Was plant Biogen konkret in Luterbach?

Natascha Schill: Wir produzieren heute Biopharmazeutika in drei Werken, zwei in den USA und eines in Dänemark. Dieses Produktionsnetzwerk wollen wir mit dem Standort Luterbach erweitern.

Warum fiel die Wahl für die neue Produktion auf Luterbach und nicht auf ein kostengünstigeres Land, beispielsweise in Osteuropa oder Asien?

Wir haben weltweit nach einem Standort gesucht. Kriterien waren stabile und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, eine gute Infrastruktur und Zugang zu gut ausgebildeten Arbeitskräften. Die Schweiz steht mit dem sehr guten Bildungssystem an vorderster Stelle. Und Luterbach deshalb, weil wir hier ein sehr gut geeignetes und genügend grosses Grundstück gefunden haben. Wir wollen auch geografisch diversifizieren. 

Flug mit der Drohne übers Areal Attisholz Süd

Es fällt auf, dass sich Biogen mit Bund und Kanton rasch gefunden haben. Was war der Treibstoff?

Der Erstkontakt fand über die Aussenhandelsorganisation Switzerland Global Enterprise, der früheren Osec statt. Die anschliessende Zusammenarbeit mit den Behörden auf Bundes- wie insbesondere auf Kantonsebene war hervorragend und hochprofessionell. Natürlich war auch die Nähe zum Hauptquartier von Biogen International in Zug ein Vorteil.

Hat Solothurn nicht mit massiven Steuerleichterungen gelockt?

Nein. Wir haben dieselben Bedingungen erhalten wie andere Neuansiedlungen auch.

Biogen will 400 Arbeitsplätze in Luterbach aufbauen. Welche Art von Jobs sind das?

Es wird eine Mischung aus hoch qualifizierten Fachleuten und gut ausgebildeten Berufskräften sein. Es wird Arbeitsplätze im Betrieb der Anlage, in Labors, in der Verwaltung und in der Logistik geben.

Werden Sie angesichts des Fachkräftemangels die entsprechenden Personen finden?

Wir sind überzeugt davon. Die Lage von Luterbach spricht für sich. Die drei Zentren Zürich, Basel und Bern mit Universitäten und Fachhochschulen sind nahe. Und für den Unterhalt der Anlegen, der Logistik usw. braucht es gute ausgebildete Arbeitskräfte, die es gewohnt sind, präzise und zuverlässig zu arbeiten. Da ist die Region Solothurn mit ihrer Historie in der Präzisionsindustrie gut aufgestellt.

Biogen kauft vom Kanton 22 Hektaren Land. Da sind Reserven für den Weiterausbau vorhanden. Wie sieht es da aus?

Wir werden nicht das gesamte Gelände für die erste Anlage benötigen. Es ist alles modular aufgebaut und kann jederzeit und rasch erweitert werden. Falls die sich in der Pipeline befindlichen klinischen Medikamente als erfolgreich erweisen werden, werden wir auch mehr Produktionskapazitäten benötigen. Wir gehen von einem weiteren Wachstum aus und Luterbach ist eine Investition in die Zukunft. Aber jetzt läuft der Aufbau der ersten Produktion an, wofür wir rund eine Milliarde Franken investieren werden.

Das ist eine unglaubliche Summe . . .

. . . das ist sehr viel Geld. In Luterbach wird der Wirkstoff für den weltweiten Markt produziert werden. Wir müssen alle gesetzlichen Auflagen, sei es von der Swissmedic, der FDA oder der europäischen Behörden erfüllen, weil bei Medikamenten die Sicherheit des Patienten im Mittelpunkt steht. Zudem ist die Produktion hochkomplex. Das alles bedingt diese gewaltigen Summen in Bauten, Technologien und Anlagen.

Biogen: Pharma-Riese baut in Luterbach

Für einmal werden nicht Arbeitsplätze gestrichen, sondern hunderte geschaffen. Auf dem ehemaligen Borregaard Südareal entsteht bis 2019 das neue Produktionsgebäude der Firma `Biogen`.

Braucht Biogen mehr Kapazitäten?

Ja. Unsere Pipeline für potenzielle Medikamente ist so gut gefüllt und einige so weit fortgeschritten, dass wir mehr Produktionskapazitäten benötigen.

Was wird in Luterbach produziert?

Es sind Biopharmazeutika, also Medikamente, die nicht chemisch wie in «normalen» Pharmafirmen hergestellt werden. Wir setzen vielmehr Mikroorganismen ein, in diesem Fall lebende Säugetierzellen. Das bei der Zucht gewonnenen Protein ist der Wirkstoff für die Arzneimittel. Die Produktion umfasst die Anzucht, die Fermentation, die Aufreinigung und zuletzt die Formulierung. Das heisst, die Proteine werden in eine stabile Form und in Behälter übertragen. Wo die Endverarbeitung wie abfüllen, kennzeichnen und verpacken erfolgt, ist noch offen. 

Welche Krankheitsbilder werden mit Ihren Medikamenten behandelt?

Biogen versucht, die biologischen Ursachen von Krankheitsbildern zu verstehen. Darauf basierend entwickeln wir in Zusammenarbeit mit Universitäten auf der ganzen Welt Therapien. Im Bereich Multiple Sklerose sind wir heute weltführender Anbieter von Medikamenten. Wir betreiben Forschung und Entwicklung auch in anderen neurologischen Krankheitsfeldern wie Alzheimer oder Hämophilie, einer Erbkrankheit, die zu einer Störung der Blutgerinnung führt.

Ist die Produktion in den Fermentern gefährlich für Mensch und Umwelt?

Die Risikoklasse einer biotechnologischen Produktion ist viel tiefer als bei einer chemischen Herstellung. Die Mikroorganismen leben in einer wässrigen Lösung, gefüttert mit Zucker, Vitaminen und Salzen. Diese können nur in den Fermentern überleben, ausserhalb sterben diese sofort. Die Mikroorganismen wachsen bei einer Temperatur zwischen 25 und 37 Grad auf. Selbst wenn ein Tank ausfliessen sollte, passiert nichts. Es ist ein geschlossenes System. Es werden keine Mikroorganismen freigesetzt.

Gibt es spezielle Sicherheitsauflagen, die erfüllt werden müssen?

Die Anforderungen sind, weil es um die Herstellung von Medikamenten geht, sehr hoch. Die Branche ist streng reguliert. Es gibt auch eine Bundesgesetzgebung, welche den Betrieb solcher Anlagen klar regelt. Hinzu kommt eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Biogen ist seit langer Zeit der Nachhaltigkeit verpflichtet. Am letzten WEF in Davos wurde Biogen wiederholt als nachhaltigste Firma der Welt ausgezeichnet.