Ist mit dem nun vertraglich besiegelten Landkauf in Luterbach die Ansiedlung von Biogen definitiv?

Markus Ziegler: Ja. Die Bauarbeiten werden Anfang 2016 beginnen. Die Inbetriebnahme der Anlage ist für das Jahr 2019 geplant.

Ist es nicht denkbar, dass das Projekt aus konjunkturellen oder anderen Gründen doch noch gestoppt oder zumindest abgespeckt wird?

Biogen hat den Bedarf für zusätzliche Produktionskapazitäten sowie den Standort sehr sorgfältig evaluiert. Die geplante Anlage ist ein Teil unseres Versprechens, Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen zu unterstützen. Es gibt Faktoren, welche sich ausserhalb unserer Kontrolle befinden, doch wir sind überzeugt, dass wir die herausfordernden zeitlichen Vorgaben für den Bau einhalten und die Anlage wie geplant im Jahr 2019 in Betrieb nehmen werden. Das Projekt ist auf Kurs.

Immerhin hat Biogen im Oktober ein Restrukturierungsprogramm angekündigt, rund 800 Arbeitsplätze sollen weltweit gestrichen werden. In welchem Umfang ist davon der Standort Zug von Biogen mit rund 400 Arbeitsplätzen betroffen?

Im Rahmen des Restrukturierungsprogramms wird Biogen global elf Prozent der Stellen reduzieren, wobei der Standort Zug unterdurchschnittlich betroffen ist.

Markus Ziegler, Biogen

Markus Ziegler, Biogen

Damals wurde versichert, dass das Projekt Luterbach davon nicht betroffen sein wird. Trotz Sparprogramm soll in Luterbach investiert werden. Warum?

Das Restrukturierungsprogramm wurde vor dem Hintergrund unserer vielversprechenden Pipeline beschlossen, welche grosse Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in die Produktionsinfrastruktur erfordert. Da es sich beim Projekt in Luterbach um eine solche Investition handelt, ist dieses von der Restrukturierung nicht betroffen.

Der Standort Schweiz leidet enorm unter der Frankenstärke, welche die Produktion verteuert. Würde Biogen rückblickend ein anderes Land wählen?

Der starke Schweizer Franken ist für die Industrie tatsächlich eine Herausforderung. Unsere Planung für die neue Produktionsstätte in Luterbach ist langfristig angelegt, weshalb wir unsere Standortentscheidung nicht auf die aktuelle Währungssituation abstellen können.

Die Art und Weise der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ist offen. Biogen wird in Luterbach viel akademisch ausgebildetes Personal benötigen. Wird Biogen das Personal finden?

Die besten Talente zu rekrutieren ist ein kritischer Erfolgsfaktor. Biogen ist ein sehr attraktiver Arbeitgeber, welcher in Umfragen jeweils Spitzenplätze erreicht. Für den Betrieb unserer Anlage in Luterbach werden wir gut ausgebildete Fachkräfte wie auch akademisch ausgebildetes Personal benötigen. Obwohl wir in der Schweiz rekrutieren, ist der Zugang zu Spezialisten aus der ganzen Welt für unsere Firma essenziell.

«Der Gewinn für den Kanton ist die Firma Biogen»

