Kürzlich war im Schweizer Fernsehen zu bester Sendezeit der in Solothurn preisgekrönte Film «Lina» zu sehen, der das Schicksal einer «rebellischen» Jugendlichen aus den 60er-Jahren zeigt. Lina führte nach den Normen der damaligen Zeit einen «lasterhaften» Lebenswandel:

Für einen Ausflug flüchtet sie aus der Enge des Dorfes mit ihrem Jugendfreund in eine Kommune in der Stadt. Danach wird sie in einem Gefängnis zwangsversorgt. Im Gefängnis bringt sie einen Jungen zur Welt, den sie zur Adoption freigeben muss. Für ihren Jugendfreund – aus einer reichen Familie stammend – blieb das Ganze ohne grössere Folgen.

Der Blick auf dieses Einzelschicksal mit dem diffusen Hinweis auf eine rigide, patriarchal bestimmte Moral verschleiert allerdings die grundsätzliche Thematik, die hinter dieser Zwangsversorgung steckt: Mit dem starken Industrialisierungsschub zu Beginn des
20. Jahrhunderts mussten sich auch die Verhaltensweise und die Mentalität der arbeitenden Bevölkerung ändern.

Ausgehend von den USA fand ein Übergang von der handwerklichen Produktionsweise zur standardisierten Massenproduktion von Gütern an Fliessbändern statt, was eine hoch disziplinierte Arbeiterschaft verlangte. Autohersteller Henry Ford war der Erste, der diese neuen Produktionsmethoden einführte und dazu ein umfassendes politisch-wirtschaftliches Konzept zur rationellen Massenproduktion verfasste («Fordismus»).

Der zeitgenössische italienische Intellektuelle Antonio Gramsci analysierte diese Veränderungen und stellte fest: Das Ziel sei, «mit unerhörter Geschwindigkeit und einer in der Geschichte nie da gewesenen Zielbewusstheit einen neuen Arbeiter- und Menschentypus zu schaffen. ... (dieser neue Menschen- bzw. Arbeitertypus) muss nun sein ... Geld ‹rational› ausgeben, um seine nervlich-muskuläre Leistungsfähigkeit zu erneuern. ... Daher die Kampagne gegen den Alkohol, den gefährlichsten Zerstörungsfaktor der Arbeitskraft (...).

Eine mit der des Alkohols verknüpfte Frage ist die sexuelle: Der Missbrauch und die Unregelmässigkeiten der Sexualfunktionen sind, nach dem Alkoholismus, der gefährlichste Feind der Nervenkräfte (...). Es scheint klar, dass der neue Industrialismus die Monogamie will.

Der Arbeiter, der nach einer ‹ausschweifenden› Nacht zur Arbeit geht, ist kein guter Arbeiter. Der Überschwang der Leidenschaft verträgt sich nicht mit den zeitgemessenen Bewegungen der an die perfektesten Automatismen gebundenen menschlichen Produktionsgesten.»

Ausschweifungen und Abweichungen von der Norm wurden je länger, je weniger geduldet. Eine bei uns teilweise bereits bestehende gesellschaftliche Tendenz zum Puritanismus wurde so entscheidend verstärkt. Der «Fordismus» legte den gesellschaftlichen Teppich für eine rigide Moral, die auch Lina zum Verhängnis wurde.

In den USA entwickelten die Fordisten ein Wirtschaftsmodell, das auf hohen Lohnzahlungen und entsprechendem Konsum der arbeitenden Bevölkerung aufbaute. Die gute Bezahlung und die damit verbundenen Konsummöglichkeiten dienten als Disziplinierungsmittel.

Etwas anders als in den USA verlief die Entwicklung in der Schweiz: Hier wurden zwar die Methoden des Fordismus beispielsweise in der Uhren- und in der Schuhindustrie früh eingeführt. Der Schönenwerder Schuhhersteller Bally war damals das erste Schweizer Unternehmen, das die im Zusammenhang mit dem «Fordismus» entwickelte Form der genauen Zeitanalyse von Arbeitsabläufen («Taylorismus») in der Schweiz praktisch umsetzte.

Gleichzeitig entstand im Raum Grenchen rund um die europaweit grössten Uhrenfabriken, welche die «Montres Prolétaires» oder Roskopfuhren in Massenfabrikation herstellten, ein für feinmechanische Massenproduktion einmaliges industrielles Zentrum. Kennzeichen all dieser Neugründungen war aber auch – dies im Gegensatz zum konsumorientierten Ansatz Fords in den USA –, die Lohnkosten tief zu halten.

