Giesser und Giessereien, Eisen und Stahl sowie deren Verarbeitung waren von grosser Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung im Kanton Solothurn. Die wirtschaftliche Blüte des Kantons in der Zwischenkriegszeit gründete zu einem guten Teil auf der Eisen- und Metallindustrie. Solothurn war in dieser Zeit politisch und wirtschaftlich eine bedeutende Wirtschaftsregion in der Schweiz. So war der Präsident des Arbeitgeberverbandes der Metallindustrie (ASM), Mitunterzeichner des Friedensabkommens und Von-Roll-Generaldirektor Ernst Dübi ein Solothurner. Der Kanton stellte auch in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit die beiden Vorsteher des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes, Hermann Obrecht und Walther Stampfli.

Kürzlich hat nun der aus einer 150-jährigen Giesserei-Dynastie stammende und in Deutschland studierte Giessereiingenieur Hanspeter Britt unter dem Titel «Giesser und Totengräber» ein Buch veröffentlicht, das – wie bereits der Titel ankündigt – auch den Niedergang der Giessereien in der Schweiz beleuchtet. Die Eisenwerke Von Roll nehmen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle ein. Das von Ludwig von Roll gegründete Unternehmen war während mehr als einem Jahrhundert bis vor wenigen Jahrzehnten das grösste schweizerische «Eisenwerk».

Ökonomisch denkende Manager als Totengräber

Britt beschreibt den Aufstieg und Niedergang der Metall- und Giessereiunternehmen anhand einer etwas schematischen Sichtweise, der schon Karl Marx angehangen hatte: Hier die guten und innovativen Unternehmer und Patrons, dort die bösen Manager und Finanzkapitalisten. Nach Britt gibt es so – überspitzt und in Anlehnung an Marx formuliert – einerseits den «Schaffer-» und andererseits den «Rafferkapitalisten». Britt schreibt: «Inkompetenz, Raffgier und Materialismus waren die grössten Feinde der Giessereiindustrie.»

Während der «Schafferkapitalist» sein Geld durch inneres Engagement und durch werktätige Arbeit verdient, verspekuliert sich der kühl und einzig ökonomisch denkende, technisch unkundige Manager sein Vermögen. Zu den «Totengräbern» gehören entsprechend Britts Positionierung die «Rafferkapitalisten», das heisst, die auf den kurzfristigen Gewinn ausgerichteten Manager und Investoren. Bei Von Roll – wo Britt selbst zuerst als Berater und ab Ende 70er-Jahre als Giessereifachmann angestellt war – seien es vor allem die «Erbsenzähler» rund um John Wohnlich gewesen, die für den Untergang des Unternehmens verantwortlich gewesen seien. Sie hätten mit der Übernahme der Von-Roll-Leitung in den 70er-Jahren den Niedergang des patriarchalen Unternehmertums und so auch den Untergang des Unternehmens überhaupt eingeläutet.

Das Vorwort zum Buch verfasste der bekannte Industriehistoriker Hans-Peter Bärtschi. Bärtschi umschreibt diese Phase der Veränderung – wie sie auch bei anderen grossen Giessereiunternehmen wie Sulzer oder Escher Wyss stattfand – mit dem romantisierenden Diktum, dass nun die «Distanz der Manager zu Kunden, Ingenieuren und Arbeitern» gegenüber den früher «stolzen Arbeitern und Lehrlingen» dominiert habe. Mithin also die «Rafferkapitalisten» (Finanzleute und Manager) die «Schafferkapitalisten» (Praktiker und patriarchale Unternehmer) aus dem Markt gedrängt hätten. Damit sei – so wird implizit angenommen – der Niedergang der Giessereien eingeläutet worden, beziehungsweise seien die «Totengräber» – wie sie ja Britt im Titel zu seinem Buch aufführt – zum Zuge gekommen.

Der Metallurge, der den Niedergang bei Von Roll einleitete

Diese Ausführungen lohnen einen kritischen Rückblick auf die Geschichte der Giessereien sowie der Eisen- und Stahlindustrie in der Schweiz und insbesondere auf die Von-Roll-Werke. Denn die vermeintlich «glorreiche» Zeit dieser Industriezweige – und insbesondere der Eisenwerke Von Roll – wird ja vor allem in der Nachkriegszeit bis in die 70er-Jahre vermutet. Doch gerade in dieser Epoche wurden bei Von Roll die eigentlich entscheidenden Weichenstellungen eingeleitet, welche wesentlich zum Niedergang beitrugen.

