Adoptionsrecht
Aktualisiert am 23.02.12, um 07:23 von Christoph Bopp
 

Wenn Samenspender und Regenbogenfamilien sich immer mehr durchsetzen

«Familienbande»: 15 einfühlsame Porträts (Limmat Verlag Zürich).
Quelle: ho
Trotz des Widerstands von rechts gegen die Stiefkindadoption bei homosexuellen Paaren: Immer mehr Menschen nehmen sich auch in der Schweiz das Recht heraus, so leben zu wollen, wie sie das für gut befinden. von Christoph Bopp
 

Niemand weiss eigentlich warum, aber das Thema ist heikel. Wenn es um «unübliche Familienverhältnisse» geht, ist es zwar durchaus möglich, dagegen zu sein. Aber man kann nicht recht sagen, warum. Irgendwie geistert in den Hinterköpfen das Wörtchen «unnatürlich» herum. Vielleicht spielt auch stark herein, was man sich «vom Tierreich» fantasiert.

Keine Ahnung, ob das wirklich so ist, aber man stellt sich gerne vor, dass die Natur die «Familienverhältnisse» stabil geordnet hat: Tiere leben in Herden, in Gruppen, als Einzelgänger, als «Kleinfamilien» und so weiter. Auf jeden Fall immer gleich.

Da ist die Einsicht schmerzlich, dass das beim Menschen anders sein soll. Dass die «Familie» früher in einer «Horde» integriert gewesen sein mag, geht noch. Aber Mutter, Vater und Kind(er), allenfalls Grosseltern – diese Konstellation steckt irgendwo tief in den meisten von uns drin.

«Natürlich» ist für einmal modern

Dabei ist das, was wir als «natürlich» und «normal» empfinden, «die enge Verbindung von Sexualität, Partnerschaft und Kindererziehung» – wie man es abstrakt benennen kann – , «eine Setzung unserer Zeit», wie es der Historiker formuliert. Die «traditionelle Kleinfamilie» hat eine Tradition, die kaum länger ist als die des Staubsaugers.

Dass die biologischen Eltern allein zuständig waren für die Aufzucht und Erziehung der Kinder war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit allenfalls in der Unterschicht üblich. Oben und in der oberen Mitte ging es anders zu. Da gab es Geliebte, homosexuelle Partnerschaften – eigentlich alles, was heute ein Problem sein könnte.

Der Historiker sagt, das Fortschrittsideal und die Individualisierung seien daran schuld, dass alles anders wurde. Mag sein. Dennoch spuken die Gedanken, dass es in der traditionellen Form «für das Kind das Beste sei», hartnäckig in unseren Köpfen herum. Wir sind borniert, klar, aber es einzugestehen heisst noch lange nicht, sich auch damit abzufinden.

Es gibt alles – und es funktioniert

Und doch funktioniert es. Christina Caprez hat in einfühlsamen Porträts so ziemlich alle kombinatorischen Möglichkeiten der «sozialen Reproduktion» abgebildet: Nicht nur schwule Väter und lesbische Mütter mit ihren jeweiligen Kindern, sondern auch Kinder, die mit drei Vätern aufwachsen, Grossfamilien, die nicht miteinander verwandt sind, komplizierte Patchwork-Familien mit Kindern aus mehreren Beziehungen – alles gibt es.

Und es funktioniert, wenn man die Bedingungen des Zusammenlebens achtet: Rücksicht und Zurücknahme, gegenseitiger Respekt. Alles andere ergibt sich, wenn man will. Natürlich geht es nicht ohne Konflikte ab, aber der Mensch ist als «soziales Wesen» – wenn man Nietzsches berühmtes Diktum zuzieht – offenbar so wenig «festgestellt» wie als biologisches.

(az)