partei, die meinen Wünschen und Vorstellungen am ehesten entspricht. Allerdings ist es gar nicht so einfach, die politischen Präferenzen einer Person zu ermitteln. Die Wahlforschung führt hier ein ganzes Bündel von Faktoren an: Alter, Geschlecht, Bildung, Werthaltungen, Charakter, aktuelle Themen und Problemlagen, Sympathie von Kandidaten, meinem Umfeld, meiner wirtschaftlichen Situation. Aber auch wenn ich seit Kindesbeinen einer bestimmten Partei nahestehe, können mich strategische Gründe oder die Unzufriedenheit für einmal dazu bewegen, am Sonntag einer anderen Partei meine Stimme zu geben.

Also wählt eine Person ein Leben lang gerne dieselbe Partei?

Parteien sind wie Coiffeure oder Zahnärzte. Eigentlich möchten wir diesen treu bleiben. Wenn wir unsere einmal erlangten politischen Orientierungen nie abstreifen, dann bleibt die Beziehung zur Partei stabil. Aber es gibt Tendenzen, dass sich die klaren Zuordnungsmuster zwischen Milieu und Partei auflösen.

Das Milieu, denken wir etwa an das katholische, kann brüchig werden oder die Parteien wandeln sich. Früher ging man davon aus, dass man von der Wiege bis zur Bahre ein Sozialdemokrat war. Heute fühlen sich Arbeiter nicht mehr unbedingt an die Sozialdemokraten gebunden, mitunter sehen sie ihre Interessen bei anderen Parteien wie den Rechtspopulisten besser aufgehoben. Oder man setzt je nach Lebensabschnitt neue Prioritäten und vollzieht dann einen Parteiwechsel. Aber es können auch spezielle Ereignisse die Wechselwahl möglich machen. Denken wir an den Fukushima-Effekt, der den Grünen geholfen hat. Oder die Flüchtlingskrise. Vielleicht haben manche immer die CVP oder FDP gewählt, aber sind angesichts der Flüchtlingskrise für einmal zur SVP übergelaufen.

Fukushima, Flüchtlingskrise: Wie wichtig muss ein Ereignis sein, dass man sich von der Partei löst?

Poröse Parteibindungen und ein polarisiertes Parteiensystem verhelfen Sachfragen zu einer gewissen Durchschlagskraft. Von der Schweiz wissen wir, dass gerade für linke und rechte Parteien die Sachfragenorientierungen der Wählerschaft eine Rolle spielen. Diese Parteien profitieren stärker von Sachfragen, weil sie wohl einen einfachen, klaren Standpunkt vertreten und weniger zu einer abwägenden Sicht hin tendieren.

Sind die Nichtwähler frustriert?

Nichtwähler sind alles andere als eine homogene Einheit. In der Schweiz können wir sechs Typen unterteilen: die politisch Desinteressierten, die Politikverdrossenen, die sozial Isolierten, die Inkompetenten, die Protestierenden und die alternativ Partizipierenden, die statt den Wahlen eher Volksabstimmungen den Vorzug geben. Es gibt also wie bei der Wahlentscheidung auch bei der Wahlteilnahme eine Vielfalt von Beweggründen. Das Wehklagen in der Öffentlichkeit über die scheinbar unisono desinteressierte, enttäuschte und abgewandte schweigende Mehrheit ist also nur teilweise berechtigt. Eine geringe Beteiligung muss aber kein Signal für einen politischen Missstand sein. Genauso gut könnte nämlich auch eine hohe Beteiligung auf eine Krisensituation hindeuten.