Prägend für die Entwicklung der Nachkriegszeit war vor allem der Von-Roll-Generaldirektor Robert Durrer. Durrer, geboren 1890 in Arbon und 1978 in Zumikon verstorben, wurde bereits als 38-Jähriger als Professor für Eisenhüttenkunde an die Technische Hochschule Berlin berufen, wo er als Metallurge und Mitglied der stark nationalsozialistisch geprägten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im technologischen Zentrum der deutschen Kriegsvorbereitung tätig war. 1943 kehrte Durrer in die Schweiz zurück und trat eine Stelle als Generaldirektor bei Von Roll an. Gleichzeitig wurde er auch als Professor für Metallurgie an die ETH in Zürich berufen. Von 1952 bis 1959 war Durrer Direktoriumspräsident der Von Roll und übernahm anschliessend von Walther Stampfli – er war 1947 als Bundesrat zurückgetreten – das Präsidium des Von-Roll-Verwaltungsrates bis 1969. Im Buch von Britt wird Durrer bloss nebenbei als ETH-Metallurge erwähnt, nicht jedoch in seinen wichtigen Funktionen bei Von Roll.

Durrers Fähigkeiten und seine Forschungen als Metallurge waren und sind unbestritten: So entwickelte er 1948 beispielsweise in einer Pilotanlage der Von Roll in Gerlafingen ein Verfahren zum Stahlfrischen mit reinem Sauerstoff (Sauerstoffaufblas-Verfahren). Dank diesem Verfahren konnte eine bessere Stahlqualität bei kleineren Produktionskosten erreicht werden, wie Verwaltungsratspräsident Walther Stampfli anlässlich der Generalversammlung des Unternehmens im Jahre 1950 hoffnungsfroh verkündete. Benannt wurde das Verfahren zur Auffrischung von kohlenstoffreichem Roheisen zu kohlenstoffarmem Stahl allerdings nach den Orten Linz (Oberösterreich) und Donawitz (Steiermark), wo es verfeinert und im Produktionsprozess angewandt wurde. In der Schweiz, bei Von Roll, wurde das Linz-Donawitz-Verfahren kaum verwendet, da nicht genügend Roheisen für eine rationelle Auffrischung zur Verfügung stand.

«Das Nur-in-Geld-Denken könnte sich einmal bitter rächen»

In seiner politisch-strategischen Ausrichtung war Durrer ein Ideologe des «Eisens», ein überzeugter Anhänger der Auffassung, dass der nächste Krieg bevorstehe und es dabei vor allem darum gehe, entsprechende Eisen- und Stahlgiessereien sowie Stahlproduktionsanlagen zur Deckung des Bedarfs an Rüstungsgütern für den Kriegsfall bereitzustellen. Für Durrer war Eisen in diesem Sinne ein «Schicksalsmetall». Dazu war Durrer ein Moralist, beseelt von hohen Idealen fernab von der verpönten Geldwirtschaft. Durrer war gegen marktwirtschaftliches Denken: «Das Nur-in-Geld-Denken anstatt in Rohstoff könnte sich einmal bitter rächen.» Und er blieb weiterhin und auch nach dem Kriege Anhänger einer korporatistisch-idealistischen Philosophie, die eines der Fundamente des Nationalsozialismus bildete: «Auf lange Sicht gibt es nur eine Abwehr gegen das Gift des Kommunismus: Eine innere Wandlung des Einzelnen und damit der Völker durch die Erkenntnis, dass ein auf die Gemeinschaft ausgerichtetes Leben edler und schöner ist als ein nur den vermeintlich persönlichen Vorteil suchendes, dass dem Gewissen und nicht dem Verstand, dass der Seele und nicht der Materie die Führung gebührt.» Mit diesen Ausführungen schloss Durrer nahtlos an die in der Zwischenkriegszeit geäusserten Gedanken des damaligen Von-Roll-Generaldirektor Dübi an, der vor allem den ethischen Wert unternehmerischer Tätigkeit betonte.