Die Durchsetzung der neuen Arbeitsmethoden ebenso wie die vergleichsweise tiefen Löhne der Uhrenarbeiter dürften wesentlich zur explosiven Situation in Grenchen anlässlich des Landesstreikes beigetragen haben.

Zur Disziplinierung und Motivierung der Arbeiter wurde daher die moralische und auch die patriotische Frage zunehmend wichtiger. «Sittlichkeit» und «Vaterlandsliebe» waren hier Leitmotiv. Nicht für den Klassenkampf, sondern für das Vaterland galt es einzustehen. So lautete einer der Slogans auf einer Erinnerungstafel für den Ersten Weltkrieg: «Ruft einst das Vaterland uns wieder, so legen wir die Arbeit nieder und folgen treu der Fahne nach».

Mehr und mehr war weniger «Armut» das Argument, das zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Erziehungsanstalten und Heimen oder zu deren Verdingung diente. Vielmehr galt es nun «liederliche», «lasterhafte», «trunksüchtige» und andere, nicht der Norm entsprechende Menschen, die so gegen die Moralvorstellungen der Gesellschaft verstiessen, zu «erziehen».

Die Fremdplatzierung von jungen Menschen war nur eine der Massnahmen, welche als Folge von «liederlichem Lebenswandel» ergriffen wurden. Wenn beispielsweise in der von Roll ein Unfall geschah und die betreffende Person vorher durch einen «liederlichen Lebenwandel» aufgefallen war, wurde ihr die Invalidenpension von der Firmenleitung entsprechend gekürzt oder ganz gestrichen. Oberste moralische Instanz war die Direktion.

Eine wichtige Rolle im Streben nach moralisch und sittlich richtigem Verhalten kommt den Frauen zu. So meinte Bundesrat Schulthess anlässlich der ersten nationalen Ausstellung für Frauenarbeit im Jahre 1928: «Als Mittelpunkt des Familienlebens übt die Frau hohen sittlichen Einfluss aus und bestimmt die Geisteshaltung der kommenden Geschlechter. Damit ist sie auch Hüterin des vaterländischen Gedankens.» Junge rebellische Mädchen passten nicht in dieses Bild.

Der Wandel der Werte war umfassend. Das Friedensabkommen zwischen Gewerkschaften und Unternehmen im Jahre 1937 symbolisierte auch das Ende der kämpferischen, gefühlsbetonten Arbeiter-Organisationen: Gesittet, moralisch hochstehend und bürokratisch geordnet sollten in Zukunft Auseinandersetzungen vonstattengehen.

Das waren zumindest die Intentionen des Präsidenten des damaligen Arbeitgeberverbandes der Metall- und Maschinenindustriellen sowie Von-Roll-Generaldirektor Ernst Dübi. Er war Mitunterzeichner des Abkommens. Wirtschaftlicher Niedergang war in seinen Augen Ausdruck des sittlichen Zerfalls einer Gesellschaft, was sich, unter den damaligen patriarchalen Verhältnissen, vor allem gegen Frauen – und eher gegen junge Frauen wie Lina – richtete.

Es ist dieser Widerspruch zwischen dem als selbstverständlich akzeptierten gesellschaftlichen Anspruch auf Unterordnung der Frau in die Volksgemeinschaft und dem Bedürfnis nach individueller Entfaltung, der Lina zu einem Opfer machte.

Kaum je aber wurde der Wille, ein möglichst widerspruchsfreies, ganzheitliches, aber auch determinierendes Lebensumfeld und Weltbild zu realisieren, so weitgehend konkretisiert wie im Umfeld der solothurnischen Uhrenfabrik Roamer, vormals Meyer&Stüdeli. Hier wurde ein gemeinschaftliches Retortendorf mit eigenem Kindergarten und anderem verwirklicht.

