Dreckige Luft riecht man, verschmutztes Wasser sieht man. Der Klimawandel passiert dagegen fast unbemerkt. Trotzdem: Dass sich die Erdatmosphäre wegen der globalen Luftverschmutzung langsam erwärmt, ist wissenschaftlich belegt und es «trumpiert» sich gewaltig, wer den Klimawandel als «fake news» bezeichnet. Und so schlägt der Kanton Solothurn einen neuen, sanften Weg ein, um die Bevölkerung für das Problem zu sensibilisieren.

Franz Hohler

Der Mann auf der Insel

Es war einmal ein Mann, der lebte auf einer Insel. Eines Tages merkte er, dass die Insel zu zittern begann.
«Sollte ich vielleicht etwas tun?», dachte er.
Aber dann beschloss er, abzuwarten.

Wenig später fiel ein Stück seiner Insel ins Meer.
Der Mann war beunruhigt.
«Sollte ich vielleicht etwas tun?», dachte er.
Aber als die Insel zu zittern aufhörte, beschloss er, abzuwarten. «Bis jetzt», sagte er sich, «ist ja auch alles gut gegangen.»

Es dauerte nicht lange, da versank die ganze Insel im Meer, und mit ihr der Mann, der sie bewohnt hatte.
«Vielleicht hätte ich doch etwas tun
sollen», war sein letzter Gedanke, bevor er ertrank.

Wenn unser Planet Fieber hat, dann müsste sich das auch im Kanton messen lassen. «Wir wollen mit unseren Klimageschichten zeigen, dass es in Solothurn Leute gibt, die die Auswirkungen des Klimawandels spüren», erklärt Martin Heeb, Abteilungsleiter Koordination im Amt für Umwelt, das Konzept, das hinter dem neuen Internetauftritt www.klimageschichten.ch steckt. Aus der Liste der kurzen Texte sticht ein Meisterwerk mit dem Titel «Ein Mann auf der Insel» heraus. «Franz Hohler engagiert sich gerne für Umweltfragen. So hat er uns diese kurze Geschichte aus persönlicher Betroffenheit zur Verfügung gestellt», sagt Heeb.

Neben Hohlers Kürzestgeschichte regen auch die amüsanten Zeichnungen zum Schmunzeln und zum Nachdenken an. Da steckt ein Strauss den Kopf in den kühlenden Sand und die Kuh mutiert zum Zebra. Das Amt für Umwelt liefert die passende Erklärung dazu: «Die Lieblingstemperatur der Kuh liegt zwischen 4 und 16 Grad Celsius. Auch Menschen leiden unter Hitzewellen. Jene von 2003 liess zwischen Juni bis August die Sterblichkeitsrate um 7 Prozent ansteigen.» Die Zeichnungen können übrigens als Postkarten und Tischsets gratis online bestellt werden.

Weitere Geschichten willkommen

Der Auftrag kam direkt vom Regierungsrat und bezahlt wird die Aktion aus dem kleinen Budget, das dem Amt für Umwelt für die Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung steht. Die weiteren Klimageschichten sind mehrheitlich Portraits über Menschen, die Erfahrungen mit der Erderwärmung gemacht haben. Die Hürde für weitere Texte wird vom Amt für Umwelt nicht so hoch gesetzt, dass jetzt nur noch Pedro Lenz und zwei, drei weitere Koryphäen als Verfasser für eine neue Klimageschichte infrage kämen. Professionelle Autoren zu bezahlen, das könne man sich nicht leisten.

«Natürlich hätten wir gerne mehr Texte von Schriftstellern wie Franz Hohler. Wir freuen uns aber ebenso über alle anderen Erzählungen von Prominenten und Normalbürgern, die dem abstrakten Klimawandel ein persönliches Gesicht verleihen.» Auch Bischof Felix Gmür habe versprochen, eine Klimageschichte zu schreiben.

Wirkung realistisch eingeschätzt

Martin Heeb ist realistisch: «Jeder einzelne kann nur minimalsten Einfluss auf den Klimawandel nehmen. Aber vielleicht können wir mit unseren Geschichten einige Leute so beeinflussen, dass sie den Klimawandel zu einem zusätzlichen Kriterium für ihre täglichen Entscheidungen machen.» Beim Einkaufen könne zum Beispiel jeder einzelne seinen kleinen Beitrag leisten, indem er nachhaltig und CO2-neutral produzierte Waren auswählt. Aber auch die Möglichkeiten des Kantons seien limitiert. Zuständig für die Gesetzte und Regeln im Klimaschutz sei der Bund. «Im besten Fall kann sich die kantonale Verwaltung wie eine ökologisch vorbildliche Firma verhalten», sagt Martin Heeb.

In seiner Funktion als klimaschützendes Vorbild für die Bürger hat der Kanton Solothurn noch Steigerungspotenzial. So verfügt zum Beispiel das Amt für Umwelt mittlerweile über zwei Elektromobile – bei 62 Mitarbeitenden.