Hohe Investitionen in die Giesserei und Stahlerzeugung

Es ist daher nur folgerichtig, dass Durrer während seiner ganzen Tätigkeit bei Von Roll Investitionen in die Giesserei und die Stahlerzeugung vorantrieb, obwohl bereits seit 1963 feststand, dass Von-Roll-Spezialitäten wie Kraftwerksbau, Seilbahnen, Kehrichtverbrennungsanlagen und Abwasser-Kläranlagen insgesamt ertragreicher waren. Noch 1968 steht im Von-Roll-Geschäftsbericht, von den in den letzten zehn Jahren vorgenommenen Investitionen in der Höhe von 241 Millionen Franken seien rund «ein Fünftel auf das Stahl- und Walzwerk und je zwei Fünftel auf die Giessereien beziehungsweise die Weiterverarbeitungsbetriebe» aufgewendet worden. Durrers Traum von einem Ruhrpott bei Gerlafingen scheiterte in der Folge an der Realität der Marktwirtschaft.

Abschottung
und Rüstungswirtschaft

Parallel zu dieser «Ideologie des Eisens» wurde der Philosophie der Abschottung zwecks Aufrechterhaltung der Selbstversorgung gefrönt, denn nur so liess sich die eingeschlagene Strategie rechtfertigen: Für die Eisen- und Stahlproduktion musste genügend Schrott vorhanden sein. Von Roll machte sich daher für ein Exportverbot stark. Zum Teil wurde mit zweifelhaften Methoden für Dumpingpreise und gegen die Ausfuhr gekämpft. So erliess etwa ein früherer Von-Roll-Direktor und späterer Leiter der eidgenössischen Sektion für Eisen und Maschinen 1954 willkürlich für bestimmte Metalle eine Ausfuhrbeschränkung. Er verfügte: Sie seien exklusiv Von Roll anzubieten.

Mit der Öffnung der Märkte wie etwa durch die Freihandelszone wurde auch der Ruf nach «einem minimalen Zollschutz» für die Eisen- und Stahlindustrie laut. Gleichzeitig wurde das Engagement in der Rüstungsindustrie (Panzer Pz 61 und Pz 68) vorangetrieben. Das verschaffte zwar einzelnen Sparten der Von Roll wie etwa der Hydraulik Spielraum für Weiterentwicklungen, verzögerte aber gleichzeitig deren Einstieg in den marktorientierten Zivilsektor.

Das Hohelied auf das «Eisen» des vielfach ausgezeichneten Metallurgen Durrer hatte weitere verhängnisvolle Auswirkungen auf die Geschäftsstrategie der Von Roll: Vielfach wurde im Stahl- und Giessereisektor nur ungenügend rationalisiert und Varietäten zu stark gepflegt. Die Rentabilität der Produktion war kaum ein Thema. Mangels einer klaren Strategie konkurrenzierten sich auch die einzelnen Werke untereinander.

In einer zunehmend auf den Markt ausgerichteten Gesellschaft war diese, von Durrer gepflegte Geschäftsstrategie nicht mehr durchzusetzen und geriet nach dem Ölschock und der Öffnung der Märkte in arge Bedrängnis. Dazu kam, dass in diesem vorwiegend auf Massenproduktion (Bauindustrie etc.) ausgerichteten Sektor in der Hochpreisinsel Schweiz zunehmend nur noch spezialisierte Nischenprodukte marktkonform hergestellt werden konnten.

Warnung vor der Börse und
der Marktwirtschaft

Der Autor des Buches zur Geschichte der Schweizer Giessereien, Hanspeter Britt, träumte noch in den 70er-Jahren mit Bezug auf die Schweiz davon, «dass in wenigen, dafür aber grösseren Firmen mehr produziert werde». Er musste später – wie er selbst etwas resigniert schreibt – feststellen: «Das Gegenteil trat ein. Hier wurde in weniger, aber kleineren Giessereien weniger produziert.» Britt sieht denn auch in diesen patriarchal geführten Klein- und Mittelunternehmen die Zukunft der Giessereien in der Schweiz. Und warnt im Rückblick gleichzeitig vor der Börse: «Das Geld, vor allem dasjenige in börsenkotierten Firmen, behielt immer mehr die Oberhand. Gewinnmaximierung war das Schlagwort … Wachstum bedeutete Macht; viele Unternehmer wurden macht- und geldhungrig …» Da beginnt sich der Kreis zu Durrer, der ebenfalls ein Gegner der Marktwirtschaft war, wieder zu schliessen.