Die Ansiedlung des US-Biotechkonzerns in Luterbach-Süd werde auch das Nordareal beflügeln, erklärte im Sommer Lothar Kind, Geschäftsführer der Attisholz Infra AG (ex-Borregaard), bei der Ankündigung des Landverkaufs an Biogen. «Die Entwicklungsdynamik wird sich auf das direkt nördlich der Aare angrenzende Industrieareal auswirken.» Das Areal mit der eigentlichen Zellulosefabrik befindet sich immer noch in den Händen der norwegischen Orkla, dem Mutterkonzern von Borregaard. Über den Verkauf können sich die Norweger noch aus einem anderen Grund freuen. Denn beim Erwerb des zuvor im Besitz von Borregaard befindlichen Landes südlich der Aare durch den Kanton Solothurn wurde vereinbart, dass die Verkäuferin an einem allfälligen Planungsmehrwert partizipiert. Der Kanton kaufte in den Jahren 2010 und 2011 rund 35 Hektaren Land zum Preis von 80 respektive 99 Franken, insgesamt zahlte er rund 30 Millionen Franken. Wenn der Mehrwert kleiner ist als 30 Franken pro Quadratmeter, entfällt eine Beteiligung, wenn er grösser ist, werden davon 20 Prozent oder maximal 20 Franken je Quadratmeter ausbezahlt, heisst es in der Vereinbarung. Der Mehrwert ist die Differenz zwischen dem damaligen Verkehrswert von 160 Franken je Quadratmeter und dem heutigen. Und letzterer wird höher sein, hat doch der Kanton das Areal pfannenfertig vorbereitet. Wie viel Biogen für das Land bezahlt hat, gibt Baudirektor Roland Fürst nicht bekannt. «Im vereinbarten Landpreis sind alle Kosten berücksichtigt wie Landerwerb, Vorbereitungsarbeiten, Altlastensanierungen, Rückbau- und Entsorgungsarbeiten sowie Planungs- und Erschliessungsarbeiten.» Gleichzeitig würden die Kosten der Altlastenbeseitigung – «es handelt sich um einen zweistelligen Millionenbetrag» – auch bei der Berechnung des Mehrwertes mitberücksichtigt. «Die Mehrwertentschädigung steht in Abhängigkeit zu den Investitionen für baureifes Land.» Eine Aussage zur Höhe des Mehrwertes könne noch nicht gemacht werden. Unter dem Strich wird die Rechnung für den Kanton jedenfalls aufgehen. Aber das stehe, so Fürst weiter, nicht im Vordergrund. Wichtiger sei der langfristige und nachhaltige volkswirtschaftliche Nutzen. «Der Gewinn für unseren Kanton ist die Firma Biogen mit ihren Mitarbeitenden und die generelle Imageförderung.» Zudem gebe es mögliche Signaleffekte für weitere Neuansiedlungen. «Und all diese Werte lassen sich nur schwierig bilanzieren.» (FS)

Was passiert, falls die Zuwanderung beschränkt werden sollte?

Wir gehen davon aus, dass die politischen und wirtschaftlichen Kräfte in der Schweiz sich auf eine pragmatische Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative einigen werden. Alles andere wäre jenseits jeglicher politischer und wirtschaftlicher Vernunft – und dies nicht nur für den Pharmastandort, sondern für die Schweiz als Ganzes.

Solothurn ist kein Hochschulkanton. Ist das nicht ein Nachteil für den Standort Luterbach?

Die Universitätsstädte Zürich, Basel und Bern mit ihren renommierten akademischen Institutionen wie der ETH oder dem Biozentrum sind in weniger als einer Stunde zu erreichen. Zudem verfügt die Fachhochschule Nordwestschweiz über interessante Angebote im Life-Science-Bereich.

Wäre zum Beispiel der Raum Basel nicht besser gewesen?

Der Entscheid, unser neues Werk in Luterbach zu erstellen, basiert auf einem strengen Selektionsprozess verschiedenster Standorte rund um den Globus. Die sehr gute Zusammenarbeit mit dem Kanton und der Gemeinde sowie die Tatsache, dass wir unseren ambitionierten Zeitplan bisher einhalten konnten, bestärkt uns in der Überzeugung, den richtigen Ort für unsere neue Produktionsanlage gefunden zu haben.

Geplant ist der Aufbau von 400 neuen Arbeitsplätzen. Werden diese nur von Akademikern besetzt oder auch von Berufsfachkräften?

Für den Betrieb der Anlage benötigen wir ein breites Spektrum an gut ausgebildeten Fachkräften von Ingenieuren über Chemielaboranten, Polymechaniker, Produktionsoperatoren, Lageristen bis hin zu administrative Arbeitskräften wie auch akademisch ausgebildetes Personal.

Wie wird die Aufteilung sein?

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir dies noch nicht abschätzen.

Das gekaufte Areal von 22 Hektaren bietet Platz für einen späteren Ausbau mit weiteren Produktionsanlagen, genannt Phase II und III, mit letztlich bis zu 1750 Arbeitsplätzen. Wie realistisch ist diese Planung?