Simone Westerfeld
Aktualisiert am 12.02.12, um 19:21 von Andreas Toggweiler
 

«Ich fühle mich wohl in der Bankenwelt»

Die Fachhochschule Nordwestschweiz (hier der Campus Olten) hat mit Simone Westerfeld (kleines Bild) eine hochkarätige Banking-Spezialistin engagiert. Fotos: zvg/bko
Quelle: az
Simone Westerfeld leitet seit 1. Februar den Bereich Banking und Finance an der Hochschule für Wirtschaft FHNW. Als Frau in einer von Männern dominierten Welt fühlt sie sich wohl. von Andreas Toggweiler
 

Sie haben bei der UBS in leitender Position gearbeitet. Was hat Sie veranlasst, zu Lehre und Forschung zu wechseln?

Simone Westerfeld: Nachdem ich fünf Jahre bei der UBS gearbeitet und ein für mich wichtiges Karriereziel erreicht hatte, ergab sich an meiner Alma Mater (Universität St.Gallen, Anm. d. Red) die Gelegenheit einer Assistenzprofessur mit Habilitationsmöglichkeit. Die Aussichten, mich intensiv mit Fragen der Finanzintermediation aus akademischer Sicht zu beschäftigen und mir eine unabhängige Meinung zu bilden, waren letztlich so verlockend, dass ich dem Ruf gerne gefolgt bin.

Banken sind eine Männerwelt. Fühlen Sie sich als Frau wohl darin?

Ich fühle mich in der Bankenwelt sowohl auf akademischer als auch auf praktischer Seite sehr wohl, weil mich die Inhalte interessieren und aktuelle Fragen spannende Herausforderungen darstellen. Die Genderfrage ist für mich nicht so relevant.

Was finden Sie an Banken interessant?

Mich interessieren Fragen auf verschiedensten Ebenen: angefangen bei ganz operativen Fragen beispielsweise zur optimalen – im Sinne von verzerrungsfreien – Gestaltung von Kreditprozessen über Fragen zu strategischen Ausrichtungen von Banken im aktuellen, schwierigen Umfeld bis hin zu Fragen der Bankenregulation bieten Banken ein sehr spannendes, aber eben auch viel diskutiertes Forschungsfeld.

«Verzerrungsfreie Gestaltung von Kreditprozessen» – was soll man sich darunter vorstellen?

Wir gehen – unter anderem in einem Forschungsprojekt – der Frage nach,
ob es allenfalls Fehlanreize gibt im Informationsaustausch zwischen Kundenberatern, Kreditanalysten und Kunden, die, wenn sie bei Kreditanträgen systematisch auftreten, das System negativ beeinflussen.

Da gab es ja in den USA grobe Auswüchse mit fatalen Folgen ...

Ja, genau. Das ist auch ein Grund, warum wir das jetzt vertieft untersuchen.

Banken, insbesondere Schweizer Banken, erleben turbulente Zeiten. Beeinflusst das Ihre Arbeit?

Es beeinflusst meine Arbeit in dem Sinne, dass Fragestellungen und Ergebnisse aus der Forschung vor dem Hintergrund der turbulenten Zeiten neu bewertet werden müssen. Gleichzeitig greifen Forschung und Lehre natürlich aktuelle Aspekte auf. Hier gilt es aber auch unabhängig zu bleiben und neutral zu entscheiden.

Wie beurteilen Sie denn die Geschäftsstrategien der Schweizer Banken in den vergangenen Jahren?

Die Schweizer Banken haben sehr erfolgreiche Geschäftsstrategien verfolgt und damit den Ruf des Schweizer Bankplatzes begründet, aber auch gute Renditen erzielt. Jetzt gilt es, diese Geschäftsstrategien zu überprüfen und den aktuellen Gegebenheiten anzupassen.

Glauben Sie denn, die Schweizer Banken können auch ohne Bankgeheimnis überleben?

Auf jeden Fall. Das banktechnische Know-how ist vorhanden und durch die aktuellen Probleme nicht tangiert. Die Anpassungen haben ja schon vereinzelt stattgefunden, zum Beispiel mit dem Ausbau von Onshore--Präsenzen in wichtigen Marktgebieten. Der politische Druck führt dazu, dass dieser Prozess jetzt beschleunigt wird.

Mit Sparern und Kreditvergabe verdienen die Banken fast kein Geld mehr. Stehen wir vor einer weiteren Strukturbereinigung?

Dies sehe ich etwas anders: Das traditionelle Geschäftsmodell der Fristentransformation – also des kurzfristigen Aufnehmens und des langfristigen Ausleihens von Geld – hat sich in der Finanzkrise als stabiles Modell erwiesen. Die Margen sind in diesem Geschäft zwar unter Druck, doch sehe ich hier keine zwingende Strukturbereinigung auf uns zukommen. Es gilt vielmehr, dieses Modell anzureichern um komplexe, schwer austauschbare persönliche Dienstleistungen wie zum Beispiel die Finanzplanung. Sie generiert einen echten Mehrwert für den Kunden und erschliesst den Banken alternative Einnahmequellen.

Die Politik fordert, dass sich grosse Banken aufspalten sollten. Ist das sinnvoll?

Die Finanzkrise hat zu einer Bewusstseinsschärfung in Bezug auf grosse und insbesondere systemrelevante Banken geführt. Dass diesem Aspekt Sorge in Bezug auf angepasste Eigenkapitalvorschriften oder Krisenpläne zur geordneten Abwicklung von systemrelevanten Instituten getragen wird, halte ich für notwendig und sinnvoll. Die undifferenzierte Forderung nach einer Aufspaltung von grossen Banken halte ich jedoch für riskant, denn Grösse kann nicht das alleinige Kriterium sein.

Man hat den Eindruck, die Banken suchen immer neue Wege, um Kreditrisiken zu verstecken (zum Beispiel Verbriefung). Die Banken misstrauen einander und die Kunden den Banken. Wie kann das Vertrauen wiederhergestellt werden?

Hier denke ich, dass nur Transparenz Vertrauen schaffen kann: Dies gilt sowohl im Kreditprozess, bei dem zum Beispiel Kunden und Banken offen über die angewendeten Ratingmodelle sprechen sollten, aber auch für beispielsweise die Verbriefungsaktivitäten der Banken, die zur Refinanzierung oder für das Risikomanagement ein wichtiges Instrument sind. Verbriefungen können ein sinnvolles Instrument zum strategischen Risikomanagement der Banken sein. Sie müssen allerdings seriös eingesetzt und entsprechend offen kommuniziert werden.

Wenn Sie angehende Banker ausbilden, ist da Ethik irgendwie ein Thema?

In unserer Ausbildung kommen ethische Aspekte verstärkt zum Tragen. Die Bedeutung in unserem Lehrplan nimmt sogar zu, auch dank Austausch mit Schwesterinstituten, in denen Nachhaltigkeit eine bedeutende Rolle spielt. Und dank der Verpflichtung von Praxisreferenten, die Ethik in der Finanzwelt leben und in das Curriculum einbringen. Auch diskutieren wir mit unseren Studenten viel und kontrovers über das Geschäftsgebaren von Finanzmarktakteuren. Hier mahnen wir zu einer kritischen Reflexion und einem «gesunden Menschenverstand» im Umgang mit insbesondere den Ergebnissen von Risikomodellen.

(az Solothurner Zeitung)