Gleichzeitig gehörte die Schwester des Gründers des Uhrenunternehmens, Hilde Spieler-Meyer, zusammen mit ihrem Mann, dem Arzt Fritz Spieler, zu den Gründern des Seraphischen Liebeswerkes Solothurn. Diese liess im grossen Stil Kinder in Heime und Erziehungsheime, aber auch Pubertierende in Gefängnisse einweisen. Fritz Spieler war auch wenig glücklicher Verwaltungsratspräsident von Roamer.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses auf Ordnung und Unterordnung ausgerichtete Menschenbild nicht grundsätzlich hinterfragt. Im Gegenteil. Die Kontrolle über die arbeitende Bevölkerung und die Bestrafung von Normabweichlern wurde intensiviert. «Verbäuerlichung» der Industrie war eines der Leitbilder der tonangebenden liberalen Kreise, wie es in einer vom späteren Solothurner Regierungsrat Alfred Wyser herausgegebenen Schrift heisst:

Die Industrialisierung sollte wo immer möglich auf der Landschaft stattfinden, damit die Arbeitenden mit der Scholle verbunden blieben. Dabei sollten die jungen Töchter – wie etwa eine Lina – im Dorf zurückbehalten werden, damit sie als billige Arbeitskräfte den Unternehmen zur Verfügung standen.

Gleichzeitig konnten so die Löhne tief gehalten und den Arbeitenden die Möglichkeit geboten werden, sich bei Arbeitslosigkeit aus dem eigenen Garten zu ernähren, was sich günstig auf die Sozialkosten auswirkte.

Dank dem schweizerischen Föderalismus konnte dieses System zur Bewahrung der Sittlichkeit und der tiefen Löhne fein austariert und mit Rücksicht auf lokale Gegebenheiten flächendeckend durchgesetzt werden. Solche Disziplinierung war in der Schweiz erfolgreicher als in anderen europäischen Staaten:

So gab es in der Schweiz beispielsweise in der Zwischenkriegszeit anteilsmässig rund doppelt so viele fremdplatzierte Kinder und Jugendliche wie in Deutschland. Im Gegensatz aber zu Deutschland, wo dieser Trend durch die Niederlage der Nazionalsozialisten gebrochen worden war, bestand er in der Schweiz weiter. So dürften Figuren wie «Lina» doch eine vergleichsweise typisch schweizerische Erscheinung gewesen sein.

Es wird aber ein falsches Bild entworfen, wenn etwa – wie im Film «Lina» – einzig den Behörden der schwarze Peter für die Durchsetzung fürsorgerischer Zwangsmassnahmen zugeschoben wird. Der Kampf zur Aufrechterhaltung von «Moral» und «Sittlichkeit» wurde vielmehr als eine gesellschaftliche Aufgabe empfunden:

Schätzungsweise rund zwei Drittel der Fremdplatzierungen erfolgten aufgrund privater Initiativen, das heisst durch Eltern und Verwandte. Der Druck der dörflichen Behörden oder Gemeinschaft dürfte hier – wie im Film – schon bestehende Verhaltensmuster zusätzlich unterstützt haben.

Denn nur dank der gesellschaftlichen Akzeptanz des Kampfes zur Aufrechterhaltung der Sittlichkeit war es möglich, dass beispielsweise private Organisationen (Pro Juventute etc.) Kinder in Nacht-und-Nebel-Aktionen von ihren Familien oder ihren unehelichen Müttern wegholten. Juristisch bewegte sich dieses Verhalten häufig in einer Grauzone, wenn es nicht gar gegen das Recht – «Kindsentführung» ist ein unverjährbares Delikt – verstiess.

Aber die Aufrechterhaltung der Sittlichkeit und Moral war wichtiger als die Durchsetzung des Rechts. Es waren dieses umfassende moralische Selbstverständnis und die damit verbundene (Selbst-)Disziplinierung der arbeitenden Bevölkerung, welche einen wesentlichen Beitrag zum Wohlstand der Schweiz leistete.

Was heute als «düsteres Kapitel der schweizerischen Sozialgeschichte» bezeichnet wird – wie etwa im Film «Lina» –, ist eine der Kehrseiten unseres heutigen hohen Lebensstandards, des «Erfolgsmodells» Schweiz. Geprägt wurde dieses Modell wesentlich von Unternehmern und Vordenkern des Kantons Solothurn, der in der Zwischenkriegszeit einer der wichtigsten Wachstumspole der Schweiz war.

Diese düstere Seite bildete das Gegenstück zum steigenden Wohlstand. Erst mit dem Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft in den 70er-Jahren begannen sich die Verhältnisse zu ändern.

*Wolfgang Hafner ist Sozial- und Wirtschaftshistoriker. Er ist Autor von mehreren Büchern u.a. der Publikation «Pädagogik, Heime, Macht – eine historische Analyse».